Von Hans-Günter Borowski, 21.12.08, 18:57h
Eine großartige kleine Welt. Sie lässt nicht nur Kinderaugen strahlen. „Sie müssen sich das mal am Sonntagnachmittag anschauen - da sind wahre Völkerwanderungen unterwegs“, sagt Arnim Hölzer und freut sich. Er ist der Zaubermeister der Schaufenster an der Kirchstraße. Er kennt sich aus in dem gedrechselten und geschnitzen Paradies aus dem Erzgebirge, das er nach Leichlingen importiert. Sein vor Kunsthandwerk berstendes Geschäft ist nicht nur in der Weihnachtszeit eine Insel im Meer der Handy-Klingeltöne und Computerspiele.
Das ganze Jahr über vertreibt Familie Hölzer Holzfiguren, Wetterhäuser und Räuchermännchen, Kerzen, Spieluhren und Glaskunst aus Thüringen und Sachsen sowie aus Dänemark und Skandinavien. Vor Weihnachten aber geht es im Laden so richtig rund. Schon Ende August rollt ein 18 Meter langer Lastwagen aus Sachsen mit dem neuen Sortiment auf den Hof, bis unters Dach voller Pakete. 8500 einzelne Artikel alleine für die Wintersaison müssen eingelagert werden. Das dauert drei Wochen.
Farbe verrät die Fälschung
„Original statt Plagiat - Deutsche Handwerkskunst“ steht auf den Schachteln, die für echte Handarbeit bürgen und die traditionelle Volkskunst von asiatischen Plagiaten aus Billigproduktion unterscheidet, die längst auf dem Markt sind. An den falschen Farben kann man sie erkennen - und am Dumping-Preis, der die filigrane Handarbeit beleidigt.
Hölzer bezieht seine Ware direkt von 129 verschiedenen Herstellern. Alle diese Werkstätten im Erzgebirge, dem Mekka der Schwibbögen und Räuchermännchen, hat er selbst besucht. Dank eines ausgeklügelten Sortiersystems findet er in seinem penibel nummerierten Regallager die passende Kerze für jedes Gesteck, das richtige Ersatzteil für jede Holzfigur und einen leeren Karton für jedes einzelne Ausstellungsstück. 15 000 Artikel hat er insgesamt im Sortiment. Und er weiß von jedem einzelnen, wo er zu finden ist.
Das Obstmarkt-Wochenende Anfang Oktober ist bei Hölzers das Kommando für die Advents-Deko: Vier Wochen brauchen die fünfköpfige Familie und vier Mitarbeiter, um den Laden in ein Weihnachts-Paradies zu verwandeln. Ein Lichtermeer ist zu verkabeln. In Vitrinen, Regale und Auslagen zieht eine Armee aus Holzfigürchen ein. Die Wände hängen voller Baumschmuck, 3-D-Holzbilder und Puppenstuben in Streichholzschachteln. Das Arsenal von kreisenden Pyramiden reicht von 3,80 (für die Heizung) bis 8000 Euro. Auch unter der Decke darf kein Platz verschwendet werden, solange noch nicht alle Sterne und Leuchter hängen.
Kinder und Kunden, Sammler und andere Stammgäste danken es. Das Geschäft läuft gut. Auch in der Provinz. Niemals, da ist er sich mit seiner Frau Ulrike einig, würden sie Leichlingen verlassen und in die Großstadt abwandern. Stadtmanager aus Düsseldorf haben ihnen einmal den roten Teppich ausgerollt, wollten sie wegen ihres erstklassigen Rufs mit einem Ladenlokal in bester Lage locken - sie haben abgelehnt und sind an der Wupper geblieben. Zwischen Niederrhein, Ruhrgebiet, Oberberg und Bonn gelten sie als konkurrenzlos.
Sicher, manche Souvenirläden in Köln haben auch Engelchen. Weihnachtspyramiden und Räuchermännchen gibt es auch anderswo. Aber ein solch breites Sortiment an Originalprodukten hat außerhalb des Erzgebirges kaum jemand zu bieten. Dafür und „für die hochwertige Präsentation“ der Volkskunst ist Hölzer jetzt vom Verband der Erzgebirgischen Kunsthandwerker und Spielzeughersteller als „Fachgeschäft des Jahres“ ausgezeichnet worden. Beim Schaufenster-Wettbewerb des Leichlinger Wirtschaftsförderungsvereins hat er den Wanderpokal sowieso auf Anhieb gewonnen. Seitdem startet er außer Konkurrenz.
In Leichlingen leuchtet eine der größten Abteilungen für Schwibbögen außerhalb Sachsens: um die 220 Exemplare von fünf Zentimetern bis zum Metermaß. Teelichter gibt es in 43 Farben. In drei Schränken hat Hölzer allein mehr als 500 Bäumchen aller Arten und Größen aufgeforstet. „Ja, Bäume sind eine Leidenschaft von mir“, sinniert er über seine eigene Sammelwut. So viele, glaubt er, hat wahrscheinlich kein anderer vorrätig. Prompt kommt ein Kunde herein und sucht sich einen der größten, wohl 20 Zentimeter hoch, aus. Schnell muss Hölzer abtauchen, den richtigen Karton suchen. Dauert nicht lange.
Der 56-Jährige repariert, was er kann, in eigener Werkstatt. Und erweist sich auch mit dem Bemühen um ursprüngliche Original-Modelle als wahrer Liebhaber. So hat er „die Mutter aller Holzlaternen“ über dem Tresen hängen, den Prototypen des Nussknackers, einen König, im Angebot und das komplette älteste Engelorchester von Wendt & Kühn aus Grünhainichen, das so seit Jahrzehnten gebaut wird. Traditionspflege schließt neue Ideen nicht aus: Eine Kollektion lustiger Schneemänner, die mit Pudelmützen und Rodel durch die Auslage und ein dazu gehörendes Bilderbuch toben, wagt moderneres Design.
Hölzer hat unzählige Geschichten auf Lager. Von millimetergroßen Kaninchen, in denen 40 Arbeitsgänge stecken. Aus Orten, die schon klingen wie aus dem Märchenwald: Seiffen, Olbernhau, Deutscheinsiedel. Oder von dem 1580 Euro teuren Prunkstück einer Orgel mit Schweizer Spielwerk, an der vier Engel musizieren - und die es ohne Arnim Hölzer überhaupt nicht gäbe. Es ist eines seiner liebsten Stücke überhaupt, das Meisterstück von Frieder Uhlig aus Seiffen. Hölzer überredete den Handwerker so lange, das mit Blattgold überzogene Einzelstück für ihn nachzubauen, bis dieser einer limitierten Auflage von zehn Exemplaren zustimmte. Drei davon bekam Hölzer. Eine Orgel ist noch da.
Nachbestellen aussichtslos
Die Moden wechseln. Mal sind Pyramiden, mal Schwibbögen, mal Räuchermännchen die Renner. Das ist unvorhersehbar. Daher muss Hölzer von allem genug da haben, denn Nachbestellungen sind unmöglich. Bereits ab März sind die Jahresproduktionen der meist kleinen Werkstätten ausverkauft. Aktuell kann Hölzer einen Trend zurück zu echten Kerzen erkennen. Warum das so ist, weiß er nicht - jahrelang wollten alle nur elektrisches Licht haben, weil das sicherer ist.
Im Geschäft an der Kirchstraße erwärmen geschätzte 5000 Lämpchen Herzen - und Verkaufsräume: „Wir brauchen keine Heizung“, sagt Arnim Hölzer. Und der Stromverbrauch? „Gigantisch“, gesteht er. Genauer will er es lieber nicht wissen - die große Weihnachts-Show muss sein. Um 23 Uhr knipst die Zeitschaltuhr die Sterne im Paradies an der Kirchstraße aus. Holzpferde, Wichtel und Strickkinder klettern müde wieder in ihre Schubladen, die Spieluhren bleiben stehen, Orgeln und Engelstrompeten verstummen, Nussknacker und Räuchermännchen schlafen im Stehen ein.
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