Von Tim Stinauer, 02.12.08, 23:19h, aktualisiert 04.12.08, 21:47h
Ihre erfolgreichsten Maschen heißen „Zetteltrick“ und „Enkeltrick“. Sie funktionieren seit Jahren. Weltweit. Allen Warnungen und Präventionskonzepten zum Trotz. Allein in Deutschland erbeuten Trickbetrüger jede Woche mehr als 100.000 Euro von alten Menschen, schätzt die Polizei, mindestens fünf Millionen Euro pro Jahr.
Mehr als 2000 Mitglieder
Was kaum jemand weiß: Die Betrügerbande arbeitet mafiös. Ihre Mitglieder sind perfekt ausgebildet, sie führen die Polizei bisweilen an der Nase herum. Zum harten Kern in Deutschland zählt die Polizei mehr als 500 Personen, europaweit mehr als 2000. Einen Chef gibt es nicht, auch keine strengen Hierarchien. Die Fahnder sprechen lieber von einem „Netzwerk“, innerhalb dessen sich die Täter untereinander organisieren. Sie haben es ausnahmslos auf alte Menschen abgesehen, denn die sind häufig vertrauensselig, gutmütig, senil - in den Augen der Betrüger perfekte Opfer. „Trickbetrug ist ein Delikt mit Zukunft“, sagt der Leiter der „EG Gertrud“, Joachim Ludwig. In Köln ist fast jeder fünfte Einwohner älter als 65, Tendenz steigend.
Im Sommer 2006, neun Monate nach der Polizeikontrolle in Braunsfeld, haben vier Betrüger mit dem „Zetteltrick“ in Wuppertal Erfolg, drei Wochen später in Eitelborn in Rheinland-Pfalz. Im ersten Fall haben Zeugen sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs gemerkt: Es ist der Audi 80, zugelassen auf einen Scheinhalter, zwar gemeldet in Köln, aber nicht dort wohnhaft. Am 16. August winken Polizisten den Audi bei Köln erneut aus dem Verkehr: Im Wagen sitzen diesmal vier Mitglieder der weit verzweigten Familie L.: Roman M., (42), Sonja L. (37), Mosol C. (29) und Soraya C. (33) - bis auf Soraya sind alle polizeibekannt wegen Trickdiebstahls und alle, zumindest vorübergehend, wohnhaft in Köln. Die Opfer des Wuppertaler Zetteltricks erkennen Mosol als Täterin wieder. Die Polizei nimmt allen vieren Fingerabdrücke ab und fotografiert sie. Mangels Haftgründen dürfen sie nach der Vernehmung nach Hause.
Zum „Zetteltrick“ gehören meistens vier, das weiß die Polizei aus Verhören und durch Observationen: ein Mann, der das Fluchtauto steuert, und drei Frauen. Um die Ermittlungen zu erschweren, verhalten sie sich an ihrem Wohnort unauffällig. Ihre Taten begehen sie in Nachbarstädten, fahren häufig sogar in andere Bundesländer.
Gegen acht Uhr morgens brechen die Vierergruppen auf. Der Fahrer holt seine drei Komplizinnen ab. Über die Autobahn geht es in in größere Orte mit langen Einkaufsstraßen. In Köln steuern die Täter vor allem die Venloer Straße an, die Neusser Straße, die Dürener Straße und die Sülzburgstraße, Viertel mit vielen Supermärkten, Apotheken, Arztzentren und alten Mehrfamilienhäusern. Auf dem Beifahrersitz hält die „Späherin“ Ausschau nach geeigneten Opfern - fast ausschließlich gebrechliche Frauen über 75, die alleine unterwegs sind. Eine der beiden „Ablenkerinnen“ steigt aus. Sie spricht die alten Menschen an, erbietet sich etwa, ihre Taschen zu tragen. „Sie will Vertrauen zu ihrem Opfer aufbauen“, beschreibt Kriminalhauptkommissar Ludwig. Willigt die alte Frau ein, begleitet die „Ablenkerin“ sie nach Hause, bis an die Wohnungstür. Sie gibt vor, „zufällig“ ins selbe Haus zu wollen, um eine Nachbarin zu besuchen. Doch zunächst verabschiedet man sich. „Das Opfer soll in Sicherheit gewiegt werden“, sagt Ludwig.
Unbemerkt in die Wohnung
Kurze Zeit später klingelt die „Ablenkerin“ dann beim Opfer, fragt nach einem Zettel. Sie will eine Nachricht für die Nachbarin hinterlassen, die angeblich nicht zu Hause ist. „Oft traut sich die alte Frau jetzt nicht mehr, die Bitte abzuschlagen“, sagt Ludwig. „Schließlich hat man ihr die Tasche heimgetragen.“
Die Frau führt die Täterin direkt in die Küche. Dort liegen meistens Zettel und Stifte. Führt sie die Besucherin ins Wohnzimmer, fragt die Fremde zum Beispiel nach einem Glas Wasser, um das Opfer in die Küche zu lotsen. Die Betrügerin achtet darauf, dass die Wohnungstür geöffnet bleibt. Gelingt ihr das nicht, bittet sie, die Toilette benutzen zu dürfen und öffnet die Tür heimlich. Die zweite „Ablenkerin“ kommt hinzu. Sie hilft, das Opfer in der Küche in ein Gespräch zu verwickeln, ihm die Sicht zu verdecken, indem sie ein Tuch oder Bettlaken ausbreitet, das sie bei der Nachbarin angeblich abgeben wollte. „Legt sie der Rentnerin noch eine Hand auf die Schulter, kann das Opfer nicht mal mehr aufstehen. Bei altersschwachen Menschen ist das eine Gewaltanwendung“, sagt Ludwig.
Unbemerkt schleicht die „Späherin“ in die Wohnung. Sie durchwühlt mit Handschuhen die Zimmer, rafft Schmuck und Geld zusammen. Selten braucht sie länger als fünf Minuten. Auf ein Zeichen verlassen alle drei die Wohnung. Vor der Haustür wartet der Fahrer. Es geht zurück auf die Autobahn; die Beute wird geteilt: Jeder der vier behält zwei Neuntel, das letzte Neuntel erhält derjenige, auf dessen Namen das Fluchtfahrzeug zugelassen ist.
30. August 2006, in Essen spielen sich turbulente Szenen ab: Drei Frauen haben versucht, eine 88-Jährige in ihrer Wohnung zu bestehlen. Ein Nachbar schließt die Haustür ab und ruft die Polizei. Mosol, Sonja und Soraya sitzen in der Falle. Streifenbeamte nehmen sie fest. Zeugen haben beobachtet, dass die Frauen aus einem Auto mit Kölner Kennzeichen und männlichem Fahrer ausgestiegen waren. Ob das Roman war, bleibt unklar. Als die Beamten die 88-Jährige befragen wollen, bricht die Frau in Tränen aus. Die Verdächtigen werden nach ihrer Vernehmung entlassen. Sie ahnen nicht, dass die Polizei sie beobachtet, ihre Telefonate abhört, sie zeitweise observiert. Die Ermittler vermuten, dass die Gruppe weitere Diebstähle begehen wird.
In der nächsten Folge: So leben die Täter - und so leiden die Opfer
Mundpropaganda ?
06.12.2008 | 01.08 Uhr | Tropenfrucht
Spricht sich wohl rum, dass Kölner Gerichte ausschließlich Deutsche bestrafen. Kriminelle MiHigrus werden geradezu magnestisch angezogen.
D'accord
05.12.2008 | 14.49 Uhr | Stauffenberg
Ebenfalls ein guter Ansatz, wird jedoch genauso wenig in die Tat umgesetzt werden wie mein Vorschlag. Stattdessen lieber Subventionen,…
Das sind aber wieder Kosten
04.12.2008 | 02.49 Uhr | Hausser
Wie wärs im Erwachsenenstrafrecht für Leute, die keine Gefahr für die Algemeinheit darstellen, mit 10.000 Sozialstunden statt Knast, dass sind etwa…
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