Von Tobias Kaufmann, 22.12.08, 14:07h, aktualisiert 22.12.08, 15:11h
Die Frage, ob ausgerechnet Heiligabend der Tag ist, an dem Kirchenvorsteher an der Kirchentür Gesichts- und Passkontrollen vornehmen sollten und wie die Gemeinde reagieren kann, wenn ein Zurückgewiesener spontan Kirchenasyl beantragt - leider hat Herr Volk sie nicht befriedigend beantwortet.
Außerdem vertut er sich. Die Menschen, die an Heiligabend die Bänke vollsitzen, sind fast alle Kirchenmitglieder. Sie zahlen, ohne es je bewusst wahrzunehmen, brav Kirchensteuer - aber sie nutzen die Dienstleistung Kirche eben nur einmal im Jahr. Diese Menschen, für die es im Deutschen das unfeine Wort "Karteileiche" gibt, erwachen ausgerechnet an Weihnachten zum Leben - dabei wäre, kirchlich gesehen, Ostern der viel passendere Termin.
Allerdings wäre es ein Riesenfehler, diese Gelegenheitsbeter zu verschrecken. Denn sie sind für die Gemeinden Gold wert. Fallen nicht auf, zahlen aber pünktlich. Unter Medizinern nennt man solche Leute "Verdünner": Patienten, die für einen zeitlich geringen Aufwand das Punktekonto des Arztes aufstocken. Verdünner gleichen jene Patienten aus, für die man sich viel Zeit nehmen muss, ohne dass das Engagement am Ende angemessen in der finanziellen Bilanz auftaucht.
Von den Juden geklaut
Eine weitere Idee zum Thema hat der Berliner FDP-Politiker Martin Lindner vorgelegt. Kirchenmitglieder sollten doch Platzkarten für die Feiertagsgottesdienste erhalten. Die Idee ist allerdings geklaut, und zwar von den älteren Geschwistern, wie der Papst die Juden nennt. Vermutlich hat Herr Lindner bei seinen zahlreichen Besuchen in Berliner Synagogen zu Gedenktagen etwas über das in jüdischen Gemeinden sehr übliche Geschäftsmodell erfahren.
In vielen Synagogengemeinden werden für die Hohen Feiertage Platzkarten verkauft. Sie sind preislich abgestuft - je näher man der Tora, der heiligen Schrift, sitzen möchte, desto teurer. Die Karten gelten für die ganze Saison. Für die sogenannten Dreitagejuden, die nur zu Pessach, zu Jom Kippur und zum Neujahrsfest in die Synagoge gehen, ist so eine Platzkarte also teuer, für die Stammbeter günstig. Das Geld fließt in den Haushalt der Gemeinde.
Allerdings hat die Übertragung des Modells gewaltige Tücken. In den jüdischen Gemeinden funktioniert es, weil in den Synagogen vielerorts nach wie vor das Motto "Sehen und Gesehen werden" in Kraft ist. Außerdem plagt selbst die religionsfernsten Gelegenheitsbeter an den Hohen Feiertagen das schlechte Gewissen - und das ist bekanntlich ein guter Anreiz, das Portemonnaie zu zücken.
Anders bei den Eintages-Christen. Was wäre denen ein schlecht dahergestottertes Krippenspiel wohl wert, wenn es zum Schwur käme? Da lassen wir doch lieber alles beim Alten. Und ohne das Gedränge an Heiligabend bekämen viele Kirchgänger das ganze Jahr keine Gelegenheit zum Kuscheln.
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