Von Susanne Rohlfing, 15.12.08, 08:33h, aktualisiert 02.09.09, 15:15h
„Verneigen vor dem Vertrieb“, so nennen Schneemann und Mühlwitz ihr Ritual. Es ist eine lustige Angewohnheit, eine Art Sketch, der den Betrachter zum Lachen bringt. Als Vorlage dürfte ihnen das formvollendete Verbeugen des Butlers James, alias Freddy Frinton in „Dinner for one“ gedient haben. Obwohl natürlich kein Alkohol im Spiel ist. Und keine Miss Sophie.
Um acht ins Büro, um neun wieder wegDieses theatralische Verneigen erinnert Schneemann und Mühlwitz und die Sekretärinnen, wahrscheinlich sogar alle rund 90 Mitarbeiter der Abteilung „Mobiler Vertrieb“ der Sparkasse Köln / Bonn daran, dass hier nicht Büroarbeit der alten Schule geleistet wird. Kein Dienst von neun bis fünf. Kein Chef, der aufpasst, dass kein Mitarbeiter die Pause überzieht. Im Gegenteil: Es gibt Freitage, da kommt Bereichsleiter Schneemann um acht ins Büro. Und um neun ist er wieder weg. Unterwegs zum Fallschirmspringen. Dafür fährt Manfred Mühlwitz, einer der Teamleiter, manchmal mitten am helllichten Bürotag zum Baumarkt. Schrauben kaufen.
Horst Schneemann setzt auf flexible Arbeitszeiten. Es ist ihm egal, wie viel Zeit seine Mitarbeiter im Büro, im Schwimmbad oder auf dem Kinderspielplatz verbringen. Nur das Ergebnis muss stimmen. Natürlich wird gearbeitet. Viel sogar. Es geht darum, Kunden für Bausparverträge, Fonds und Versicherungen zu finden. Selbst oder über die Schulung anderer Sparkassen-Mitarbeiter. Wann seine Angestellten das erledigen, ist Schneemann egal. Wie lange sie dafür brauchen, ebenfalls. Sollte ein Mitarbeiter allerdings dem ausgegebenen Zeitziel hinterherhinken, und sollte Schneemann dann bei einem Anruf bei diesem Mitarbeiter am helllichten Bürotag lautes Schwimmbadgetöse im Hintergrund vernehmen, würde er ziemlich sauer werden. „Dann rauscht die Linde“, sagt Schneemann. Und er fügt an: „Aber das macht keiner.“ Seine Abteilung ist prädestiniert für ein flexibles Arbeitszeitmodell. Im mobilen Vertrieb müssen sich die Sparkassenmitarbeiter nach den Wünschen der Kunden richten, und diese liegen nicht immer innerhalb der gängigen Bürozeiten. „Wir arbeiten, wann der Kunde es erfordert“, sagt Schneemann, „und nicht, wann die Stempeluhr es erfordert“.
Strenge Hierarchien lösen sich aufDiese wird mehr und mehr zu einem Relikt, überflüssig auf dem modernen Arbeitsmarkt. Davon ist zumindest Sozialwissenschaftler Hilma Schneider vom Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn überzeugt. „Die Konturen zwischen Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen immer mehr“, sagt er. Der strikte Büroalltag von einst schwindet. „Strenge Hierarchien und klare Arbeitsanweisungen sind dabei, sich aufzulösen“, sagt Schneider. Was bleibt, sind Zielvorgaben. Gefordert wird das Was und Bis wann, dem Arbeitnehmer selbst überlassen bleibt das Wie.
Das erfordert eine hohe Eigenverantwortung und Flexibilität, und bringt vermehrt eine erfolgsabhängige Entlohnung mit sich. Dadurch müssen Arbeitnehmer häufig so agieren, als wären sie Unternehmer. „Das ist teilweise unbequem“, sagt Schneider, „aber es gibt keine Alternativen“. Für ihn steht fest, dass sich damit auseinandersetzen muss, wer im Wettbewerb um interessante Arbeitsplätze bestehen will.
Alle, die damit nicht klar kommen, werden künftig strukturelle Nachteile haben, sie werden eher die Neben- als die Hauptrolle spielen. Als aufziehendes Drama für den an Routine und Acht-Stunden-Jobs gewöhnten Arbeitnehmer betrachtet der Sozialwissenschaftler das nicht. Er sagt: „Ich sehe das nüchtern, Menschen haben immer gelernt, mit Veränderungen umzugehen.“
Vier-Stunden-WocheEiner, der den Veränderungen weit voraus eilt, ist der amerikanische Unternehmer Timothy Ferriss. Er zelebriert die 4-Stunden-Woche und erklärt in seinem gleichnamigen Buch, wie das geht. „Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben“. Das ist seine Devise. Ferriss ist 31 Jahre alt, hat in Princeton studiert, Neurowissenschaften und Ostasienstudien. Danach machte er schlechte Erfahrungen als Festangestellter und gründete im Herbst 2001 einen Versand für Nahrungsergänzungsmittel. Das wurde ein Erfolg, Ferriss verdiente bald mehr als 40 000 Dollar im Monat - arbeitete dafür aber auch mehr als zwölf Stunden Tag. Da habe er sein Leben gehasst, schreibt Ferriss. 2004 macht er Urlaub, bekommt einen Nervenzusammenbruch und aus vier Wochen werden zwölf Monate Weltenbummler-Dasein. Seine Firma führt Ferriss von unterwegs, mit einem Aufwand von vier Stunden in der Woche. Sagt er.
„Jeden Tag mehr als acht Stunden das Gleiche tun, bis man zusammenbricht oder genug Geld hat, um für immer aufzuhören“ - diese Definition von Karriere hat Ferriss für sich auf den Kopf gestellt. Er schiebt immer wieder kleine „Rentenphasen“ ein, jetzt schon, nicht erst mit 67. Seine Empfehlung: Nicht die Zeit zählt, die man für etwas braucht, sondern die Ergebnisse der Arbeit. Deshalb: „Seien sie lieber produktiv als beschäftigt.“
Nicht Chef oder Angestellter, sondern BesitzerDem Amerikaner ist ein launiges Buch gelungen, das zum Nachdenken anregt, in einigen Punkten auch zum Nachahmen. In den USA ist es zum Bestseller geworden, Ferriss zum beliebten Talkshow-Gast. Letztlich erzählt er aber doch von einem Leben, von dem das Gros der Menschen auf dem Arbeitsmarkt nur träumen kann. „Weder Chef noch Angestellter sein, sondern der Besitzer“, lautet einer seiner Ratschläge. Aber jemand muss die Arbeit ja machen, die Ferriss für sich erledigen lässt.
Etwas lebensnaher sind da die Beispiele des deutschen Autors Markus Albers in seinem Buch „Morgen komm ich später rein“. Für Albers ist die „Gattung Bürosklave“ eine „aussterbende Spezies“. Abgesessene Kernarbeitszeiten sollten nicht länger als Leistungsnachweis dienen, exzessive Überstunden nicht länger mit Engagement verwechselt werden. Albers ist überzeugt, dass sich die Produktivität steigern lässt, wenn eine bessere Balance zwischen Beruf und Freizeit erreicht wird. Die gängigen Arbeitszeitmodelle stammten aus der agrarischen Gesellschaft, als die Bauern den Tag früh beginnen mussten, und aus dem Schichtarbeitersystem der Industriezeit. Heute seien sie überholt. Das gelte nicht für jeden Berufszweig. „Aber Wissensarbeiter werden ihr Leben nicht mehr am Schreibtisch absitzen.“
Kundenwünsche werden individuellerDer Bonner Arbeitswissenschaftler Hilmar Schneider geht sogar noch weiter. Die neuen Anforderungen an den Arbeitnehmer werden seiner Meinung nach auch vor der Krankenschwester oder dem Optiker nicht Halt machen. Die Wünsche der Kunden werden immer individueller. „Mit dem Fortschreiten der technischen Möglichkeiten entwickeln sich auch die menschlichen Bedürfnisse weiter“, sagt Schneider. Kundenwünsche zu erkennen und Kunden zu beraten werde daher überall immer wichtiger - und das erfordert Eigenverantwortung und Flexibilität.
Das führt nicht immer zu weniger Arbeit. Manchmal sogar zu mehr. Oder zu Arbeit in schlechten Momenten. Abends, wenn der Partner zu Hause mit dem Essen wartet. Oder am Wochenende, wenn die Kinder in den Zoo wollen. „Das ist die Kehrseite“, sagt Schneider, „die Arbeit erstreckt sich immer mehr in Bereiche, die man früher der Freizeit zugeordnet hat“.
Das muss nicht schlecht sein. Denn flexibel zu sein, bedeutet auch, selbst bestimmen zu können. Und das erhöht die Lebenszufriedenheit. „Ich würde freiwillig nie wieder in ein starres Arbeitszeitmodell wechseln“, sagt Sparkassen-Bereichsleiter Horst Schneemann. „Auch um den Preis, dass ich manchmal schöne private Dinge verpasse.“ An anderen Tagen kann er dafür seine 15-jährige Tochter mitten am helllichten Bürotag zu H & M begleiten.
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