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Serie Wege aus der Krise

„Strenge Regulierung allein reicht nicht“

Erstellt 05.12.08, 23:48h

Der Wirtschaftsethiker Bernhard Emunds möchte den Kapitalismus bändigen. Eine Positiv-Liste erlaubter Finanzprodukte soll die Umgehung der Regeln durch findige Finanzinstitute verhindern. Die Politik habe zu einseitig auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft vertraut.

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Blick auf die Wall Street. (Bild: dpa)
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Blick auf die Wall Street. (Bild: dpa)

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Emunds, die Wirtschaftsethik steht im Ruf einer Schönwetterveranstaltung: Nett in guten Zeiten, aber hinderlich, wenn's hart auf hart kommt.

BERNHARD EMUNDS: Unternehmensethik läuft sicher Gefahr, nur dann aus der Mottenkiste geholt zu werden, wenn die Gewinne hoch sind. Die Wirtschaftsethik versteht sich demgegenüber als eine grundsätzliche Reflexion auf das Wirtschaftssystem. Solche Orientierungsfragen spielen auch in Krisenzeiten eine zentrale Rolle.

Aktuell mit welchem Ergebnis?

EMUNDS: Wir haben die Wirtschaft, die für die Gesellschaft eine hochkomplexe Aufgabe erfüllt, weitgehend einer bestimmten Eigenlogik anvertraut: Ein Großteil der Güter wird durch gewinnorientierte Organisationen bereitgestellt, sprich durch Unternehmen. Das hat sich im Prinzip bewährt, aber nun stehen wir vor dem Problem, dass sich dieses Teilsystem ganz weit vom Rest der Gesellschaft entfernt hat und begonnen hat, diese zu dominieren. Die Finanzkrise ist dafür ein Symptom.

Wer ist daran Schuld?

EMUNDS: Zum einen hat die Politik zu einseitig auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft vertraut und ihr wenig Regeln gesetzt. Zum anderen haben die großen Unternehmen, die Großanleger wie Fondsgesellschaften sowie ein Großteil der Politik-Elite massiv dem Shareholder Value gehuldigt. Die Wirtschaftswissenschaft hat behauptet, die Erfolgsmessung einzig und allein am Aktienwert eines Unternehmens sei das Effizienteste, was es gibt. Der Aktienkurs wird aber allein durch die kurzfristige Gewinnentwicklung bestimmt. So kam es in manchem Großunternehmen zu einer schlechten Kurzatmigkeit. Es geriet aus dem Blick, dass motivierte Mitarbeiter und dauerhaft zufriedene Kunden langfristige Voraussetzungen guten Wirtschaftens sind.

Sie kritisieren eine marktliberale Haltung der Politik. Staatliche Regulierung war aber auch nicht erfolgreicher. Das hat der Sozialismus doch hinlänglich bewiesen.

EMUNDS: Richtig. Nur bedeutet der Zusammenbruch der Staatswirtschaft noch lange nicht, dass ein rein kapitalistisches System der Weisheit letzter Schluss ist. Das Entscheidende wird auf Dauer sein, den Kapitalismus zu bändigen und den Akteuren Regeln vorzugeben.

Der Weltfinanzgipfel in Washington hat damit begonnen.

EMUNDS: Ich halte es für sinnvoll, die vergleichsweise strenge Regulierung der Bankwirtschaft, wie in Washington vereinbart, auf alle Märkte, Institute und Produkte auszudehnen. Aber das reicht nicht. Das ist wie mit einem großen Heizkessel. Natürlich funktioniert der nur, wenn er überall gut abgedichtet ist.

WEGE

AUS DER KRISE

Folge 9

Der Konsens von Washington bedeutet, dass wir nun an allen Ausgängen des Kessels Dichtungen anbringen. Aber wir haben eben auch das Problem, dass in dem Heizkessel immer wieder Überdruck entsteht. Auf den Weltfinanzmärkten ist das eine wahre Schwemme von kurzfristigem Finanzkapital, das ständig nach Rendite sucht. Gegen die Tendenz der Finanzwirtschaft, immer wieder einen solchen Überdruck zu verursachen, müssen wir auch etwas tun, sonst fliegt uns der Kessel immer wieder um die Ohren.

Welche Sicherheitsventile schlagen Sie vor?

EMUNDS: Es gibt drei wesentliche Ansatzpunkte. Erstens die „Tobin-Steuer“, die kurzfristige Finanztransaktionen stärker besteuert und damit weniger attraktiv macht. Zweitens eine Unterscheidung zwischen Krediten für die Realwirtschaft - also für echte betriebliche Investitionen - und Krediten, die lediglich Spekulationszwecken dienen, wobei letztere stärker belastet werden müssten. Als drittes nenne ich einen globalen „Finanz-Tüv“, der eine Liste erlaubter Finanzprodukte erstellt und damit alle anderen automatisch ausschließt. Das ist wichtig, weil die Finanzinstitute sehr findig darin sind, die ihnen auferlegten Regeln zu umgehen.

Klingt ein bisschen nach Mafia oder Drogenhandel, die der Polizei auch immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

EMUNDS: Das ist genau die bisherige Erfahrung auf den Finanzmärkten: ein Wettlauf zwischen Regulierern und Regulierten. Das können wir uns auf Dauer nicht mehr leisten. Deshalb die Idee einer Positivliste.

Macht das multiple Versagen in der gegenwärtigen Finanzkrise Sie nicht depressiv?

EMUNDS: (lacht) Wir müssen nach vorne schauen. Zum Beispiel sehe ich gerade jetzt die Chance, die Wirtschaft und insbesondere die Finanzwirtschaft wieder stärker an die Gesellschaft zurückzubinden. Erstens durch die angesprochenen Regeln. Zweitens aber auch durch ein umfassenderes Verständnis vom Erfolg eines Unternehmens. Das kann zum Beispiel dadurch gelingen, dass Manager in den variablen Bestandteilen ihres Gehalts nicht nur nach der Entwicklung des Aktienkurses bezahlt werden, sondern auch nach dem Maß, in dem sie Beschäftigungsstabilität für die Mitarbeiter erreicht haben. Solche Ideen haben jetzt etwas mehr Chancen, Gehör zu finden, weil die Wirtschaft selbst umdenkt und sagt, „so wie bisher können wir nicht mehr weitermachen“. Wir haben also zurzeit bessere Aussichten, zu einer neuen, sozial- und umweltverträglicheren Variante des Kapitalismus zu kommen.

Und Sie bewegen sich zwischen den Rollen Bußprediger und Hofnarr, der unangenehme Wahrheiten ausspricht?

EMUNDS: Als christlicher Sozialethiker hat man sich in den vergangenen Jahre bei Veranstaltungen der Wirtschaft manchmal als eine Art Pausenclown gefühlt. Jetzt ist dort die betretene Nachdenklichkeit gewaltig und das verändert auch die Art, wie der Beitrag der Ethik wahrgenommen wird.

Krisenzeiten, gute Zeiten - für den Ethiker?

EMUNDS: Krisenzeiten sind Zeiten der gesellschaftlichen Neuorientierung. Kann gut sein, dass die Stimmen der Ethiker in dieser Situation mehr Gewicht bekommen.

Das Gespräch führte Joachim Frank



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