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Deutsche Sprache

Urangst vor dem Untergang

Von Malina Opitz, 11.12.08, 19:01h

Die Deutschen und ihre Sprache im Bonner Haus der Geschichte: Die Ausstellung „man spricht Deutsch“ befasst sich mit Vielfalt und Wandel der Sprache.

Deutsche Sprache
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Die deutsche Sprache in Gefahr - so sah es der Karikaturist Juli Sanchis Aguado im Jahre 2001. (Bild: hdg)
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Die deutsche Sprache in Gefahr - so sah es der Karikaturist Juli Sanchis Aguado im Jahre 2001. (Bild: hdg)
Fibel Volksschule
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Fibel für die Volksschule aus dem Jahre 1963. (Bild: hdg)
Fibel Volksschule
Mit Worten bittet, verführt, befiehlt der Mensch, klärt auf, verhüllt, integriert oder grenzt aus, ist brutal und sinnlich - Sprache ist Macht und Machtlosigkeit zugleich. Was die deutsche Sprache betrifft, so glauben laut einer Allensbach-Studie 65 Prozent der Bürger, dass sie „immer mehr verkommt“ und einer machtlosen, anarchischen Wortwahl weicht.

Im Bonner Haus der Geschichte geht man dieser Urangst auf den Grund: Wo bleibt der Goethe der Moderne? Stirbt die deutsche Sprache aus? Welche Rolle spielen Jugendsprache, Migration, Fremdsprachen und elektronische Medien bei der Sprachentwicklung? Die Ausstellung „man spricht Deutsch“ nimmt den Besucher mit auf eine Entdeckungsreise durch das turbulente Leben der deutschen Sprache.

Erklärtes Ziel der Ausstellung ist es, „das akustische Phänomen Sprache zu veranschaulichen, ohne dabei Bleiwüsten abzubilden“, sagt Hans Walter Hütter, Leiter der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. 500 Exponate - vom Grimm'schen Wörterbuch und einer Original-Ausgabe des „Werther“ bis zu kunstvoll im Unterricht verzierten Reclam-Heften, SMS-Kurztexten und den neuesten „Auswüchsen“ der Jugendsprache - sollen der Sprache Gestalt geben.

„Durch diese interaktive Ausstellung machen wir den Besucher zum Benutzer“, so Hütter. Berührt man beispielsweise eine der stählernen Röhren in der Ausstellung, so erklingen Auszüge aus den großen deutschen Dichtungen. An einer anderen Stelle schreibt ein Roboter unablässig Manifeste nieder. Die freie Künstlergruppe „robotlab“ hat ihm Leben eingehaucht, indem sie die einfache Grammatik und einen umfangreichen Wortschatz programmierte. Dem Zufall überlassen, bildet der „metallene Dichter“ durchaus sinnvolle Sätze wie „Denkschriften haben Skrupel“ oder „Der Redner und der Beobachter sind gleichgestellt. Aber wem nützt das?“ Die Besucher sind aufgefordert, sich eines der zahlreichen Manifeste mitzunehmen.

Dichterroboter gefährden unsere Sprache nicht. Doch wie steht es mit den Fremdsprachen? Deutsch ist mit 300 000 Worten die wortreichste Sprache Europas, doch unser Begriff „Kiosk“ ist türkisch, der „Tee“ chinesisch und der „Tollpatsch“ aus Ungarn. Auch das Deutsche verbreitet sich: In der Ausstellung erfährt man, dass wir das Wort „Bratwurst“ nach England exportiert haben, dass es „Kitsch“ auch in Spanien gibt und „Ach so!“ in der arabischen Sprache.

„Was geht ab, Alter“ - die Ausstellung erinnert daran, dass Jugendsprache stets gemeinsam mit der Jugendkultur betrachtet werden muss. Irokesen-Schnitt, Piercings, Poster, Comics - die junge Generation drückt sich immer wieder anders aus, um sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen und zu eigener Identität zu finden. Kein Wunder, dass das Jugendwort des Jahres 2008 „Gammelfleischparty“ lautet und eine Party für Leute über 30 umschreibt. Doch Jugendsprache kann auch eine Inspiration sein. So wurde das zunächst verpönte Wort „hallo“ in den 50er Jahren übernommen, während heute Begriffe wie „chillen“, „gammeln“, „geil“ und „stoned“ die Jugendsprache zum Impulsgeber machen.

Bleibt die Frage, welche Rolle die Migration bei der Sprachentwicklung spielt. Sprache ist Identifikation, und wer des Deutschen nicht mächtig ist, kann sich in Deutschland nicht zu Hause fühlen. Im Vorfeld von „man spricht Deutsch“ sollten Migranten malen, wie sie sich im Bezug auf die deutsche Sprache fühlen. Eines der Bilder zeigt einen riesigen Berg, an dessen unterstem Punkt ein kleines Männchen hockt.

Die Ausstellung macht eines sehr deutlich: Sprache ist nicht Einheit, sondern Vielheit - auch im Hinblick auf die zahlreichen Dialekte und die regionalen Unterschiede in Wortschatz und Semantik. Für die Besucher gibt es Szenen aus dem „Paten“ auf sächsisch und Max und Moritz auf bayrisch. Zudem wird auf die sprachlichen Unterschiede in Ost und West eingegangen, die sich durch die deutsche Teilung entwickelten. „Datsche“, „Broiler“ oder „Brigade“ - diese Wörter sind ein Erbe der DDR, wohingegen die Begriffe „Menschenrecht“ und „Weltreise“ nicht bekannt waren.

Wörter kommen, Wörter gehen. Die Ausstellung versteht sich als Werbung für die wandelbare deutsche Sprache. So ist es nicht verwunderlich, dass ein vermeintlicher Zigarettenautomat am Ende der Ausstellung statt den Glimmstängeln Gedichtbände ausspuckt.



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