Schriftgröße

Leitartikel - Klimawandel

Die Selbstherrlichkeit der Beschützer

Von IRENE MEICHSNER, 30.12.08, 23:53h

Polkappen schmelzen, Stürme und Katastrophen überziehen den Erdball. Doch wer glaubt, das Klima wie eine technische Apparatur reparieren zu können, leidet unter hybrider Selbstherrlichkeit.

Früher, als die Welt noch überschaubar war, schützten starke Männer ihre wehrlosen Frauen. Und über alle irdischen Nöte erhob sich ein allmächtiger, gütiger Gott, von dem wir hofften, er möge seine schützende Hand über uns halten. Aus und vorbei. Der moderne Mensch fühlt sich in seiner Welt nicht mehr geborgen. Vielmehr glaubt er, sie vor sich selber schützen zu müssen. Wir schützen die Natur, die Artenvielfalt und das ungeborene Leben. Wir errichten „Schutzzonen“ für Seepferdchen und Meeresschildkröten.

Die Rolle des Beschützers ist verführerisch. Sie ist positiv besetzt. Und sie hat etwas Archaisches. Denn in seiner Bedingungslosigkeit setzt der Beschützer absolute Prioritäten. Die Löwenmutter schützt ihr Junges notfalls um den Preis ihres Lebens. Der Arzt leistet einen hippokratischen Eid darauf, dass er seine Patienten schützen, sich ihnen gegenüber uneingeschränkt loyal verhalten und ausschließlich in ihrem Interesse handeln wird.

Den Schwächeren eine besondere Schutzbedürftigkeit zuzubilligen, ist Kennzeichen einer zivilisierten Welt. Aber lässt sich dieses Muster wirklich ohne weiteres auf anderes übertragen? Die Liste der zu schützenden Objekte wird immer länger. Wir fordern von Politikern, dass sie Daten vor Missbrauch, Nichtraucher vor Rauchern schützen mögen. Und natürlich schützen wir das Klima. Doch kann man das Klima überhaupt schützen?

Es klingt vielleicht provozierend, aber die Vorstellung, das Klima als solches sei ein schützenswertes Gut, ist schlechterdings absurd. Das Wesen des Klimas ist der Wandel. Wind und Wetter, Vulkane, Sonne, Feuersbrünste, die Drift der Kontinente, pflanzliche Photosynthese und Einschläge von Meteoriten verwandelten das Antlitz der Erde und ihrer Atmosphäre schon, als es den Menschen noch gar nicht gab. Das Klima lässt sich nicht „schützen“. Genauso wenig wie wir Menschen das Weltklima „killen“ können, auch wenn wir uns schon darin üben, den angeblichen „Schaden“, den wir dem Weltklima durch den Vollzug unseres alltäglichen Lebens zufügen, in Kilogramm Treibhausgasen zu beziffern.

Nur die wenigsten haben eine Vorstellung davon, was für abstrakte und lückenhafte Gebilde die Klimamodelle sind, an denen sich die Debatte entzündet. Schon der Anspruch, ein derart komplexes Geschehen wie das Klima technisch steuern zu können, so als ließe sich die Atmosphäre wie die Klimaanlage eines Autos reparieren, zeugt von einer hybriden Selbstherrlichkeit. Mit dem Handel von CO-Zertifikaten frisieren wir globale Treibhausbilanzen. Aber zu glauben, dass wir damit auch das reale Wetter in einer bestimmten Alpenregion ändern, bleibt Wunschdenken, ähnlich wie bei den Schamanen, denen es mit ihren Beschwörungsformeln auch nicht gelungen ist, einen einzigen Regenschauer herbeizuzaubern.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das spricht nicht gegen eine vernünftige Politik, die sich darum bemüht, die Folgen eines absehbaren Klimawandels für die Menschen abzufangen. Aber horchen wir doch einmal in uns hinein. Wo immer jemand etwas für „schützenswert“ erklärt, wird dieses Unbedingte mobilisiert, das dem Verhältnis zwischen dem Beschützer und dem Beschützten innewohnt. Wer sagt, er wolle etwas schützen, macht sich sakrosankt.

Doch das heißt noch lange nicht, dass wir in Ehrfurcht erstarren müssen. Statt klag- und kritiklos die Ablassgebühren für die Pauschalreise in den Süden zu entrichten, um das schlechte Gewissen zu entlasten, könnten mündige Bürger von ihren Klimaschutzpatronen zumindest einmal einen Beleg darüber verlangen, welchen konkreten Zwecken dieses Geld eigentlich zugute kommt. Wer Glühlampen verbieten möchte, weil sie als klimaschädlich gelten, schuldet der Gesellschaft auch eine plausible und geprüfte Antwort auf die Frage, wie er mit dem Quecksilberberg umzugehen gedenkt, den die Energiesparlampen nun einmal hinterlassen.

Stattdessen werden tief sitzende Ängste geschürt. Rauchen und Klima - nicht zufällig wurde 2008 über beide Themen ähnlich emotional gestritten. In beiden Fällen wird suggeriert, uns werde die Luft zum Atmen genommen, wenn wir uns nicht schützen. Der Tunnelblick ist riskant, er verbaut den Weg zu Kompromissen. Tatsächlich hat noch kein seriöser Klimaforscher behauptet, die Welt werde durch den Klimawandel unbewohnbar. Es wird Gewinner und Verlierer dieses Wandels geben. Eine Politik, die auf den Ausgleich von Interessen zielt, stellt sich darauf rechtzeitig ein. Effizientere Kraftwerke, ja, bitte! Aber sie geben uns die heile Kinderwelt nicht wieder, in der wir wohl behütet mit dem Schlitten durch einen Bilderbuchwinter fuhren, während Muttern daheim schon den dampfenden Kakao zubereitete.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste