Von Petra Pluwatsch, 02.12.08, 23:56h
Links davon, im Südwesten, steht der Konstantinbogen, im Osten der Ludus Magnus, die Gladiatorenkaserne. Tiefer, tiefer, die aufgerollten Sonnensegel des Kolosseums kommen in Sicht. Wir sehen streichholzklein die Holzpfeiler, an denen sie befestigt sind, die Schnüre, mit denen sie zusammengehalten werden. Blicken hinunter auf rote Dächer und gekachelte Innenhöfe.
Nur noch 150, noch 100 Meter bis zu den Straßen des antiken Rom. „Jetzt“, sagt Professor Hansgerd Hellenkemper vom Römisch-Germanischen Museum in Köln, „jetzt muss ich schauen, wo ich spazieren gehen möchte.“
Einführung: Flug über das alte Rom
Wir befinden uns im Jahr 320 nach Christi Geburt. Vier Jahre später wird Konstantin der Große alleiniger Herrscher über das mächtige römische Weltreich sein. Rom hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine rund 300-jährige Stadtgeschichte auf dem Buckel und platzt aus allen Nähten. Eine Tatsache, von der wir jetzt profitieren: Das Rom dieser Epoche ist wissenschaftlich so gut aufgearbeitet wie keine andere antike Stadt. Und so war keine große Kunst, was der University of Virginia mit ihrem Projekt „Rome Reborn“ in jahrelanger Fleißarbeit gelang: die virtuelle Rekonstruktion des nachchristlichen Rom, im Internet abrufbar für jedermann. „Google Earth“ macht es möglich unter dem Stichwort „Das antike Rom in 3 D“.
„Wir biegen vom Kolosseum ab zum Tempel der Venus und gehen hoch zum Forum Romanum“, gibt Hellenkemper die Route unserer Zeitreise vor. So kann nur einer reden, dem die Roma Antica so sehr vertraut ist, als sei er vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden am Ufer des Tiber aufgewachsen. Ein Navigator in der rechten Bildschirmhälfte dient als „Steuerrad“, mittels eines Kompasses lässt sich die Himmelsrichtung verändern. Schnell erweist sich eine Flughöhe von 100 Metern als ideal, um Details zu betrachten - die unterschiedliche Schichtung der Ziegeldächer, die Marmorierung von Tempelstufen, die steinernen Gitter vor den Fenstern. Selbst Inschriften und Kapitelle sind zu erkennen. Wer hingegen den Überblick über das antike Straßennetz behalten möchte, der sollte auf mindestens 300 Meter hochsteigen. Doch Vorsicht: Das Navigieren will gelernt sein. Zudem sind Grundkenntnisse des antiken Rom dringend vonnöten, damit man nicht - wie uns geschehen - unversehens außerhalb der Stadtmauern landet!
Das Kolosseum liegt hinter uns. Es geht weiter zur Konstantin- oder Maxentiusbasilika, eine der detailreichsten Animationen des visualisierten Rom. Maxentius ließ das mächtige Bauwerk zu Beginn des vierten Jahrhunderts errichten. Seine Fertigstellung erlebte der glücklose Herrscher nicht mehr. Heute steht - nach einem Erdbeben im 14. Jahrhundert - von dem Gemäuer, das seinen Namen trägt, nur noch das rechte Seitenschiff.
Wie die Basilika einst ausgesehen hat, zeigt sich nun auf dem Bildschirm: ein weißes Gebäude mit einer raffinierten Decke und Säulen aus dunkelrotem Marmor. Ist das realitätsnah? „So roten Marmor haben wir nicht in dieser Struktur“, kritisiert Hellenkemper. Aber dennoch: „Man ist damit auf dem richtigen Weg.“ Respekt nötigen ihm die detailliert gestalteten Fenster aus grünem Glas ab. „Sehr gut gemacht“ - und umso beachtlicher, als Glasfunde aus der Antike extrem selten sind. Von den Marmorstatuen im Inneren des Gebäudes, das man als eines der wenigen „betreten“ kann, ist heute wohl keine mehr erhalten, doch das Vorhandensein von Wandnischen lässt „keinen Zweifel daran, dass es sie gegeben hat“.
Nur Menschen fehlen
Der Fantasie, so viel steht schnell fest, war wenig Spielraum gegönnt bei der Entwicklung des virtuellen Rom. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, darf als gesichert gelten. Details, über die sich die Archäologen bis heute im Unklaren sind, werden ausgespart - ein, so Hellenkemper, begrüßenswerter Mut zur Lücke. Ihre guten Kenntnisse der alten Bausubstanz verdanken die Macher von „Rome Reborn“ nicht zuletzt Italiens Diktator Benito Mussolini. Der „Duce“ inszenierte im Jahr 1938 eine Ausstellung über das antike Rom, um die Herrschaft von Kaiser Augustus zu feiern. Kernstück der Ausstellung war ein riesiges Modell der alten Stadt, das den Wissenschaftlern der amerikanischen Universität eine Fülle wichtiger Erkenntnisse lieferte. Vergliche man das, was man über das antike Köln weiß, mit dem Wissen über Rom, verhielte sich das in einem Verhältnis von eins zu 100, sagt Hellenkemper.
Unter uns liegt das Forum Romanum, einst das politische Zentrum des römischen Weltreiches. „Da müsste eigentlich eine Menschenmenge stehen“, meint Hellenkemper. Und in der Tat - Leben sucht man vergebens im virtuellen Rom des Jahres 320 n. Chr. Hier streunen keine Hunde durch die Straßen, kein Bettler hält bittend seine Hand auf, kein Senator in weißer Toga schreitet die Stufen hoch zum Kapitol. „Was noch fehlt, ist etwas Wärme“, konstatiert Hellenkemper. Wärme, die aus dem perfekten Baukasten-Modell eine lebendige Stadt machen könnte. Derzeit wirkt
„Rome Reborn“ eher wie der sterile Entwurf eines Architekturbüros denn wie die Nachbildung vergangenen Lebens. Auch jegliches Grün fehlt, obwohl man aus antiken Texten weiß, dass es schon damals „angelegte Gärten“ gab. Die römischen Villenbesitzer waren mächtig stolz darauf; mehr noch, sie veranstalteten regelmäßig Wettbewerbe um den schönsten Garten von Rom. Ein weiterer Minuspunkt: Man suggeriere „die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Keine Stadt befinde sich in einem solch perfekten baulichen Zustand wie dem hier gezeigten, kritisiert Hellenkemper. „Da müsste der eine oder andere Bauschaden zu sehen sein“, eine Ruine vielleicht, ein Gerüst, das sich an ein halbfertiges Haus lehnt. „Bis dieses Bildlesebuch allen Ansprüchen Rechnung tragen kann“, vermutet Hellenkemper, „werden noch zwei bis drei Jahre vergehen.“
Forschungsprojekt zur Visualisierung des römischen KölnDennoch: Das Ansinnen, einen uralten Menschheitstraum zu verwirklichen, also das Eintauchen in vergangene Zeiten, sei „löblich“. Und - es ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert versuchten Maler wie der Niederländer Lawrence Alma-Tadema, die Antike in „Lebensbildern“ einzufangen und dem Betrachter eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie das Leben damals ausgesehen haben könnte. „Von den Lebensbildern“, so Hellenkemper, „ging der Weg direkt zum Film, zu Werken wie »Metropolis«, »Ben Hur« und »Der Gladiator«“, in denen man sich bemüht habe, die Vergangenheit so präzise wie möglich nachzuempfinden. All das seien „Vorstufen zu dem, was wir heute hier sehen“. Längst sind auch andere antike Städte digital aufgearbeitet, Xanten beispielsweise, Carnuntum an der Donau, vor 2000 Jahren von dem Feldherrn Tiberius gegründet. Und natürlich Köln, die römische Colonia Claudia Ara Agrippinensium - soweit das trotz des nicht sehr umfangreichen Forschungsmaterials möglich ist. Die „Visualisierung des Römischen Köln“ ist ein Forschungsprojekt des Archäologischen Instituts der Kölner Universität und der Fachhochschule Design. Noch sind nicht alle Urheberrechte geklärt, doch das 3-D-Modell soll in absehbarer Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Projekte wie diese, sagt Hellenkemper, seien eine Chance, „unser Wissen und unsere Vorstellungen zu überprüfen“.Und Hellenkemper selber? Der Direktor des Römisch-Germanischen Museums würde sich gerne ein wenig in der Zeit des Kaisers Trajan umsehen (53 bis 117 n. Chr.). Aus reiner Neugierde, versteht sich. „Mich interessiert, wie Reichspolitik gemacht wird, wie politische Entscheidungen getroffen werden, welche Kommunikationswege es gibt. Also: ein bisschen zuhören, wie ein Weltreich funktioniert.“ Mal sehen, wann dieses Zeitziel angeflogen werden kann.
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