Von Willi Germund, 02.12.08, 23:03h, aktualisiert 03.12.08, 00:08h
Mögliche Ziele eines Angriffs sind Trainingslager der Gruppe „Lashkar-e-Toiba“ im pakistanischen Teil Kaschmirs und das Hauptquartier der von Hafiz Mohammad Saeed geführten Untergrundorganisation in Muridke in rund 30 Kilometer Entfernung der Stadt Lahore. Die zehn Terroristen, die in der vergangenen Woche die indische Wirtschaftsmetropole Bombay vom Meer aus angriffen und mindesten 183 Menschen - darunter 40 Moslems - ermordeten, waren laut Aussagen des einzigen Überlebenden in einem Camp der Gruppe ein Jahr lang trainiert worden.
Der Gründer Hafiz Mohamed Saeed unterhält enge Verbindungen zum pakistanischen Oppositionspolitiker Nawaz Sharif. Die Organisation, die in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit aktiver Unterstützung von Islamabads Militärapparat agierte und jetzt zum „Internationalen Netzwerk gegen Kreuzzügler“ von Osama Bin Laden gehört, konzentrierte sich seit ihrer Gründung in der afghanischen Kunar-Provinz im Jahr 1990 auf Ziele in Indien. In ihren Pamphleten strebt sie die totale islamische Kontrolle über Indien an.
Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Indien einen Teil der Schuld für den Terroranschlag im Versagen der eigenen Sicherheitskräfte suchen muss. Der Fischkutter „MV Kuber“, mit dem die Terroristen bis vor die Küste Bombays gelangten, war offenbar von der indischen Küstenwache gestoppt worden. Sie zeigten gefälschte Ausweise vor, wie sie auch Fischer des indischen Bundesstaats Gujarat mit sich führen. Offenbar sind solche getürkten Ausweise in dem Küstengebiet relativ einfach zu bekommen. „Gefälscht heißt nicht imitiert“, sagt ein Sicherheitsfachmann, „sondern gegen Schmiergeld von Beamten ausgestellt. Unser Maß an Korruption ist so hoch, dass effektive Terrorabwehr sehr schwer zu verwirklichen ist.“
Wie die Tageszeitung „Hindustan Times“ berichtete, zeichnete Indiens Geheimdienst RAW zudem am 24. September ein Satellitentelefongespräch auf, in dem fünf vom Meer aus leicht zu erreichende Hotels in Bombay als Angriffsziele identifiziert wurden. Am 18. November, wenige Tage vor der Attacke, wurde ein weiteres Gespräch aus dem „Lashkar-e-Toiba“-Hauptquartier in Muridke abgehört, in dem der Name des Taj-Hotels in Bombay fiel. Die Behörde gab die Information an ein Koordinierungsbüro in der Hauptstadt Neu-Delhi weiter. Danach verschwand sie offenbar in den Untiefen der indischen Bürokratie.
Indien verlangte am Dienstag von Pakistan als Zeichen des guten Willens die Auslieferung von 20 Personen. Unter ihnen befindet sich der bekannte Unterwelt-Boss Dawood Ibrahim, der bereits vor vielen Jahren aus Bombay floh und sich gegenwärtig im pakistanischen Paschtunengebiet aufhält.
Außerdem steht Delhi Maulana Masood Azhar, den Gründer von Jaish-e-Mohammed, auf der Liste. Er war zur Jahrtausendwende nach der Entführung eines Flugzeugs von Indian Airlines freigekommen. Die Hijacker hatten die Maschine in Kandahar zur Landung gezwungen. Die Stadt befand sich damals unter Kontrolle der radikalislamischen Talibanmilizen. Azhar lebte während der vergangenen Jahre unter Hausarrest in der Nähe der pakistanischen Stadt Multan und erhielt eine staatliche Rente.
Pakistan versucht offenbar, die Situation zu entspannen. Nach Agenturberichten bot die Regierung in Islamabad gemeinsame Ermittlungen zu den Hintergründen und Verantwortlichen der Terrorserie von Bombay an. „Wir sind bereit, der Angelegenheit gemeinsam auf den Grund zu gehen“, sagte der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi in einer Fernsehansprache. Er warnte Indien erneut vor Schuldzuweisungen und rief die Pakistaner auf, sich nicht wegen der wachsenden Spannungen zwischen den Atommächten zu sorgen. Die pakistanische Regierung und das Militär seien vereint und in der Lage, Pakistan zu verteidigen, betonte Qureshi.
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