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Frauen in Angst

Zwang zur Abtreibung

Von Kirsten Boldt, 24.11.08, 22:33h, aktualisiert 25.11.08, 09:28h

Pro Monat bitten vier bis fünf Türkinnen, die vor ihrer Ehe schwanger wurden, in den Beratungsstellen um Hilfe. Sie stehen unter großem kulturellen Druck, weil von ihnen erwartet wird, als Jungfrauen zu heiraten.

Köln - Man muss das endlich offen ansprechen“, findet Margrit Zimmermann. „Zu den am stärksten tabuisierten Eingriffen ins Leben von Frauen in unserer Gesellschaft gehören die Abtreibungen bei jungen Türkinnen, die vor ihrer Heirat schwanger werden, aber als Jungfrauen in die Ehe gehen müssen.“ Als Leiterin der Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität und Familien des Paritätischen in Frechen erlebt sie seit 24 Jahren die Nöte dieser werdenden Mütter: „Es sind keine Einzelfälle. Zwei bis drei Frauen kommen pro Monat in dieser Lage in die Beratung.“ Eine Erfahrung, die Susanne Just-Mackensen von der Kölner Beratungsstelle Pro Familia nur bestätigen kann: „Wir schätzen die Zahl in Köln noch höher ein auf vier bis fünf Frauen.“

Im Erftkreis hat sich bei den Beraterinnen ein internes Erkennungswort für diese Beratungsform eingebürgert: „Same procedure.“ Es bedeutet so viel wie „dasselbe Verfahren“ und ist Ausdruck für ein Schema: Die Frauen kommen aus denselben Gründen und allen muss auf dieselbe Art geholfen werden. „Die Schwangeren werden völlig beherrscht von der Angst vor der angedrohten Gewalt durch ihre Väter und Brüder. Um die Ehre ihrer Familien zu wahren, gibt es nur einen Ausweg: die Abtreibung, auch wenn sie den Vater ihres Kindes später heiraten“, berichtet Zimmermann.

In 99 Prozent der Fälle wollen die Frauen unbemerkt abtreiben. „Sie sind sicher auch traurig, aber total allein, dürfen sich niemandem anvertrauen in ihrem Bekanntenkreis. Der kulturelle Druck ist so hoch, dass sie offenbar kaum Gefühle hochkommen lassen dürfen. Es gibt auch Frauen, die sehr viel weinen um ihr chancenloses Kind. Aber die Mehrzahl nimmt die Abtreibung sehr gefasst als Notwendigkeit hin.“ Nach der Abtreibung und auch nach vorehelichem Geschlechtsverkehr bäten die Frauen um weitere Hilfe bei der Suche nach einem Operateur, der ihnen das Jungfernhäutchen wiederherstellt. „Auch dabei unterstützen wir sie dann.“

Als Beraterin findet sie diese kulturellen Gründe für Abbrüche „einfach schrecklich“. Die traditionellen Geschlechterrollen setzten türkische Mädchen unter Druck. „Sie erleben, wie ihre deutschen Freundinnen ungestraft sexuelle Erfahrungen machen können. Auch türkischen Jungen ist alles erlaubt. Da wollen die Mädchen mithalten, die alten Rollenmuster funktionieren hier nicht mehr so. Wenn es dann schiefgeht, müssen sie alles allein ausbaden. Denn das Verstoßen werden von der Familie, die Gewalttätigkeiten durch Brüder und Väter werden noch mehr gefürchtet.“



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