Von Christian Bos, 08.12.29, 16:29h
Franz Xaver Kroetz' Drama „Wunschkonzert“ wurde 1973 uraufgeführt. Ein stummes Stück, das nur aus wenigen Seiten mit Regieanweisungen besteht. Die schildern mit quasi-dokumentarischer Exaktheit den letzten Abend des Fräulein Rasch. Wie sie sich ein Brot zubereitet, die Goldfische füttert, einem Wunschkonzert im Radio lauscht. Dies gibt es in Katie Mitchells Inszenierung im Kölner Schauspielhaus auf einer großen Leinwand zu sehen, die rechts oben vom Bühnenhimmel herabhängt. Darunter aber kann man die atemberaubend präzise Choreografie verfolgen, mit der das Ensemble dieses verstörende Filmdokument einer Auslöschung herstellt.
Auf der Leinwand sehen wir wie Julia Wieninger, die dem Fräulein Rasch Gesicht und Körper leiht, sich im Spiegel studiert, eine Dose öffnet und eine unreine Hautstelle eincremt. Auf der Bühne steht Wieninger in der Apartment-Kulisse, erzeugt Therese Dürrenberger am Arbeitstisch das Geräusch, welches das Abschrauben des Dosendeckels verursacht, während Birgit Walter an einem anderen Tisch über einer Kopie des Waschbeckens und simultan zu Wieninger und Dürrenberger eine dritte Dose öffnet. Für den Close-up. Mitchell hat das Drama in seinem Entstehungsjahr belassen und mit viel Liebe zum Detail - von der „Creme 21“ bis zur „Odol“-Flasche - ausgestattet. Sogar die etwas sumpfigen Farben des Filmmaterials erinnern ans Autorenkino der 70er Jahre.
Der Abend ließe sich also wie ein Ballett betrachten, wie eine Meditation übers Filmemachen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass irgendjemand im Publikum die Inszenierung der britischen Regisseurin auf diese Weise wahrgenommen hat. Was man vielmehr empfand, war der Ernst und die Hingabe, mit der hier das letzte bildliche Testament einer Lebensmüden hergestellt wurde. Mitchell betont das Gemachtsein der Bilder, und die Wechselwirkung von Bühnengeschehen und Filmerzählung erzeugt eine Art hyperrealistischen Sog, die vielen Nahaufnahmen verleihen den stummen Dingen eine bedrohliche Dimension. Als Agenten des Alltags klagen sie das einsame Fräulein Rasch an. Messer, Telefon oder Tasse erscheinen zu schwer zum Gebrauch.
Wer bis jetzt von Depressionen verschont wurde, weiß nach diesem Abend, wie sie sich anfühlen. Was auch viel mit Wieningers schonungslosem Spiel zu tun hat. „Wunschkonzert“ ist eine Ensemblearbeit, womit nicht allein die Schauspieler, sondern im gleichen Maße die Sound- und Videodesigner, die Tonkünstler und Kameramänner gemeint sind. Trotzdem muss man Wieninger hier hervorheben. Ihre Tränen über dem nett mit Essig-Gürkchen angerichteten Brot, ihr ausdrucksloser und doch verzweifelter letzter Blick zum Fenster ihrer Kulissenwohnung hinaus hallen noch lange in den Köpfen des Publikums nach: als große Anklage gegen die Wirklichkeit, auch als Rache für den hemmungslosen Voyeurismus, zu dem Mitchell natürlich auch einlädt.
Ein anderer Effekt aus der Reibung zwischen Bühne und Leinwand kommt vielleicht erst in der Reflexion über das Erlebte zum Tragen: Fräulein Raschs Unglück ist keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen hergestellt. Mitchell verleiht dem Kroetz'schen Spiel zwar psychologische Tiefenschärfe, aber seine politische Zielsetzung, seinen Kampf gegen die Verhältnisse hat sie nicht vergessen. Die allein gelassene Angestellte aus den tristen 70ern ist längst nicht abgearbeitet. Weshalb am Ende von Mitchells grandioser Inszenierung auch keine Leiche steht, sondern eine Abwesenheit.
"Überdosis Antidepressiva"???
09.12.2008 | 00.22 Uhr | Elbstrand
Wie kann man denn eine "Überdosis Antidepressiva" für den Suizid benutzen???
Wenn ein Depressiver Antidepressiva bekommt, dann doch nicht, damit er…
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