Von Gerd Höhler, 29.12.08, 07:57h, aktualisiert 29.12.08, 07:57h
Das Kloster Mor Gabriel gehört zu den ältesten christlichen Kirchen der Welt. Es wurde im Jahr 397 n. Chr. gegründet. Mor Gabriel ist eines der letzten erhaltenen christlichen Baudenkmäler auf dem Tur Abdin, einem hügeligen Hochland, das sich von der Stadt Mardin nach Osten bis zum Tigris erstreckt. Seinen Namen Tur Abdin, „Berg der Knechte Gottes“, erhielt das Gebiet von den etwa 80 Klöstern, die hier seit dem 4. Jahrhundert gegründet wurden. Wie die christlichen Armenier, wurden auch die Assyrer im Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg Opfer von Verfolgung und Vertreibung. Assyrische Quellen beziffern die Zahl der Opfer auf eine halbe Million. Bis Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebten noch etwa 30 000 Assyrer in der Region. Die meisten von ihnen flohen nach Westeuropa - teils aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen staatlicher Unterdrückung und zunehmender Übergriffe fanatischer Muslime. In Deutschland leben etwa 90 000 syrisch-orthodoxe Christen.
Heute gehört Mor Gabriel zu den ganz wenigen noch erhaltenen und bewohnten syrisch-orthodoxen Klöstern in der Türkei. Hier leben Erzbischof Timotheos Samuel Aktas, mehrere Mönche, Schwestern und Internatsschüler - insgesamt etwa 70 Personen. Das Kloster gilt nicht nur als geistliches Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei, es wurde in diesem Jahr auch von etwa 70 000 Reisenden besucht. In jüngster Zeit schöpften die Assyrer in der Türkei neue Hoffnung. Sie gründete sich nicht zuletzt auf die EU-Kandidatur und die demokratischen Reformen, die der islamisch-konservative Ministerpräsident Tayyip Erdogan umzusetzen begann. Wie die anderen nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei, versprachen sich davon auch die Assyrer Religionsfreiheit sowie ein Ende der Diskriminierungen und Übergriffe. Einige Hundert Assyrer kehrten sogar aus dem westeuropäischen Exil zurück und siedelten sich wieder auf dem Tur Abdin an, vor allem in der Umgebung des Klosters Mor Gabriel. Mit dieser Rückwanderung begann der aktuelle Konflikt. Denn die Heimkehrer nahmen ihre vor Jahrzehnten verlassenen Häuser wieder in Besitz und beanspruchten ihr Land, auf dem mittlerweile die Kurden aus den Nachbardörfern ihr Vieh weideten.
Bei den Prozessen, die von den Vorstehern der Dörfer Yayvantepe, Eglence und Candarli gegen Bischof Timotheus angestrengt werden, geht es um etwa 100 Hektar Ländereien, die sich das Kloster angeblich widerrechtlich angeeignet haben soll. Es geht um den Vorwurf der Steuerhinterziehung, aber auch um verbotene angebliche Missionstätigkeiten - hier dürfte der Kern der Auseinandersetzung liegen. Der evangelische württembergische Landesbischof Frank Otfried July vermutet hinter den Prozessen den Versuch, „die Bewohner des Klosters zu vertreiben und das Kloster als christliches Zentrum auszulöschen“. Nachdem sich der Kölner Kardinal Joachim Meisner bereits in einem Schreiben an Erdogan für die Erhaltung des Klosters eingesetzt hatte, schrieb auch der westfälische Präses Alfred Buß an Erdogan. Geantwortet hat der Premier bisher nicht.
Im Amt des Ministerpräsidenten, wie auch im türkischen Außenministerium, sei man sich allerdings der politischen Brisanz des Themas durchaus bewusst, sagen EU-Diplomaten in Ankara. Die EU-Staaten unterstrichen ihr Interesse an dem Fall dadurch, dass sie eine schwedische Diplomatin als gemeinsamen Beobachter zu der Gerichtsverhandlung in die Kreisstadt Midyat entsandten. Auch zu den künftigen Verhandlungsterminen werden die EU-Botschafter in Ankara Beobachter schicken.
Ohnehin steht das Thema Religionsfreiheit auf der Tagesordnung der Beitrittsverhandlungen, die seit Mitte 2006 mit der Türkei geführt werden. In der Türkei, deren Bewohner zu über 99 Prozent Muslime sind, leben etwa 100 000 Christen. Größte Gruppe sind die orthodoxen Armenier. Auch rund 15 000 Katholiken und etwa 3000 Protestanten leben in der Türkei. Ihre Kirchen sind aber weitgehend rechtlos.
EU-Diplomaten in Ankara hegen die vorsichtige Hoffnung, dass die drohende Enteignung des Klosters abgewendet werden kann und warnen davor, die türkische Justiz jetzt mit massiven politischen Interventionen unter Druck zu setzen: „Das könnte in dieser Phase eher kontraproduktiv sein“, meint der Vertreter eines EU-Landes in Ankara - zumal die Klagen selbst nach Einschätzung türkischer Juristen auf eher schwachen Füßen stehen.
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