Von Hannes Gamillscheg, 23.11.08, 19:58h
„Wie eine Naturkatastrophe“ hat die Krise Island getroffen, sagt Solveig Olafsdottir, Sprecherin des Roten Kreuzes. „Wir sind ein Volk im Schockzustand.“ Die Banken sind pleite, die Baukräne stehen still, die Arbeitslosigkeit hat sich verdoppelt und wird im nächsten Jahr auf zehn bis 20 Prozent hochschnellen. Und das in einem Land, in dem „Arbeit heilig“ war, wie es der Schriftsteller Einar Mar Gudmundsson nennt, und das deshalb auf Massenarbeitslosigkeit nicht vorbereitet ist. Vom Arbeitslosengeld kann niemand leben.
Der Verfall der Krone macht das früher so teure Island zu einem Schnäppchenland für Touristen. Für die Isländer ist die Wirklichkeit eine andere. Die sehen eine Inflation, die auf 20 Prozent zusteuert, und Lebensmittelpreise, die sich teilweise verdoppelt haben. Die Isländer, die sonst wahllos kauften, was sie haben wollten, schauen jetzt auch beim Discounter sehr genau auf die Kosten, und die Läden mit den teuren Edelmarken sind selbst an den langen Einkaufssamstagen gähnend leer.
Stattdessen strömen die Menschen vor das Parlament, wo Samstag für Samstag die Protestkundgebungen wachsen, 600 waren es anfänglich, 6000 zuletzt. Das ist enorm in einem Land mit 320 000 Einwohnern. In Windjacken und Pelzmänteln, mit Hund und Kinderwagen, Alt und Jung, Männer und Frauen, mit schwarzen Anarchistenfahnen und den blauen der EU, alle sind sie da, alle ballen die Fäuste, alle stimmen jubelnd ein, wenn die Redner den Rücktritt von Notenbankchef und Ministerpräsident fordern, und dass jemand die Verantwortung übernehmen müsse für das Debakel.
Der Zorn wächst. „Wie die DDR vor dem Fall der Mauer“, meint Gudmundsson, der Dichter, einer der führenden Köpfe des Aufruhrs. „Das politische System hat alle Glaubwürdigkeit verloren.“ Mit der Liberalisierung der Banken habe es begonnen, als die Politiker „den Reichtum des Volks ihren Freunden schenkten“, die Banken unkontrolliert und dem Land über den Kopf wuchsen. Das Zwölffache des Sozialprodukts war ihre Bilanzsumme zuletzt. Bis alles zusammenkrachte wie das sprichwörtliche Kartenhaus.
Ein „nationaler Zustand der Verleugnung“ habe Island geprägt in den Jahren des Booms, sagt der Nationalökonom Gylfi Magnusson, einer der wenigen, die damals schon warnten, dass es nicht gut gehen könne, wenn man „vier Kronen verprasst, obwohl man für drei produziert hat“. Damals wurden die Warner als Neider abgestempelt und lächerlich gemacht. Man gab weiter Vollgas, trotz Rotlicht. Mit Blindheit geschlagen sind nicht nur Banken und Finanzfürsten, Regierung und Aufsichtsorgane. „In einer so kleinen Gesellschaft breiten sich Epidemien rasch aus“, sagt Magnusson. Wenn der ehemalige Klassenkamerad plötzlich Milliardär ist, denken andere: „Der war nicht klüger als ich, das kann ich auch.“
Ganz normale Arbeitnehmer luden sich Schulden auf, die sie nun nicht mehr tragen können. In Reykjavik gibt es mehr Luxusautos als in Londons City, schicke Häuser, wo man vor einer Generation noch sehr primitiv wohnte, rasanten Lebensstil, teure Gewohnheiten - alles auf Pump. Doch die Kredite wachsen mit der Inflation, der Leitzins beträgt 18 Prozent, die Schulden auf den Häusern sind höher als deren fallender Wert, und jetzt bangen alle um Job und Auskommen. „Wenn die Kinder im Bett liegen, hören sie, wie die Eltern flüstern, weil sie Angst um Haus und Arbeit haben“, sagt der Pastor Palmi Matthiasson. „Die Gier hatte wohl überhandgenommen, und jetzt lernen wir auf die harte Art.“
„Wäre Island ein Mensch, er wäre längst in der Klapsmühle mit Nervenzusammenbruch“, sagt Gudmundsson, und wenn zwei oder drei zusammenkommen, gibt es momentan nur ein Thema: wer Schuld hat an „Kreppa“, der Krise. Die Schwefelquelle im Freiluftbad, wenn von oben der Schneeregen prasselt und unten das heiße Wasser brodelt, hat hier die Funktion des Stammtisches. Da brodelt auch der Volkszorn gegen die Obrigkeit, und der den Isländern eigene Galgenhumor blüht. Da erzählt einer, dass er das Risiko streuen wollte und sein Erspartes fürs Rentenalter auf Aktien in den drei Großbanken aufteilte. Ade, schönes Geld! Ein anderer will hören, ob wir wissen, wie man einen Bankier vorm Ertrinken rettet. Nein? „Gut so!“ Und noch so ein Witz: „Was haben Islands Banken und Islands Nudisten gemeinsam? „Alles Wertvolle ist eingefroren.“
Ehe es besser wird, wird alles noch viel schlimmer. Das nächste Jahr wird hart, ein Einbruch um zehn Prozent ist realistisch, jeder Dritte denkt daran abzuwandern. Benedikt Stefansson, der als Chefvolkswirt der Landsbanki miterlebte, wie die Regierung bis zuletzt Warnungen überhörte, hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die sich „Novemberaufruhr“ nennt.
Drei Forderungen nennt Stefansson: erstens einen Wechsel an der Spitze der Zentralbank. Dann eine unabhängige, von ausländischen Experten geleitete Untersuchung, was geschah. Und schließlich „brauchen wir den Euro, und dazu müssen wir in die EU.“
Schulden für vier Generationen
Das sehen jetzt 60 bis 70 Prozent der Isländer ebenso. Nicht aus Europaliebe, sondern aus „Sehnsucht nach Stabilität“ sei das Umdenken erfolgt, meint auch Einar Mar Gudmundsson. Er verlangt zusätzlich den Rücktritt der Regierung, ein Übergangsregime aus Experten und dann Neuwahlen. Ein Antreten des „Novemberaufruhrs“ bei solchen Wahlen will Stefansson nicht ausschließen, denn von den jetzigen Parteien sind alle in die Finanzskandale verstrickt außer dem links-grünen Bündnis, das aber will von Euro und EU nichts wissen.
„Man redet davon, dass wir vier Generationen lang verschuldet sein werden, und dass die, die noch gar nicht geboren sind, immer noch für die Dummheit dieser paar Jahre zahlen werden“, sagt Solveig Olafsdottir. An der Wirtschaftsfakultät der Universität sehen die Studenten die Lage nicht so schwarz. „Ja, unsere Chancen sind beeinträchtigt“, sagt Egill, „aber in drei, vier Jahren, wenn ich den Abschluss mache, wird es wieder besser sein.“ Grund für diesen Optimismus gibt ihm just Gylfi Magnusson, der düstere Warner: „Grundsätzlich ist die isländische Wirtschaft ja gesund“, sagt dieser, „wir sind reich an Rohstoffen, Fisch, Wasser, billiger Energie und haben eine gut ausgebildete und flexible Arbeitskraft. Es gibt also keinen Grund, warum wir uns nicht wieder herausarbeiten könnten aus dem Morast.“
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