Von Markus Schwering, 14.12.08, 22:42h
Paganinis a-Moll-Caprice für Violine solo hat, man weiß es, Großes gezeitigt, nämlich Schumann und Brahms zu herrlichen Variationszyklen inspiriert. Weniger bekannt ist, dass sich auch Rachmaninow der lapidaren Prägnanz des Themas nicht entziehen konnte und es 1934 in seiner Paganini-Rhapsodie opus 34 für Klavier und Orchester verarbeitete. Der russische Pianist Kirill Gerstein brachte das selten gehörte Stück nun im WDR-Konzert in der Philharmonie mit dem Kölner Rundfunksinfonie-Orchester unter Semyon Bychkov grandios zu Gehör. Rachmaninow, das ist doch Edelkitsch, zuckriges Schmachten, veräußerlichte Virtuosität, nicht wahr? Vorsicht, diese Rhapsodie, in der der Komponist einem Taschenspieler gleich aus den Intervallen des Themenbasses zwanglos das „Dies irae“ entspringen lässt, legt einige konstruktive Fantasie an den Tag, und im übrigen kommt es immer darauf an, wie diese Musik gespielt wird. Der geschmeidig-elegante Wechsel der Ausdrucksfarben, die spielerische Übersicht, der Witz und die Akkuratesse, die hochgradige und nie schwitzende Könnerschaft halt, mit der der Gast selbst die berserkerhaften Akkordgewitter absolvierte - sie wirken auf das Werk selbst zurück, geben ihm Glanz und Würde und lassen es selbst in der Umgebung zweier absoluter Höhenkamm-Kompositionen wie Mozarts später Es-Dur- und Schumanns zweiter Sinfonie nicht alt aussehen.
Mozarts KV 543 also zu Beginn. Maestro Bychkov setzte mit ihr seine jüngst verstärkten Bemühungen um den Wiener Klassiker einigermaßen erfolgreich fort. Die Länge der Aufführung - rund 40 Minuten - ist allein sicher kein Qualitätsmerkmal, verweist aber allemal darauf, dass man es nicht einfach gemacht hat. Alle Wiederholungen wurden erfreulicherweise ausgespielt, das Menuett mutierte nicht grotesk zum Schnellwalzer, in sorgfältiger Formung entstanden viele schöne Details. Die Wechseldramaturgie bei Streichern und Bläsern wie bei den Streichern untereinander funktionierte ausgezeichnet und stiftete ein lebendiges, bewegliches, angemessen dramatisches Klangbild, in das sich nur ganz gelegentlich, bei einzelnen Tempozurücknahmen, romantisierende Farben mischten. Das Orchester folgte den Intentionen vom Pult aus mit wacher Energie, einige rhythmisch-intonatorische Unschärfen der Geigen, etwa am Durchführungsbeginn im ersten Satz, zeigten, wie heikel Mozart halt für ein traditionelles Sinfonieorchester immer noch ist - allen Bemühungen à la „Klassik heute“ zum Trotz.
Die Schumann-Sinfonie nach der Pause wurde gleichfalls mit Verve und Inbrunst und entsprechend beifallträchtig intoniert, indes konnte die Darbietung das zuvor erreichte Niveau nicht mehr ganz halten. Da häuften sich Fehler, gab es nachlassende Spannungen und fett-opake Stellen, die an das alte Vorurteil erinnerten, Schumann habe nicht instrumentieren können. Dennoch ein schöner Abend, die WDR-Crew hat sich mit Aplomb in die Weihnachtsferien verabschiedet.
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