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Stolpersteine

„Nicht gegen mein Herz“

Von Milena Kowalski, 04.12.08, 11:16h, aktualisiert 04.12.08, 14:17h

Für die Siegburger Ilse Fröhlich verlegt Gunther Demnig am Samstag einen Stolperstein. Die junge Jüdin beging in der Nazi-Zeit Selbstmord, weil sie für sich und ihren katholischen Verlobten keine Zukunft sah - Die Geschichte ihrer letzten Tage.

Ilse Fröhlich
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Ilse Fröhlich war 20 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Selbstmord beging. Die beiden sahen in Zeiten der Judenverfolgung durch die Nazis keinen anderen Ausweg. Rechts im Bild ist das Haus in der Siegburger Fußgängerzone (Kaiserstraße 20) zu sehen, vor dem am Samstag ein Stolperstein mit ihrem Namen eingelassen wird. REPRO: KLEIN, BILD: KOWALSKI
Ilse Fröhlich
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Ilse Fröhlich war 20 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Selbstmord beging. Die beiden sahen in Zeiten der Judenverfolgung durch die Nazis keinen anderen Ausweg. Rechts im Bild ist das Haus in der Siegburger Fußgängerzone (Kaiserstraße 20) zu sehen, vor dem am Samstag ein Stolperstein mit ihrem Namen eingelassen wird. REPRO: KLEIN, BILD: KOWALSKI
Geschäft
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Das Haus in dem der Laden von Ilse Fröhlichs Vater war. BILD: KOWALSKI
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Siegburg - Die letzte Nacht ihres Lebens verbringt Ilse Fröhlich vermutlich am Strand. In ihrer Heimatstadt Siegburg ist sie in den Zug Richtung Greifswald gestiegen. Ilse, ein junges Mädchen, gerade mal 20 Jahre alt, mit blonden hochgesteckten Haaren und leicht schiefem Lächeln. Sie hat nur wenig Gepäck bei sich. In Greifswald trifft sie ihren vier Jahre älteren Verlobten Rudolf Marx, der 1939 dort als Soldat der Wehrmacht stationiert ist.

Gemeinsam fahren sie ins Ostseebad Ahlbeck auf der Insel Usedom. Dort mieten sie sich in Zimmer 29 der Pension Hubertus ein. Doch das junge Paar will hier keineswegs Urlaub machen. Sie verlassen die Pension und gehen zum Strand. Auf dem Weg wirft Ilse einen Brief mit Siegburger Adresse ein. Es ist ihr Abschiedsbrief.

Leblos im Strandkorb

Am frühen Morgen des folgenden Tages, es ist der 13. Juni 1939, findet man Ilse und Rudolf leblos in einem Strandkorb. Sie halten einander umarmt. „Mord oder Selbstmord - Mädchen bei Ahlbeck tot aufgefunden“, titelt die örtliche Zeitung. In dem Artikel heißt es weiter, Rudolf Marx habe mit einer Pistole „einen Herz- und Kopfschuss auf das Mädchen abgegeben“ und sich anschließend selbst mit einem Schläfenschuss schwer verletzt. Ilse ist sofort tot, ihr Verlobter stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus.

Warum sich das Paar gemeinsam das Leben nahm, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst später wird bekannt: Ilse war Jüdin, Rudolf Katholik. In Zeiten des Nationalsozialismus war eine solche Beziehung nahezu unmöglich. Mit den „Nürnberger Gesetzen“ verbot das NS-Regime „arisch-jüdische“ Liebesbeziehungen und Eheschließungen zwischen Juden und deutschen „Reichsbürgern“. Eine Beziehung, wie Ilse und Rudolf sie führten, bedeutete „Rassenschande“ und wurde geächtet.

Ilses Abschiedsbrief wird dreieinhalb Stunden, nachdem man beide gefunden hat, auf dem örtlichen Postamt abgestempelt. Der schwere Weg, den Ilse und ihr Verlobter bis dahin schon gegangen sein müssen, ist darin nur zu erahnen: „Wenn Ihr diesen Brief bekommt, haben Rudi und ich uns erschossen“, schreibt Ilse. „Trotz aller Schwierigkeiten sind wir zusammen gekommen. Ich danke Euch von ganzem, ganzem Herzen für alles, was Ihr für mich getan habt, denn mehr konntet Ihr wirklich nicht tun u. ich bin Euch so dankbar, denn Ihr habt mich sorglos leben lassen. Es ist alles Schicksal u. Bestimmung. Sicher, ich habe Euch viel Kummer gemacht, aber ich konnte nicht gegen mein Herz an. In Worten kann ich Euch meine Dankbarkeit für Eure Liebe nicht ausdrücken, denn Ihr habt ja mein Bestes gewollt. Ich grüße und küsse Euch zum letzten Mal. Eure Ilse.“

Abschiedsbrief im Museum

Der Brief ist an Ilses Vater, Michael Fröhlich, adressiert, der damals ein Hutgeschäft in der Kaiserstraße 20 führt. Auch er wird später Opfer der Nazis, als er mit anderen Juden aus Siegburg und Troisdorf nach Weißrussland deportiert und 1942 erschossen und in einem Massengrab verscharrt wird. Seine Geschäftsführerin, Paula Degen, übernimmt das Geschäft und betreibt es weiter bis 1956. Sie hat Ilses Abschiedsbrief aufbewahrt.

Heute ist dieser Brief, gemeinsam mit Fotos von Ilse Fröhlich und der Zeitungsmeldung von damals, in der Dauerausstellung „Siegburg im Nationalsozialismus“ des Siegburger Stadtmuseums zu sehen. Auch auf einer Gedenktafel für die durch die Nazis umgekommenen Siegburger Juden ist Ilse Fröhlichs Name eingetragen. Sie selbst ist auf dem jüdischen Friedhof an der Heinrichstraße in einem Einzelgrab begraben.

Ihr letzter Wunsch, gemeinsam mit ihrem Verlobten beerdigt zu werden, wurde ihr nicht erfüllt. Rudolf Marx wurde auf dem Bonner Nordfriedhof beerdigt, sein Grab ist heute eingeebnet. Ein Leben miteinander sollte ihnen verwehrt bleiben, doch ohne einander wollten sie nicht leben. In ihrem Abschiedsbrief schreibt Ilse: „Vergesst den Schmerz u. all das, was ich Euch antue u. denkt daran, dass wir jetzt glücklich sind.“



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