Von Silke Offergeld, 02.12.08, 08:43h, aktualisiert 02.12.08, 08:48h
Im Moment beginnt die Zeitreise auf dem Parkplatz des Studiogeländes. Zwischen den Autos parken hölzerne Kutschen, hinter Satellitenwagen sind Pferde angebunden. Produzentin Regina Ziegler lässt hier einen Teil ihrer insgesamt 19 Millionen Euro teuren Großproduktion drehen – für deutsche Verhältnisse eine Rekordsumme. Acht Jahre hat Ziegler für das Projekt gekämpft und Co-Produzenten und Förderer in ganz Europa rekrutiert. Der allererste Förderer war aber die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen – das und die Tatsache, dass Ziegler-Film seit zehn Jahren eine Dependance in Köln hat, sind ein Grund dafür, dass Teile des Films nun hier gedreht werden.
30 Meter Paris aus Styropor
4,5 Millionen Euro kosten allein die Produktionstage in Köln und der Region. Zwischen einer halben und einer Million davon wurden wiederum im Ossendorfer Studio verbaut. Zwei Monate lang haben die Szenenbildner Klaus-Peter Platten und Christian Strang hier mit 30 Helfern gearbeitet. Am Ende sind etwa 30 Meter Paris entstanden, aus vorgestanzten Styropor-Steinen, Holz, Farbe, Putz und Lehm.
In dieser relativ überschaubaren Kulisse entstehen eine ganze Reihe von Szenen für den Film – unterschiedliche Kameraperspektiven und Lichtstimmungen lassen die Gasse immer wieder anders wirken. Im Moment herrscht relativ helles Licht. Für die dunstige Luft wird Heilerde ins Studio geblasen, „die Kamera liebt das“, erklärt Regisseur Jo Baier. Baier muss zwar „jeden Tag darum kämpfen, dass es nicht nach Studio aussieht“, aber der Innendreh habe eben auch eine Menge Vorteile: „Man ist nicht dem Wetter ausgeliefert – und hat unbegrenzt Tageslicht.“
Eine Tatsache, die an diesem Montag Katharina Thalbach einen langen Tag bescheren wird. Es ist schon Nachmittag, als die Schauspielerin vor dem Studio auf ihren Einsatz wartet. Thalbach trägt ein abgewetztes Leinenkleid, ihr Gesicht verunziert ein mit dicken Strichen gemalter Bart. Wegen Verpflichtungen am Theater habe sie nur eine kleine Rolle übernehmen können, sagt sie, die der Gauklerin: „Die imitiert Henri – deshalb der Bart.“ „Henri“ Julien Boisselier steht derweil ein paar Meter weiter im trauten Gespräch mit Armelle Deutsch und Chloé Stefani, im Film erbitterte Konkurrentinnen um seine Zuneigung – und natürlich ihren Platz auf dem Thron. In Drehpausen wie dieser scheinen es die drei Franzosen aber zu genießen, sich in ihrer Muttersprache unterhalten zu können.
Schauspieler aus ganz Europa
Denn nicht nur die Produktionshilfen für das Projekt „Henri Vier“ kommen aus ganz Europa, sondern auch die Schauspieler: Neben den deutschen und französischen Schauspielern stehen der Spanier Roger Casamajor und der Pole Adam Markiewicz vor der Kamera. Ihre Regieanweisungen erteilt Jo Baier ihnen auf Englisch, die Ausführung erfolgt dann in der jeweiligen Muttersprache. „Manchmal muss man schon schmunzeln über die Dialoge in drei Sprachen“, sagt Joachim Król, der Henris Feldmarschall Agrippa spielt. Król ist seit den ersten Drehtagen Ende August in der Tschechischen Republik dabei und schwer beeindruckt von der Größe des Projektes: „Das habe ich so noch nicht erlebt.“
Dabei betont Regisseur Jo Baier, dass er zwar auf die historische Authentizität großen Wert lege, schließlich orientiere sich auch die Romanvorlage penibel an den Quellen, „Henri Vier“ aber keine „Ausstattungsorgie“ werden soll. Der Film soll vielmehr die raue Optik eines Dokumentarfilms bekommen. Deshalb wurden für die Außenaufnahmen statt schicker Loire-Schlösser lieber etwas heruntergekommene in der französischen Provinz gewählt, der Film-Louvre ist das durch das Moldau-Hochwasser 2002 stark in Mitleidenschaft gezogene Haus der Invaliden in Prag. Statt Hochglanz-Optik soll der Inhalt zählen, betonen sowohl Regisseur als auch Produzentin: Schließlich sei Henri, der Vierte, ein Humanist in einer inhumanen Zeit gewesen – die Romanvorlagen von Heinrich Mann zieht Parallelen zwischen den Religionskriegen der Renaissance und dem Dritten Reich – und habe letztlich die Vision eines modernen Europas verfolgt.
Zumindest am Set in Köln ist das schon einmal gelungen – findet zumindest Schauspieler Andreas Schmidt: „Das Europa zusammenwächst, das erlebe ich hier.“ Jeden Tag entdecke er mehr Gemeinsamkeiten mit seinen französischen, spanischen und polnischen Kollegen. Zusammen, ist Schmidt überzeugt, könne man problemlos mit US-Produktionen konkurrieren. „Unsere Arbeit verbindet uns“, sagt auch Hannelore Hoger.
Bis Weihnachten noch wird in Ossendorf gedreht. Dann sind die Straßenszenen aus Paris im Kasten. Sieben von insgesamt 70 Drehtagen sind für Köln veranschlagt – also höchstens ein Zehntel des fertigen Films. Aber immerhin: In Paris wurde überhaupt nicht gedreht.
der Pole
05.12.2008 | 14.34 Uhr | adam
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