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Gerechter Glamour

Fairness in der Luxusklasse

Von Silke Offergeld, 28.11.08, 20:53h

Schluss mit schlechtem Gewissen: Nach fair gehandelten Lebensmitteln, die mittlerweile nicht mehr allzu ungewöhnlich sind, erobert auch ökologisch und sozial unbedenkliche Mode die Läden. Der gerechte Glamour kommt.

Lanius Öko-Mode
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Das Kölner Label „Lanius“ produziert ökologisch und sozial einwandfreie Kleidung. (BILD: LANIUS)
Lanius Öko-Mode
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Das Kölner Label „Lanius“ produziert ökologisch und sozial einwandfreie Kleidung. (BILD: LANIUS)
Die rote Stola mit den kleinen eingewebten Kleeblättern ist federleicht, man kann fast hindurchsehen - und doch ist der Stoff unglaublich weich, wie ein flauschiger Kaschmir-Pullover. Doch dieses Tuch ist noch feiner als Kaschmir: Es besteht aus reiner Seide und der Wolle vom Bauch der Chyangra-Ziege, die hoch oben im Himalaya lebt. Cashmere-Paschmina heißt diese Wolle, von der jede Ziege nur etwa 80 Gramm pro Jahr hergibt. 195 Euro kostet die Stola - purer Luxus.

Und gleichzeitig eine gute Tat: Hergestellt wird das Tuch von einer Frauenkooperative in Nepal. Von dem Erlös können die Frauen ihre Familien ernähren. Fair Trade, fairer Handel, ist das Stichwort. Doch diese Stola hängt nicht in einem Eine-Welt-Laden, sondern in einem edel eingerichteten Ladenlokal in Köln-Mülheim, zwischen exklusiven Wohnaccessoires wie Bilderrahmen aus Rochenhaut und edlen Vasen. „Die Kunden müssen als Erstes sehen, dass es sich um etwas Hochwertiges handelt - sonst haben Fair-Trade-Produkte schnell das Image eines Almosens, das sie nicht sind“, erklärt Lukardis von Studnitz. Mit ihrem Online-Shop „Luxury Faircraft“ und dem dazugehörigen Showroom in Köln ist die 41-Jährige dabei, dem ökologisch und sozial gerechten Konsum ein neues Geschäftsfeld zu erschließen: die Luxusklasse.

Claudia Lanius setzt schon lange auf Öko

Fair gehandelt, das waren in der öffentlichen Wahrnehmung bislang vor allem Lebensmittel. Die stehen mittlerweile sogar in den Regalen von Discountern. Fair gehandelte und ökologisch produzierte Kleidung gab es natürlich auch - allerdings befriedigte sie lange Zeit nur das Gewissen, nicht den Mode-Geschmack. Eine Ausnahme war lange die Kölner Designerin Claudia Lanius, die seit 1999 auf ökologisch und sozial produzierte Kleidung, gleichzeitig aber auf elegantes, zeitgemäßes Design setzt.

Und dann kamen die „Lohas“. So bezeichnen sich junge, hippe Menschen, die einen „Lifestyle of Health and Sustainability“, also ein gesundes, nachhaltiges Leben, leben. Dazu wollen und brauchen sie keine Biolatschen mehr: Sogar Designer-Labels bieten inzwischen Kleidung aus Bio-Baumwolle an.

Andere Käuferschichten ansprechen

Ökologisch korrekt war bislang allerdings vor allem Streetwear, also Straßen-Schick, war doch das neue Öko- und Sozialbewusstsein vor allem eine Bewegung von jungen Menschen mit einem zwar alternativen, aber vor allem urbanen Lebensstil. Unternehmer wie Lukardis von Studnitz wollen nun auch andere Käuferschichten für den fairen Konsum gewinnen - eine gehobene Klientel, Menschen, die sich Luxus leisten können und wollen.

Die Modeszene hat „grün“ längst als Trend entdeckt. „Der Bereich wächst“, bestätigt Kristina Linke von der Modemesse Premium. Auf der Berliner Fashion-Week gibt es mittlerweile einen eigenen Bereich für Öko-Mode. Die führt aber kein Nischendasein mehr: Das Leipziger Label „Lac et Mel“ präsentierte seine CO-neutral produzierte Kollektion während der großen Schauen.

Für die meisten Labels ist bislang vor allem Umweltschutz ein Thema. Was ökologisch korrekt produziert wurde, wird aber nicht unbedingt auch fair gehandelt. Trotzdem habe auch Bio für die Produzenten schon eine ganze Reihe Vorteile, sagt Maren Richter vom Verein Transfair, der das Fairtrade-Siegel vergibt: „Der Anbau ist für sie weniger gefährlich, weil keine Pestizide verwendet werden, und sie können für die Ware einen höheren Preis verlangen.“

Der Däne Peter Ingwersen, früher bei„ Levi's“ und „Day Birger et Mikkelsen“ beschäftigt, geht trotzdem einen Schritt weiter: Mit seinem Luxus-Label „Noir“, gegründet 2005, setzt er auch soziale Standards - obwohl nachhaltige Mode, wie Ingwersen selbst sagt, eigentlich ein Paradox sei. Schließlich existiere Mode immer nur für den Moment. Die Baumwolle für seine Kollektionen kauft er zu fairen Preisen in Uganda ein, von einem Teil des Erlöses werden Entwicklungsprojekte vor Ort finanziert.

Exquisites Design und edle Steine

Wie die Mode von Peter Ingwersen, deren Ästhetik sich an der Gothic-Szene orientiert, sind auch die Stücke der Schmuckdesignerin Sophie Keegan sind kein bisschen „ethno“ - im Gegenteil, Keegan setzt auf exquisites Design und geht mit edlen Steinen geradezu verschwenderisch um. Die aber stammen ausschließlich aus fairem Handel. Schon vor zehn Jahren, erzählt Keegan, sei sie von Kunden auf die Herkunft insbesondere der Diamanten auf deren Verlobungsringen angesprochen worden - da sei das gute Gewissen eben besonders wichtig: „Seitdem verwende ich nur noch Diamanten mit Zertifikat.“

Design zählt in der Luxusklasse eben oft ein bisschen mehr als ein gutes Gewissen. Diese Erfahrung hat auch Lukardis von Studnitz gemacht: „Die Produkte müssen sich auch in einen italienischen Designer-Haushalt einfügen. Die Tücher müssen zum Strenesse-Kostüm passen, der Bilderrahmen neben den Barcelona-Chair.“ Die Produkte müssten marktfähig sein und dem westlichen Geschmack entsprechen.

Familien können von den Löhnen leben

Für die Preisberechnung hat sie sich unter anderem von der Gepa beraten lassen. Die größte europäische Fair-Handels-Organisation beliefert auch Eine-Welt-Läden und Bio-Märkte mit geprüften Produkten. Entsprechend der Regeln der „International Fair Trade Association“ zahlt von Studnitz nun so genannte „living wages“ an die Produzenten, also Löhne, von denen die Arbeiter und ihre Familie leben können - in Drittweltländern keine Selbstverständlichkeit.

Die Waren in ihrem Laden, seien es Wohnaccessoires wie die mit Blattgold belegte Weihnachtskugel aus Birma oder Kleidungsstücke wie die Stola aus Baby-Alpaka-Wolle aus Bolivien, sind alle handgefertigt, denn von Studnitz hat es sich zum Ziel gemacht, alte Handwerkstraditionen am Leben zu erhalten. Gerade im Luxus-Segment habe das Vorteile, sagt die 41-Jährige: „Wer Luxus kauft, will der Einzige sein. Er sucht Exklusivität, über Unikate oder limited Editions. Was bei den großen Labels artifiziell erzeugt wird, entsteht hier auf natürliche Weise, weil gar nicht so viel produziert werden kann.“ Sie hat zu allen ihren Lieferanten persönliche Kontakte - bislang sind es allerdings auch erst zehn. Das Fairtrade-Label tragen die Produkte in Lukardis von Studnitz' Angebot bislang nicht. Der Einkauf von fairem Luxus ist hier, wie auch bei fast allen Designern, Vertrauenssache.

Standard für einzelne Produkte

„Bislang wurden hauptsächlich Lebensmittel mit dem Fairtrade-Siegel ausgezeichnet“, sagt Maren Richter von „Transfair“. Bei Kleidung sei häufig die lange Lieferkette ein Problem, die eine genaue Überprüfung jeder Stufe erschwere. Einige klassische Luxusprodukte können das Siegel bisher überhaupt nicht erhalten - der Grund: „Unser Dachverband, die Fairtrade Labeling Organization, stellt Standards für einzelne Produkte auf. Für Diamanten und Kaschmir etwa gibt es noch keine verbindlichen Kriterien“, so Richter.

„Es gibt noch keine Luxusprodukte mit Fairtrade-Siegel, auch wenn viele daran arbeiten“, bestätigt Klaus Wilmsen, Umweltschutzbeauftrager des Karstadt-Konzerns und Vorstand bei Transfair. Es sei für große Konzerne schwierig, beispielsweise ausreichende Mengen an biologisch und ethisch korrekt produzierter Baumwolle zu bekommen: „Besonders bei Kleidung ist das Angebot mehr als begrenzt. Die meisten haben deshalb höchstens Einzelteile in ihren Kollektionen.“

Wegen des geringen Angebots will Wilmsen noch nicht von einem wirklichen Markt für faire Luxusgüter sprechen. Die Nachfrage sei jedoch da: „Die Erfahrung haben wir bei hochwertigen Lebensmitteln gemacht: Wer die Mittel zur Verfügung hat, der kauft auch.“ Anfangs noch belächelt, stehen der Kaffee, die Schokolade und der Orangensaft mit dem Fairtrade-Siegel heute überall in den Regalen. Das spricht dafür, dass sie nicht mehr nur aus schlechtem Gewissen gekauft werden, sondern auch, weil sie schmecken.

Oder gefallen: Claudia Lanius hat mittlerweile drei Boutiquen in Köln. Zu den Kundinnen von Sophie Keegan zählt unter anderem Naomi Campbell. Auch im Laden von Lukardis von Studnitz kristallisieren sich Trends heraus: Eine mit Blattgold ausgekleidete Teakholzschale - Kostenpunkt: 170 Euro - ist momentan der Hit bei den Kunden.



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