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Menschlichkeit ohne Menschen

Von Tobias Kaufmann, 12.12.08, 14:07h, aktualisiert 12.12.08, 15:08h

Mit seiner Erklärung zur Fortpflanzungsmedizin hat der Vatikan bewiesen, dass sie Menschlichkeit im Einklang mit kirchlichen Dogmen definieren kann. An Menschen im realen Sinne geht sie damit vorbei. Bestenfalls. Anstoß - der tägliche Kommentar auf ksta.de

Papst Benedikt XVI
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Papst Benedikt XVI. (Bild: afp)
Papst Benedikt XVI
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Papst Benedikt XVI. (Bild: afp)
Es ist für Ungelernte mühsam, den Theoriegebäuden großer Theologen bis in alle Gedankengänge zu folgen oder sie gar zu durchdringen. Mitunter sind Sätze, die sich falsch anhören, bei Nachdenken durchaus treffend. Deswegen wäre es ein Fehler, sich mit säkularem Eifer immer gleich auf das offensichtlich Weltfremde in jedem neuen Schriftstück aus dem Vatikan zu stürzen. Der Erkenntnisgewinn solcher Übergriffe aus der einen Welt in eine andere ist gering.

Aber selbst wenn man dies anerkennt - vielleicht gerade dann - markiert die Erklärung "Dignitas personae" auf geradezu tragische Weise menschliches Versagen der katholischen Kirche. Auf moralischer und auf intellektueller Ebene.

Unmenschliche Ethik

Dass die Kirchendenker nach wie vor an ihrer Überzeugung festhalten, schon ein befruchteter Zellhaufen sei menschliches Leben desselben Grades wie ein geborenes Kind, mag unwissenschaftlich erscheinen - es ist aber ihr gutes Recht. Auf diesem Dogma aber allgemeine Prinzipien wie Menschlichkeit aufzubauen und so durchzuexerzieren, dass am Ende der im Labor erfüllte Kinderwunsch zweier verheirateter, gläubiger Christen als lebensfeindlicher Akt hingestellt wird, ist grotesk. Oder, um es ungeschminkt zu sagen: Unmenschlich.

In dem Papier aus dem Vatikan steht viel über Ehe und Familie. Den polemischen Hinweis darauf, dass die Erkenntnisse über diese beiden Institutionen menschlichen Zusammenlebens für die meisten Autoren solcher kirchlichen Erklärungen seit Jahrhunderten rein theoretischer Natur sind, könnte man sich sogar verkneifen, wenn er sich nicht so aufdrängte. Aber der moralische Fehlschluss des Papiers wird auch so deutlich genug. Der Ursprung menschlichen Lebens seien Ehe und Familie, "wo es durch einen Akt gezeugt wird, der gegenseitige Liebe von Mann und Frau zu Ausdruck bringt", heißt es da. Dieser personale Akt könne "in keiner Weise delegiert oder ersetzt werden". Demzufolge ist ein Kind, das nur zur Welt kommt, weil seine liebenden Eltern den in diesem Punkt erfolglosen "personalen Akt" dank moderner Medizin durch Labortechnik ergänzen konnten, auf eine inakzeptable Weise zustande gekommen.

Dabei besteht dieses Kind aus Eizelle und Spermium liebender Eltern mit ernsthaftem Kinderwunsch - ganz im Gegensatz zu so manchem Kind, das in zerrütteten Verhältnissen in einem personalen Akt gezeugt wurde, der mit allem zu tun hatte, nur nicht mit Liebe.

Diese Denkschraube meistert die Kirche, indem sie all jene in Labors befruchteten Eizellen, die nicht eingesetzt werden oder nie zu Kindern heranwachsen, zu "Opfern" erklärt. Die hohe Rate an "tödlichen Ausgängen" bei in-Vitro-Befruchtungsmethoden trage dazu bei, das "Bewusstsein der gebührenden Achtung vor jedem Menschen zu schwächen." Das mag in sich stimmig sein - mit Menschlichkeit hat es aber nichts zu tun.

Die Kirche feuert mit voller moralischer Breitseite in die Familienplanung ihrer Gläubigen. Tröstlich ist dabei nur eins: Die Salve landet in einem fast leeren Raum. Wer richtet sich schon danach, was der Vatikan zum Thema Kinderwunsch zu sagen hat?



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