Von Tim Stinauer, 19.12.08, 08:58h
Offenbar hat die 19-Jährige niemanden in die Tat eingeweiht. Selbst ihre Schwangerschaft soll sie vor ihrer Familie und Freunden geheim gehalten haben. Ihren Eltern soll sie sich erst am Dienstag anvertraut haben, wenige Stunden, bevor sie sich der Polizei stellte. Ihrer eigenen Aussage zufolge hat ihr auch niemand geholfen, den Leichnam des Säuglings zu entsorgen. „Alles sieht im Moment danach aus, als hätte sie das komplett im Alleingang gemacht“, berichtete ein Ermittler. Die Geburt fand offenbar im elterlichen Badezimmer statt.
Zwar ahnten die Eltern, dass ihre Tochter schwanger war, sprachen sie auch darauf an, aber der 19-Jährigen sei es „äußerst geschickt“ gelungen, zumindest ihren hochschwangeren Zustand zu verbergen, sagte der Ermittler. Unter anderem durch das Tragen weiter Kleidung. Außerdem hatte die junge Frau eine eigene Wohnung.
Ihre Eltern leben in Bergisch Gladbach, Nachbarn beschreiben sie als gut situiert, integer, engagiert - eine nach außen intakte Familie, die der Tochter ein kostspieliges Hobby ermöglichte: Springreiten. Die 19-jährige Auszubildende gilt als begabt in ihrer Sportart, gewann schon mehrere Preise. „Wir haben es hier mit einer sehr tragischen Geschichte zu tun“, sagte Anwalt Peter Werner. „Meine Mandantin hat sehr schwer daran zu tragen, sie ist niedergeschlagen, eher depressiv, sie ist nicht jemand, der sich kaltblütig seines Kindes entledigt hätte.“
DNA-Gutachten erwartet
Vielmehr hätten die meisten Fälle von Kindstötungen eine Vorgeschichte, etwa dass sich die Mutter in einer schwierigen psychischen Situation befände, führte Werner aus. „Und in diese Richtung scheint es auch hier zu gehen.“ Einzelheiten nannte er nicht.
Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die 19-Jährige ihr Baby direkt nach der Geburt am 12. November getötet hat. Die Leiche fand der Mitarbeiter einer Mülldeponie in Humboldt-Gremberg viereinhalb Wochen später, am vorigen Freitag. Wo der tote Körper in der Zwischenzeit lag, ist noch ungewiss. Werner stellte der Staatsanwaltschaft eine umfangreiche Einlassung seiner Mandantin in Aussicht, sobald ihm die Akteneinsicht möglich ist. Unterdessen erwartet die Polizei das ursprünglich für Donnerstag angekündigte Ergebnis eines DNA-Gutachtens, das die Mutterschaft endgültig beweisen soll, am Freitag.
Die Münchner Psychologin und Anwältin für Familienrecht Annegret Wiese hat für ihr Buch „Mütter, die töten“ etwa 40 Fälle untersucht und mit betroffenen Frauen gesprochen. „Fast alle bereuen ihre Tat im Nachhinein“, berichtet Wiese. Eine Kindstötung erfolge fast immer aus einer Paniksituation heraus. „Da steckt kein Plan hinter, kein kriminelles Handeln in dem Sinn, dass die Mutter etwa versucht, Spuren zu verwischen“, sagt Wiese. „Sie folgt nach der Geburt dann nur noch dem absurden Gedanken: Bloß weg mit dem Kind.“ Und dennoch hegten viele Täterinnen trotz allem einen verborgenen Wunsch nach dem Kind. „Es fällt ihnen schwer, sich von der Leiche zu trennen, deshalb bewahren sie sie oft noch eine Zeit lang in ihrem Umfeld auf.“
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