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Sportjournalismus

Demagoge gleich Volksverhetzer?

Von Jan-Philipp Hein, 25.11.08, 22:53h, aktualisiert 25.11.08, 23:00h

Die bizarre Gerichtsposse zwischen dem DFB und dem Medienmann Jens Weinreich offenbart die Krise des Sportjournalismus: Kritische Berichterstatter sind Vereine und Verbände nicht mehr gewöhnt. Das Problem ist die oft fehlende Distanz zwischen Akteuren und Medien.

Bundestrainer Löw und Reporter
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Kumpanei zwischen Akteuren und Medien? Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch mit Journalisten. (Bild: dpa)
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Kumpanei zwischen Akteuren und Medien? Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch mit Journalisten. (Bild: dpa)

„Er ist ein unglaublicher Demagoge.“ Das schrieb Sportjournalist Jens Weinreich als Kommentar im Blog „ www.direkter-freistoss.de“ Es ist der Auftakt einer Posse, die zwei Gerichte, den Europäischen Journalistenverband, sein nationales Pendant in Deutschland und den Generalsekretär des Weltverbandes, dazu den Verband der Sportjournalisten, unzählige Blogger und diverse Medien viele Wochen auf Trab halten sollte - bis heute. Der „Demagoge“ sollte der Präsidenten des Deutschen Fußballbundes (DFB), Theo Zwanziger, sein. Weinreich schrieb das, nachdem er ihn bei einer Rede wortreich über das Kartellamt und Gerichte mosern hörte, denen Zwanziger die Schuld an der Misere des deutschen Fußballs in die Schuhe schob, statt sie im eigenen Laden zu suchen.

Zwanziger wehrte sich juristisch und unterlag zweimal. In einer Pressemitteilung solidarisierten sich dann Vize-Präsident Rainer Koch, Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Kommunikationsdirektor Harald Stenger mit Zwanziger. Die Aussendung hatte es in sich, Weinreich bezeichnete 18 Angaben als unrichtig. Dass man bereits zweimal vor Gericht unterlag, wurde verschwiegen. Stattdessen verkündete Niersbach, dass Weinreich „eindeutig“ die Grenzen der Meinungsfreiheit gesprengt habe.

DFB-Presseerklärung geriet zum Bumerang

Nicht nur Weinreich betrachtete die DFB-Postille als „Lügengebilde“. Vielmehr druckte niemand die Mitteilung ab. Stattdessen fuhr der DFB ein Echo ein, für das die Nationalmannschaft eigentlich 0:8 gegen Liechtenstein verlieren müsste. „DFB vs. Wahrheit: 1:0“ überschrieb die „Berliner Zeitung“ einen Kommentar. Im Deutschlandfunk sagte Jürgen Roth, dass die Mitteilung kein anderes Ansinnen habe, „als Jens Weinreich in Grund und Boden zu diskreditieren und zu verleumden“. Leitblogger Stefan Niggemeier erklärte den DFB-Boss zur „Schießbudenfigur“, weil der sein Vorgehen damit rechtfertigt, dass im Duden unter „Demagoge“ „Volksverhetzer“ zu finden sei.

Bis heute hat der DFB seine Pressemitteilung nicht kassiert. Das Sportnetzwerk, ein Zusammenschluss von Sportjournalisten, der von Weinreich mit initiiert wurde, verlangt Widerruf und eine Entschuldigung bei Weinreich. Zuvor hatten sich schon nationale und internationale Journalistenverbände mehr oder weniger eindeutig auf dessen Seite geschlagen.

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) erklärt der DFB-Boss, dass man keine gerichtlichen Niederlagen verschwiegen habe, da es noch kein Hauptsacheverfahren gegeben habe. Und außerdem habe Weinreich auf seinem Blog den Streit ausführlich dokumentiert. Der DFB hat in seinem Anschreiben an hochrangige Sportfunktionäre, Journalisten und Politiker allerdings nicht auf Weinreichs Blog als Sekundärquelle hingewiesen. Weinreich wird nun seinerseits juristisch gegen den DFB wegen der Pressemitteilung vorgehen.

Soll ein Exempel statuiert werden?

Warum die Eskalation? Wenn man Sportjournalisten fragt, reagieren viele abwiegelnd. Man wolle die anderen Kollegen nicht an den Pranger stellen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass der DFB kaum Journalisten kenne, „die dagegen halten“, wie Weinreich das tue. An dem womöglich deswegen ein Exempel statuiert werden sollte.

Deutlicher wird Thomas Kistner, Sportjournalist der SZ, der mit Weinreich - auch gemeinsam - schon öfter hinter die Kulissen des Milliardenbetriebs Profisport schaute: „Viele Fußballberichterstatter haben mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten und glauben, dass das, worüber sie berichten, etwas mit Sport zu tun habe.“ Dabei sei es reines Geschäft, so Kistner. Viele Journalisten seien „Fans, die es über die Absperrung geschafft hätten“. Kritische Distanz? Fehlanzeige. In so einem Medienklima werde einer wie Weinreich als Nestbeschmutzer wahrgenommen.

Herbert Fischer-Solms ist Sportredakteur beim Deutschlandfunk und versucht es in seiner Erklärung zur Distanz zwischen DFB und Presse mit Sarkasmus: „Der DFB hat zu seinen Journalisten ein wunderbares Verhältnis.“ Die Betonung liegt auf „seinen“. Dass Weinreich nicht dazugehört, versteht sich.

Die Distanz fehlt meist

Der Berliner Philosoph Gunter Gebauer stützt das: „Herr Zwanziger schießt mit unverhältnismäßigen Mitteln gegen einen Journalisten, der - im Unterschied zu den meisten Kollegen - eine unangenehme Position einnimmt und nicht zu den Ja-Sagern gehört.“ Und der Rest der Branche: Insgesamt würden sich Sportjournalisten als „Ereignispromotoren“ verstehen, die „Stimmungen befeuern“. „Sie erfinden die Mythen und texten die Loblieder auf die Stars, in deren Glanz sie sich dann sonnen.“ Die professionellen Grenzen seien lange durchbrochen, was man nicht zuletzt am permanenten Geduze in der Branche erkennen könne - so Gebauer, der einen Lehrstuhl an der Freien Universität hat. Und dann bemüht Gebauer eine Analogie: „Ein guter Musikjournalist würde immer erkennen lassen, dass er die Bayreuther Festspiele versenken würde, wenn sie schlecht wären. Nach dem Dauer-Doping-Skandal in Peking hat kein Sportjournalist geschrieben, dass man mit Oympia aufhören sollte.“

Kein Sportjournalist, aber Vorstandsmitglied des Netzwerks Recherche ist SZ-Mann Hans Leyendecker. Er sagt: „Was der DFB gemacht hat, ist einfach bekloppt.“ Zwanziger sei ein gekränkter Präsident, der völlig falsch reagiert habe. Aber er spricht auch von „einem Problem der Blogs“. Sätze à la Weinreich hätten nie den Weg in eine Zeitung gefunden. Zwanziger habe den „Demagogen“ dann als „Volksverhetzer“ verstanden, was Wörterbücher durchaus hergäben. Leyendeckers Fazit: „Man kann das Ding auch anders sehen.“ Es handle sich um eine Geschichte aus dem „Biotop Sport“. Weinreich dazu: „Im Biotop Politik wird der Begriff Demagoge in Qualitätsmedien fast täglich verwendet.“



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