Schriftgröße

Premiere

Spektakulär gelungen

Von Christian Bos, 08.12.29, 16:29h

Katie Mitchell inszeniert das „Wunschkonzert“ von Franz Xaver Kroetz. Ein stummes Stück, das nur aus wenigen Seiten mit Regieanweisungen besteht.

Julia Wieninger
Bild vergrößern
Doppeltes Spiel in Köln: Julia Wieninger auf der Leinwand sowie Stefan Nagel und Birgit Walter auf der Bühne. (BILD: CUMMISKEY)
Julia Wieninger
Bild verkleinern
Doppeltes Spiel in Köln: Julia Wieninger auf der Leinwand sowie Stefan Nagel und Birgit Walter auf der Bühne. (BILD: CUMMISKEY)
Als um sechs Uhr früh der Wecker klingelt, ist niemand mehr da, um ihn auszumachen. Fräulein Rasch ist tot, eine Überdosis Antidepressiva. Wir sehen das leere Sektglas, die Pikkoloflasche, die aufgebrochenen Pillenschachteln, zwei allein gelassene Goldfische. Hartes Tageslicht schlägt aus dem Fenster auf die stummen Zeugen, ein paar Hausschlappen warten nun in alle Ewigkeit. Als nach 75 Minuten Dunkelheit das Licht im Parkett hochgefahren wird, brandet enthusiastischer Applaus auf, Jubel über eine spektakulär gelungene Inszenierung. Aber auch Selbstvergewisserung darüber, dass man noch am Leben und nicht allein ist. Später wundert man sich, warum die technische Virtuosität nie die emotionale Wucht des Abends ausbremste.

Das Stück zum Film

Franz Xaver Kroetz' Drama „Wunschkonzert“ wurde 1973 uraufgeführt. Ein stummes Stück, das nur aus wenigen Seiten mit Regieanweisungen besteht. Die schildern mit quasi-dokumentarischer Exaktheit den letzten Abend des Fräulein Rasch. Wie sie sich ein Brot zubereitet, die Goldfische füttert, einem Wunschkonzert im Radio lauscht. Dies gibt es in Katie Mitchells Inszenierung im Kölner Schauspielhaus auf einer großen Leinwand zu sehen, die rechts oben vom Bühnenhimmel herabhängt. Darunter aber kann man die atemberaubend präzise Choreografie verfolgen, mit der das Ensemble dieses verstörende Filmdokument einer Auslöschung herstellt.

Auf der Leinwand sehen wir wie Julia Wieninger, die dem Fräulein Rasch Gesicht und Körper leiht, sich im Spiegel studiert, eine Dose öffnet und eine unreine Hautstelle eincremt. Auf der Bühne steht Wieninger in der Apartment-Kulisse, erzeugt Therese Dürrenberger am Arbeitstisch das Geräusch, welches das Abschrauben des Dosendeckels verursacht, während Birgit Walter an einem anderen Tisch über einer Kopie des Waschbeckens und simultan zu Wieninger und Dürrenberger eine dritte Dose öffnet. Für den Close-up. Mitchell hat das Drama in seinem Entstehungsjahr belassen und mit viel Liebe zum Detail - von der „Creme 21“ bis zur „Odol“-Flasche - ausgestattet. Sogar die etwas sumpfigen Farben des Filmmaterials erinnern ans Autorenkino der 70er Jahre.

Der Abend ließe sich also wie ein Ballett betrachten, wie eine Meditation übers Filmemachen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass irgendjemand im Publikum die Inszenierung der britischen Regisseurin auf diese Weise wahrgenommen hat. Was man vielmehr empfand, war der Ernst und die Hingabe, mit der hier das letzte bildliche Testament einer Lebensmüden hergestellt wurde. Mitchell betont das Gemachtsein der Bilder, und die Wechselwirkung von Bühnengeschehen und Filmerzählung erzeugt eine Art hyperrealistischen Sog, die vielen Nahaufnahmen verleihen den stummen Dingen eine bedrohliche Dimension. Als Agenten des Alltags klagen sie das einsame Fräulein Rasch an. Messer, Telefon oder Tasse erscheinen zu schwer zum Gebrauch.

Wer bis jetzt von Depressionen verschont wurde, weiß nach diesem Abend, wie sie sich anfühlen. Was auch viel mit Wieningers schonungslosem Spiel zu tun hat. „Wunschkonzert“ ist eine Ensemblearbeit, womit nicht allein die Schauspieler, sondern im gleichen Maße die Sound- und Videodesigner, die Tonkünstler und Kameramänner gemeint sind. Trotzdem muss man Wieninger hier hervorheben. Ihre Tränen über dem nett mit Essig-Gürkchen angerichteten Brot, ihr ausdrucksloser und doch verzweifelter letzter Blick zum Fenster ihrer Kulissenwohnung hinaus hallen noch lange in den Köpfen des Publikums nach: als große Anklage gegen die Wirklichkeit, auch als Rache für den hemmungslosen Voyeurismus, zu dem Mitchell natürlich auch einlädt.

Ein anderer Effekt aus der Reibung zwischen Bühne und Leinwand kommt vielleicht erst in der Reflexion über das Erlebte zum Tragen: Fräulein Raschs Unglück ist keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen hergestellt. Mitchell verleiht dem Kroetz'schen Spiel zwar psychologische Tiefenschärfe, aber seine politische Zielsetzung, seinen Kampf gegen die Verhältnisse hat sie nicht vergessen. Die allein gelassene Angestellte aus den tristen 70ern ist längst nicht abgearbeitet. Weshalb am Ende von Mitchells grandioser Inszenierung auch keine Leiche steht, sondern eine Abwesenheit.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste