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Griechenland

Lage in Athen außer Kontrolle

Von Gerd Höhler, 07.12.08, 08:28h, aktualisiert 09.12.08, 07:35h

48 Stunden nach dem Tod eines 15-jährigen Schülers ist die Gewalt eskaliert: Nach zunächst friedlichen Protesten kam es am Montagabend im Zentrum der griechischen Hauptstadt wieder zu schweren Krawallen. Die Polizei kapitulierte vor rund 4000 gewaltbereiten Autonomen .

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Griechische Polizisten verteidigen sich mit Steinwürfen gegen randalierende Jugendliche. (Bild: afp)
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Griechische Polizisten verteidigen sich mit Steinwürfen gegen randalierende Jugendliche. (Bild: afp)
ATHEN/BERLIN - In Griechenland bahnt sich eine Staatskrise an. Das Zentrum der Hauptstadt Athen und angrenzende Stadtteile, wie das Einkaufs- und Wohnviertel Kolonaki, waren am späten Montagabend in der Hand von Randalierern, die mit Schlagwerkzeugen und Molotowcocktails durch die Straßen zogen. Die Regierung war offensichtlich nicht mehr Herr der Lage. Auch aus anderen griechischen Städten wurden schwere Ausschreitungen gemeldet. In Chania auf Kreta steckten Autonome das Gebäude der Präfektur in Brand. In Thessaloniki brannte die Handelskammer. Auch im nordgriechischen Ioannina loderten die Flammen - ein Land im Bürgerkriegszustand.

Am Montagabend berief Ministerpräsident Kostas Karamanlis eine Krisensitzung des Inneren Kabinetts ein, die aber zunächst nicht beginnen konnte, weil die Minister offenbar wegen der Unruhen das Regierungsviertel nicht erreichen konnten. Am Dienstagmorgen werde Karamanlis mit Staatspräsident Karolos Papoulias zusammentreffen, hieß es in einer Mitteilung der Regierung. Griechische Fernsehsender spekulierten, der Premier plane, den Notstand über das Land zu verhängen. Der Athener Regierungssprecher dementierte das. Aber bereits am Montagabend entglitt der Regierung die Kontrolle zusehends.

In Athen schien die Polizei vor den Autonomen zu kapitulieren und zog sich weitgehend aus dem Stadtzentrum zurück. Dort agierten die Chaoten völlig ungehindert. Tausende Vermummte zogen durch das Stadtzentrum, zertrümmerten Schaufenster steckten mit Molotowcocktails Geschäfte sowie Bankfilialen in Brand. Verängstige Passanten, unter ihnen viele ausländische Besucher, ergriffen in panischer Angst die Flucht. Zahlreiche Gebäude am Omoniaplatz und am Syntagmaplatz sowie in den umliegenden Straßen standen in Flammen, darunter ein mehrstöckiges Kaufhaus. Auch Teile des Weihnachtsmarktes auf dem Syntagmaplatz und der dort aufgestellte große Weihnachtsbaum gingen in Flammen auf. Die Autonomen verwüsteten die Lobbys mehrerer Luxushotels im Athener Zentrum. In der Halle des Hotels Athens Plaza brach ein Feuer aus.

Ob bei den Angriffen Hotelgäste verletzt wurden, war zunächst unklar. „Die Zerstörung ist total“, berichtete ein Reporter im Rundfunksender „Skai“ nach einem Rundgang durch das Stadtzentrum und das Viertel Kolonaki, in dem auch viele Politiker wohnen. Nach Berichten des Fernsehsenders „Antenna“ brannte es am Abend auch im griechischen Außenministerium und im Wirtschaftsministerium am Syntagmaplatz. Die Polizei war machtlos gegen den Zerstörungsfeldzug der etwa 4000 Autonomen. Mehrere hundert Beamten versuchten lediglich, das Parlamentsgebäude am Syntagmaplatz vor Angriffen zu schützen.

Die neuerlichen Unruhen entwickelten sich im Anschluss an einen Demonstrationszug von etwa 10 000 Anhängern der kommunistischen Partei und anderer Linksgruppen, die gegen den Tod eines 15-Jährigen protestierten, der am vergangenen Samstag durch eine Polizeikugel gestorben war. Der Tod des Jungen war Auslöser der schweren Krawalle, die nun bereits seit drei Tagen anhalten.

In fast allen Landesteilen Griechenlands blieben am Montag die Schulen geschlossen. Das Kultusministerium erklärte den Dienstag zum Tag der Trauer. Für die kommenden Tage wurden neue Demonstrationen autonomer Gruppen und linker Parteien angekündigt. Bei den Straßenkämpfen waren seit Samstagabend rund 40 Menschen verletzt worden. Der Sachschaden wurde auf 100 Millionen Euro geschätzt.

Der 37 Jahre alte Polizist, der am Samstagabend den tödlichen Schuss auf den Schüler abgegeben haben soll, sagte aus, er habe lediglich drei Warnschüsse abgefeuert. Der Jugendliche sei von einem Querschläger getroffen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Polizisten Totschlag vor. Einer der Anwälte des Beamten trat am Montag zurück. Er lies verlauten, dass er einen "solchen Mandanten" aus Gewissensgründen nicht verteidigen könne. Über den mutmaßlichen Schützen wurde bekannt, dass er wegen seines harten Durchgreifens unter dem Spitznamen "Rambo" bekanntgewesen sei, berichtete der griechische Rundfunk.

In Berlin ging die Besetzung des griechischen Konsulats am Montagabend nach rund acht Stunden friedlich zu Ende. Mehr als 20 Demonstranten verließen das Gebäude am Wittenbergplatz, wie die Polizei mitteilte. Die Botschaft hatte auf eine Räumung des Konsulats verzichtet und mit den Besetzern gesprochen. Es gab keine Festnahmen. (mit dpa)



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