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Interview mit den Kandidaten

„Mama, was ist ein Türke? Bin ich einer?“

Von Helmut Frangenberg, 25.11.08, 21:44h

Gonca Mucuk-Edis (SPD) und Efkan Kara (CDU) wollen in den nächsten Stadtrat. Ein Gespräch über Beweggründe, kulturelle Identitäten und unterschiedliche Ziele.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Warum sollten die Volksparteien Menschen mit türkischen Wurzeln aufstellen?

EFTKAN KARA: In Köln leben etwa 92 000 türkische Mitbürger. Sie haben einen Anspruch auf sachkundige Vertreter in der Politik, die die Probleme dieser Menschen kennen. Wir können helfen, neue Ideen zu entwickeln, um zum Beispiel den Kindern bessere Zukunftschancen zu geben. Wenn das nicht geschieht, wird das Sozialproblem durch problematische Jugendliche immer größer. Darum möchte ich mich kümmern.

GONCA MUCUK-EDIS: Ich gehe nicht in erster Linie in den Stadtrat, um Probleme zu lösen, die mit einzelnen Gruppen zu tun haben. Natürlich können Leute wie wir zu einer anderen Perspektive, einem differenzierteren Blick bei Problemlösungen beitragen. Ich muss mir aber auch nicht alles überstülpen lassen, nur weil meine Eltern aus der Türkei kommen. Ich fühle mich vor allem als Repräsentantin einer multiethnischen Stadtgesellschaft, in der wir unbestreitbar leben. Und für diese Stadtgesellschaft möchte ich als Kölnerin etwas erreichen.

KARA: Menschen, die hier vernünftig arbeiten und sich integriert haben, sind kein Problem. Aber es gibt eben die vielen arbeitslosen Jugendlichen, die ein Problem darstellen, das sich potenziert, wenn sie selber wieder Eltern werden.

MUCUK-EDIS: Aber auch diese Jugendlichen haben Potenziale und müssen deshalb unterstützt werden. Ich habe nicht die Problembrille auf, sondern spreche lieber von ungenutzten Chancen.

Herr Kara, warum ist es in der CDU so schwierig für Sie, einen sicheren Listenplatz zu bekommen?

KARA: Die CDU ist eine Partei wie jede andere, wo sich viele um gute Plätze bewerben. Das hat nichts mit dem Thema „Ausländer“ zu tun.

MUCUK-EDIS: Sie sehen sich als Ausländer? Auf so eine Idee würde ich nie kommen.

KARA: Das ist doch Wortspielerei. Wir haben jahrelang mit einem türkischen Pass in diesem Land gelebt. Wir sind Deutsche, das merke ich bei jeder Türkeireise. Aber wir haben türkische Eltern. Ich habe irgendwie beides in mir. Die Frage, als was man sich fühlt, wird sich in der nächsten Generation erledigen. Wenn ich mich nicht drum bemühen würde, spräche mein Sohn schon heute kein Türkisch mehr. Ich möchte aber, dass er beide Sprachen kann.

MUCUK-EDIS: Als mein großer Sohn in die Kita kam, fing er plötzlich an, das Türkische zu verweigern und mich zu fragen: Mama, was ist ein Türke? Bin ich einer? Da habe ich mich gefragt, was passiert sein musste, damit ein damals Dreieinhalbjähriger solche Fragen formulieren kann. Um seine Sprachentwicklung im Türkischen weiterhin ausbauen zu können, habe ich damals entschieden, im Auto nur noch türkische Musik zu hören und vor allem mitzusingen. Das hat ihn animiert und mir geholfen, die Zweisprachigkeit spielerisch zu fördern.

KARA: Aber Ihre Kinder würden sagen, dass sie Deutsche sind, oder?

MUCUK-EDIS: Nein. Sie sind zunächst mal Kölner. Dann sind sie Deutsche und Türken, also beides. Und noch mehr: Die Familie meines Mannes hat Wurzeln im Kaukasus, das kriegen sie auch noch mit.

Haben Sie eine Idee für einen besseren Begriff als „Mensch mit Migrationshintergrund“?

MUCUK-EDIS: Wir brauchen den Begriff, um politisch und wissenschaftlich arbeiten zu können. Für den Alltag plädiere ich jedoch dafür, einfach von Kölnern und Kölnerinnen zu sprechen. Ich mag auch das Bild von den Menschen, die angeblich zwischen zwei Stühlen sitzen, nicht. Ich sitze bequem auf beiden und genieße es, zwischen beiden Kulturen hin und her zu surfen.

KARA: Es ist gut, wenn das möglichst viele schaffen. Aber es gibt eben viele Menschen, die noch nicht so weit sind. Und um die müssen wir uns kümmern.

Warum sind Sie in der CDU?

KARA: Die CDU ist eine unternehmerfreundliche Partei. In der Integrationspolitik sehe ich, dass die CDU im Wandel ist und wir Einfluss nehmen können.

Und das „C“ schreckt Sie nicht?

KARA: Nein, die CDU ist eine Volkspartei.

Warum sind Sie, Frau Mucuk-Edis, in der SPD?

MUCUK-EDIS: In der SPD fühle ich mich zu Hause. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass ein Mensch mit Migrationshintergrund Mitglied der CDU wird. Ich erinnere mich noch gut an die Kampagne von Roland Koch gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Das war der Grund, weshalb ich gezögert habe, die deutsche Staatsbürgeschaft anzunehmen.

Nun hat sich die SPD beim Thema Integration in den vergangenen Jahren auch nicht mit Ruhm bekleckert.

MUCUK-EDIS: Aber auch nicht kontraproduktiv gehandelt. Jetzt sind wir auf einem guten Weg.

KARA: Wenn Sie sich anschauen, was die CDU zurzeit im Land oder auf Bundesebene tut, kann man nur fragen: Warum hat die SPD das alles nicht viel früher in ihrer Regierungszeit gemacht? Die CDU hat in der Integrationspolitik viele gute Schritte eingeleitet. Die Denkweisen ändern sich - manchmal etwas langsam. Aber das ist in der SPD genau so.

MUCUK-EDIS: Ich möchte nur das bewerten, was ich in den vergangenen vier Jahren im Integrationsrat erfahren habe. Und da habe ich die Kölner CDU als unzuverlässigen Partner erlebt. Dafür steht auch das Hin und Her bei der Moschee-Entscheidung. Wie kann es sein, dass eine Partei, die zuerst dafür ist, später ihren Oberbürgermeister im Stich lässt?

KARA: Ich hätte mir auch eine andere Entscheidung gewünscht - zumindest eine Enthaltung. Aber ich kann verstehen, dass sich in dieser Frage viele Parteikollegen unsicher waren, weil doch weite Teile der Bevölkerung große Bedenken gegen eine Zentralmoschee hatten.

Das Gespräch führte Helmut Frangenberg



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