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Türkische Akademiker

Fachkräfte auf dem Absprung

Von Beatrice Faust und Dirk Riße, 25.11.08, 10:45h

Es ist ein ständiger Kampf gegen Rollenmuster und Klischees - ein Kampf, der müde macht. Erdem Kaya mag ihn nicht mehr führen: Nach dem Studium will er seine Koffer packen und in die Türkei ziehen. Der 25-Jährige ist da nicht der Einzige: Jeder dritte Türke mit deutschen Hochschulabschluss überlegt, in die Türkei zu gehen.

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Will nach dem Studium in die Türkei ziehen: Der Student der Geschichte, Germanistik und Islamwissenschaften Erdem Kaya ist in Köln aufgewachsen. Trotzdem fühlt er sich hier behandelt "wie ein Mensch zweiter Klasse". (Bild: Grönert)
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Will nach dem Studium in die Türkei ziehen: Der Student der Geschichte, Germanistik und Islamwissenschaften Erdem Kaya ist in Köln aufgewachsen. Trotzdem fühlt er sich hier behandelt "wie ein Mensch zweiter Klasse". (Bild: Grönert)
Es ist ein ständiger Kampf gegen Rollenmuster und Klischees - ein Kampf, der müde macht. Erdem Kaya mag ihn nicht mehr führen: Nach dem Studium will er seine Koffer packen und in die Türkei ziehen. Im Land am Bosporus boome die Wirtschaft, Facharbeiter seien dagegen rar. „Mit einem deutschen Uni-Abschluss bekommt man dort leicht einen Job“, sagt er.

Der 25-Jährige studiert im fünftem Semester Geschichte, Germanistik und Islamwissenschaften und ist in Köln geboren und aufgewachsen. Doch die Vorurteile der Nachbarn, Bekannten und Lehrer haben ihn bis an die Kölner Universität begleitet. Dort fragen Dozenten ihn schon einmal, warum er als Türke überhaupt studiere. Und deutsche Kommilitonen wundern sich beim gemeinsamen Bier, dass Kaya „so wenig türkisch“ wirke. „Man fühlt sich als Mensch zweiter Klasse“, sagt Kaya.

Kamuran Sezer vom Krefelder Forschungsinstitut Futureorg hat Geschichten wie die von Erdem Kaya gesammelt und erstmals im Rahmen einer eingehenden Studie ausgewertet: „Türkische Akademiker und Studierende in Deutschland“ (TASD). Heraus kamen überraschende Zahlen, die das Institut dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorab zur Verfügung stellte. 35 Prozent der türkischen Akademiker mit deutschen Hochschulabschluss können sich vorstellen, in die Türkei auszuwandern. 42 Prozent von ihnen sind zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber empfinden die Bundesrepublik nicht als ihre Heimat.

Auch Havva Özcan (20) zählt die Jahre, bis sie Deutschland verlassen kann. Noch neun Semester, dann hat die gebürtige Kölnerin ihr Mediziner-Examen in der Tasche. Dann soll es raus aus Deutschland gehen, weg von den neugierigen Blicken der deutschen Kommilitonen, die oft auf ihrem Kopftuch lasten. Weg von Missverständnissen und Vorurteilen. Neulich fragte sie einer ihrer Professoren, ob sie tatsächlich Deutsch verstehe. Das war der Moment, an dem Özcan die Nase voll hatte. „Ich werde auf mein Kopftuch reduziert“, sagt sie „und dazu gedrängt, mich anders zu fühlen - als Ausländerin.“ Das Heimatgefühl schwindet offenbar auch mit den mangelnden Perspektiven auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Immerhin ein Drittel der Studien-Teilnehmer schätzt die wirtschaftliche Lage in Deutschland oder die eigenen beruflichen Chancen als trist ein. Gerade in den Köpfen der Personalchefs mittelständischer Betrieben gebe es noch immer bestimmte Bilder von Türken „Die fragen sich, ob der Bewerber in Konflikten besonnen reagiert oder auch mit Frauen in einem Team zusammenarbeiten kann“, sagt Sozialwissenschaftler Sezer. Klischees mit Folgen: Um einen Job zu bekommen, schreiben türkische Akademiker deutlich mehr Bewerbungen im Vergleich zu deutschen Kandidaten mit einem gleich guten Uni-Abschluss - und seien dreimal häufiger arbeitslos, so das Zentrum für Türkeistudien (ZFT).

Selami Dogan hat man nie genau gesagt, warum er keinen Posten als Chefarzt bekommen hat. Nach dem Examen an der Kölner Hochschule lief es beruflich zunächst gut, da ging es für den heute 40-jährigen Herzchirurgen erst einmal rasch die Karriereleiter hinauf. Assistenzarzt, Oberarzt, Privatdozent. Eine Bilderbuchkarriere. Er arbeitete in de USA, veröffentlichte in internationalen Publikationen, doch zum Sprung in den Chefsessel eines deutschen Klinikums reichte es nicht. Nicht in Köln, nicht in Frankfurt, wo er zuletzt in einem Krankenhaus arbeitete.

Die Luft in den oberen Etagen ist dünn, Chefärzte werden schließlich nicht täglich gesucht, weiß auch Dogan. Aber dass ihn christliche Krankenhäuser nach seiner Konfession fragten, empfindet er schlicht als ethnische Auslese. „Die Konfession spielt wohl kaum eine Rolle, wenn man einen Brustkorb aufmacht“, ärgert sich der Mediziner. Irgendwann war es genug: Vor vier Monaten hat er den Sprung in die Türkei gewagt und arbeitet seitdem in einer Privatklinik in Eskisehir in der ersehnten Position. Bezahlung, Anerkennung und Arbeitsbedingungen stimmten in dem Hospital in der anatolischen Metropole, 200 Kilometer südöstlich von Istanbul. Man habe ihn mit Kusshand genommen. Einfach so.

Verliert Deutschland also eine ganze Generation gut ausgebildeter Fachkräfte, die türkisch sind oder zumindest türkische Wurzeln haben? Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien ist skeptisch. Die „Futureorg“-Zahlen interpretiert er mehr als „Wunschbild der Befragten“ denn als Fakt. Nicht jeder, der auswandern wolle, wisse auch, worauf er sich in der Türkei einlasse. Es gebe Sprachprobleme, Mentalitätsprobleme und die Konkurrenten aus den türkischen Hochschulen würden auch immer besser.

Chirurg Dogan räumt ein, dass es in der Türkei Anpassungsschwierigkeiten gebe. Sein Türkisch sei schlechter als sein Deutsch und Englisch, seine Frau Vijdan - eine Germanistin - suche bislang vergeblich eine Arbeit als Lehrerin. Und die beiden Töchter sehnten sich nach ihren Freunden in Deutschland.

Erdem Kaya, der Kölner Student, den es in die Türkei zieht, glaubt zwar fest an seine Chance in der Türkei. Aber auch er ist sich jetzt schon sicher: „Manchmal werde ich Köln höllisch vermissen.“



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