Von Beatrix Lampe, 21.05.09, 19:20h
Der Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Uniklinikum Köln sagt: „Schmerztherapie ist keine Zauberei - man muss es nur tun“. Seit Cicely Saunders in den 1960er Jahren in London das erste moderne Hospiz eröffnete und damit die Keimzelle für die heutige Palliativmedizin legte, sind gewaltige Fortschritte gelungen. Am Uniklinikum Köln ist bereits 1983 die erste Palliativstation bundesweit eingerichtet worden. Die große Erfahrung gibt den Arzt- und Pflegeteams im Dr. Mildred-Scheel-Haus die Gewissheit, helfen zu können. Das Wissen sei bei Patienten und Angehörigen aber noch nicht durchgängig angekommen. Voltz sagt: „Die Furcht, vor dem Tod einer seelenlosen Apparatemedizin ausgeliefert zu sein, ist schon seit einer ganzen Generation nicht mehr begründet. Sie geht zurück auf Erfahrungen von vor 40 Jahren, als technische Möglichkeiten der Intensivmedizin mitunter unkritisch eingesetzt wurden, ohne auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Patienten einzugehen“.
Schmerzfreiheit innerhalb von 24 StundenSelbst bei Patienten mit unerträglichem Tumorschmerz könne innerhalb von 24 Stunden Schmerzfreiheit erreicht werden. Das sei nicht schwierig und gelte auch für Patienten, die ganz verzweifelt seien, weil ihnen selbst Schmerzpflaster mit immer höheren Opiat-Dosierungen keine Linderung mehr brächten. Solche Pflaster würden zwar viel verschrieben, seien aber nicht immer das Mittel der Wahl, weil sie erstens mit Verzögerung wirkten und zweitens nicht differenziert Einfluss auf die Nervenschäden nehmen könnten.
Gut ausgebildeten Palliativmedizinern stehe ein ganzes Repertoire zielgerichteter Hilfen zur Verfügung. Je nachdem, woher der Schmerz rühre und welche Körperpartien betroffen seien, würden unterschiedliche Medikamente eingesetzt. Morphine und Opiate selbst in hohen Dosen führten bei der Schmerztherapie nicht zur Abhängigkeit, zeitlich begrenzte Infusionen mit strahlenden Medikamenten könnten beispielsweise bei Metastasenbildung in Knochen für Linderung sorgen. Die Ärzte schauten genau, was jeder einzelne Patient brauche - ob das ruhige Nächte seien oder eine Schmerzlinderung am Tage.
Weniger Furcht, weniger SchmerzDabei werde immer auch auf das psychosoziale Umfeld geachtet. Kranke, die sich vor Schmerzen nicht mehr fürchten müssten, litten schon deswegen weniger. Schwieriger allerdings werde die palliative Hilfe für Menschen, die nicht am Schmerz selbst, sondern praktisch am Leben, an ihrer gesamten Situation litten. „Das Verzweifeln lässt sich rein medizinisch nicht heilen“, sagt der Arzt. Diesem Schmerz versuchten Ärzte und Pfleger gemeinsam mit den Familien der Kranken, mit Seelsorgern und Psychologen zu begegnen.
Wenn sterbenskranke Patienten den Wunsch nach Sterbehilfe äußerten - was Palliativmediziner entschieden ablehnen - müsse untersucht werden, was tatsächlich hinter diesem Wunsch stehe. Es kann Angst vor Schmerzen, vor Atemnot oder zunehmender Kraftlosigkeit sein, aber auch die Sorge, der Familie zur Last zu werden. „Wenn wir das wissen, können wir fast allen Patienten ein Angebot machen, das ihnen das Leben wieder lebenswert macht - bis hin zum Tod“, sagt Voltz und bezieht ausdrücklich die Familien der Kranken mit ein.
Zunehmend auch zu HauseEr ist nämlich stolz darauf, dass nicht nur „in unserer sicheren Burg hier im Mildred-Scheel-Haus“ die palliative Begleitung gelingt, sondern zunehmend auch zu Hause. Der ambulante Dienst begleite und berate die Familien sterbenskranker Menschen und beziehe die Hausärzte in ein Netzwerk ein, damit die Kranken vor ihrem Tod nicht mehr „reflexhaft in die Klinik eingewiesen werden“, sondern im vertrauten Zuhause sterben dürfen. Die ambulante Hilfe stärke auch die Angehörigen, denn „diese letzte Lebensphase braucht ein Team“.
Wenngleich der Aufbau palliative Dienste außerhalb der Klinik noch unter Schwierigkeiten bei der Finanzierung leide, ist sich Voltz sicher: „Gutes palliatives Denken ist keine Frage von Zeit und Geld“. Selbst wenn ein Arzt nur wenige Minuten Zeit für ein Patientengespräch habe, könne er sie sinnvoll nutzen, indem er bei sterbenskranken Menschen nicht ziellose Diagnostik und Therapie ins Spiel bringe, sondern die Lebensqualität des Patienten über die Lebensverlängerung stelle. Ärzte, die einzig zum Heilen ausgebildet seien und nicht Heilbares als persönliches Scheitern empfänden, müssten noch viel lernen.
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