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Die Zetteltrick-Mafia

Betrunken das Fluchtauto vergessen

Von Tim Stinauer, 04.12.08, 21:54h

500 Mitglieder eines Betrüger-Clans in Deutschland erbeuten jährlich fünf Millionen Euro von Senioren. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schildert die Ermittlungen der Polizei gegen das kriminelle Netzwerk in einer dreiteiligen Serie.

Joachim Ludwig
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Hauptkommissar Joachim Ludwig. (Bild: Stefan Worring)
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Hauptkommissar Joachim Ludwig. (Bild: Stefan Worring)
Dezember 2006: Seit mehreren Monaten ist die Polizei vier Verwandten auf der Spur, die in NRW alte Menschen mit dem „Zetteltrick“ betrügen: Roman M., Sonja L., Mosol C. und Soraya C. Die Ermittler hören Telefongespräche ab, observieren sie zeitweise, um Beweise zu sammeln und die Struktur ihrer Gruppe zu erforschen.

So viel wissen die Beamten schon: Roman ist oft der Fahrer, er kutschiert die drei Frauen zu den Tatorten, hilft, geeignete Opfer auszuwählen. Doch neuerdings wählt Sonja, die die Beamten als „Strippenzieherin“ ausgemacht haben, lieber ihren Bruder Nuny L. als Fahrer. Der 50-Jährige lebte jahrelang in den USA, beging dort Einbrüche und Diebstähle. Die Kölner Polizei vermutet, dass ihm der Boden dort „zu heiß“ wurde, er deshalb nach Deutschland ausreiste. Am 8. Dezember treffen sich die vier morgens in Düsseldorf. Aber es gibt ein Problem: Nuny kann sie nicht fahren. Er war tags zuvor in Essen, hat sich betrunken und ist mit dem Zug heimgefahren. Wo sein Mercedes steht, weiß er nicht mehr. Also fahren die vier im Taxi nach Essen und suchen Nunys Auto. Sie finden es, aber für Diebstähle ist es jetzt zu spät.

Pannen wie diese unterlaufen den Tätern selten. In der Regel arbeiten sie professionell. Fast immer sind sie ihren Verfolgern einen Schritt voraus. Gezielt nutzen sie die Schwächen der dezentral organisierten deutschen Polizei aus, indem sie die Ermittler in ein Zuständigkeitswirrwarr stürzen. Statt mehrmals am Tag in derselben Stadt zuzuschlagen, reisen die Betrüger durchs Land, legen täglich 500 Kilometer oder mehr zurück. „Im Extremfall“, sagt der Kölner Kriminalhauptkommissar Joachim Ludwig, „fahren sie einen Tag durchs Ruhrgebiet, den nächsten Tag nach Berlin, am darauf folgenden nach Belgien und dann zwei Tage in die Schweiz. Wenn eine Tätergruppe fünf Tage die Woche arbeitet, sind am Ende des Monats 20 Polizeidienststellen und mehrere Staatsanwaltschaften quer durch Europa beschäftigt, und meistens, ohne dass die einzelnen Sachbearbeiter von den anderen Taten wissen.“

Auf diese Weise verschleiern die Täter ganze Serien. Ohne einen Zusammenhang zu erahnen, ermitteln verschiedene Behörden parallel. Hinzu kommt, dass jede Woche irgendwo Sachbearbeiter zum ersten Mal mit dem Zetteltrick konfrontiert werden und ganz von vorne anfangen. Finden die Ermittler Wochen später endlich zusammen, stellen sie fest, dass niemand zuständig ist, die Taten zusammenzuführen. Auch die Staatsanwaltschaften sind in der Regel nicht erpicht darauf, aufwändige, überörtliche Sammelverfahren zu führen. „Da ist insgesamt noch sehr viel Überzeugungsarbeit bei der Justiz nötig“, klagt ein BKA-Beamter. In einem Artikel für eine Fachzeitschrift bezeichnete Ludwig diesen Zustand einmal provokant als „kollektive Strafvereitelung durch Unzuständigkeit“.

11. Dezember 2006: Sonja und Nuny L. fahren mit zwei Verwandten aus Köln nach Duisburg. Am Mittag geht bei der örtlichen Polizei ein Notruf ein: Ein Ehepaar meldet, es sei soeben auf den Zetteltrick hereingefallen, aus zwei Verstecken in der Wohnung fehlen 40 000 Euro. Zur gleichen Zeit ruft Sonja einen Freund an, „freudigst erregt“, wie die Beamten bemerken, die das Telefonat belauschen. Doch sie müssen das Gespräch erst von einem Dolmetscher übersetzen lassen, das kostet Zeit. Außerdem sprechen die Täter selten in vollständigen Sätzen, ihre Aussagen müssen interpretiert werden. Sonja berichtet zum Beispiel, man habe „130“ gemacht.

Die Auflösung folgt tags darauf: Das bestohlene Ehepaar meldet sich erneut. Es schildert die Tat noch genauer und berichtet, es fehlten nicht nur 40 000, sondern 130 000 Euro. Jetzt erkennen die Ermittler den Zusammenhang. Sie schwärmen aus, nehmen Nuny mit 5000 Euro in der Tasche fest. In einer Wohnung finden sie noch mehr Geld, insgesamt 24 000 Euro aus der Beute. Sonja hatte sich rechtzeitig nach Bielefeld abgesetzt. Sie wird später in Berlin festgenommen. Roman M., der anfangs ihr Fahrer war, und drei andere Frauen nehmen Polizisten nach weiteren Taten in Leverkusen fest.

In einem Punkt sind sich die Ermittler länderübergreifend einig: Um den reisenden Betrügern das Handwerk zu legen, müsste eine Behörde alle Informationen zentral sammeln und auswerten. Nur welche? Und wer stellt das Personal zur Verfügung?

Beim Bundeskriminalamt (BKA) wurde das Problem erkannt. Vor einem Jahr erstellte das BKA die „Bund-Länder-Verbunddatei Reisende Straftäter“. Alle deutschen Polizeibehörden haben seither die Möglichkeit, ihre Ermittlungsansätze in die Datei einzuspeisen und sie mit den Daten anderer Polizeibehörden abzugleichen. „Das ist eine Art bundesweiter Recherche-Pool mit Informationen über neue Fälle, Festnahmen sowie Personalien, Telefonnummern und Autokennzeichen von Verdächtigen“, erklärt Frank Scheulen vom Landeskriminalamt NRW, das maßgeblich an der Einführung der Datei beteiligt war. Der Haken an der Sache: Das BKA verpflichtet die Polizeidienststellen nicht, ihre Informationen einzustellen. Manche Sachbearbeiter vergessen das schlicht. Zwar machten die Polizeidienststellen in NRW „sehr eifrig“ Gebrauch von der Datei, berichtet Scheulen. Andere Bundesländer aber lassen die Datenbank links liegen. Somit bleibt sie lückenhaft und unzuverlässig.

In den USA haben sich Polizisten zu einer privaten Initiative zusammengeschlossen. Im Internet veröffentlichen sie - für jedermann frei einsehbar - Fotos, Lebensläufe und Vorstrafen von bekannten Trickbetrügern und melden neue Fälle. Ein Modell, das freilich nicht auf Deutschland übertragbar ist, schon aus Datenschutzgründen.

Immerhin: Ein erster Schritt ist getan. Seit April muss jede Polizeibehörde in Nordrhein-Westfalen mindestens zwei Ermittler abstellen, die speziell für die Aufklärung von Straftaten gegen Senioren zuständig sind. Das schreibt das Landesinnenministerium vor. In Köln sind es sogar fünf Beamte. Bundesweit allerdings widmen nur wenige Behörden dem Phänomen besondere Aufmerksamkeit. Kriminalhauptkommissar Ludwig wünscht sich Sachbearbeiter „mit „Weitblick und überörtlichem Engagement“, denen ihre Vorgesetzten „die nötigen Freiräume für kriminalistische Kreativität“ einräumten - damit Ermittlungserfolge wie im Kölner Verfahren um Nuny L. und die drei Frauen keine Ausnahme bleiben.

Die Beweisaufnahme ist mühsam. Wie bei einem Puzzle fügen die Kölner Ermittler ihre Erkenntnisse Stück für Stück zusammen, weisen schließlich nach, dass die 24 000 Euro tatsächlich mit einem Teil der Scheine identisch sind, die das Ehepaar aus Duisburg in seiner Wohnung aufbewahrt hatte. Nuny L. wird am 18. Dezember 2007 in Duisburg verurteilt, seine Strafe: eineinhalb Jahre mit Bewährung. Am selben Tag nimmt die Polizei wegen ähnlicher Taten eine Schwester von Nuny in Berlin und einen Bruder in Offenbach fest. Sonja L. und eine Mittäterin bekommen zweieinhalb Jahre ohne Bewährung. Mosol C. und Soraya C., mit denen Sonja Wochen zuvor unterwegs war, standen erst vor wenigen Wochen in Köln vor Gericht. Die Urteile: ein Jahr und sieben Monate mit Bewährung.

ENDE



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