Von Olaf Bachmann, 02.01.09, 22:55h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Kahle, vielleicht sollten wir das ganz am Anfang klären, um sicher zu sein, dass wir mit dem richtigen Mann reden: Wie, um Himmels willen, kommen Sie mit Ihrem Buggy von Südamerika nach Dakar?
MATTHIAS KAHLE : Gar nicht. Nach der terrorbedingten Absage im vergangenen Jahr ist die Veranstaltung nach Südamerika verlegt worden, inklusive des Begriffs Dakar. Das ist wie ein Label. Das kennt ja jeder.
Ist das so?
KAHLE : Wenn mich Leute fragen, was ich mache, und ich sage Rallye fahren, kommt als Antwort schon mal: Was ist das? Wenn ich sage: Paris - Dakar, heißt es sofort: Ach so, das kenne ich. Die Verlegung finde ich übrigens gut. In Afrika war ich schon, in Südamerika nicht.
Die Weltwirtschaftskrise hat auch im Motorsport und insbesondere im Rallyesektor tiefe Spuren hinterlassen. Plagt Sie nicht manchmal das Gefühl, den falschen Job zu haben?
KAHLE : Es ist doch eigentlich wie immer. Im Motorsport ist Geld immer knapp, weil es ein teurer Sport ist. Es gab schon schlechtere Zeiten, der Unterschied zu heute ist: Jetzt hat man einen schönen Aufhänger. Viele nutzen das, um einfach mal aufzuhören oder alles mal ein bisschen runterzufahren. Grundsätzlich passiert ja nichts. In zwei, drei Jahren steigen die alle wieder ein.
Sie klingen erstaunlich locker.
KAHLE : Was momentan passiert, ist typisch Motorsport. Keiner weiß am Ende des Jahres, wie es weiter geht, trotzdem machen alle weiter. Es funktioniert immer. Ich mache das seit zehn Jahren als Profi. Ich habe ganz selten gewusst, wie es nächstes Jahr weiter geht. Da gewöhnt man sich dran. Man muss halt viel arbeiten, viel versuchen, meistens löst es sich. Meistens. Unser Problem ist, dass wir so teuer sind.
Man muss wahrscheinlich entweder ziemlich verzweifelt oder sehr überzeugt sein, wenn man da mitmischen will. Was treibt Sie an?
KAHLE : Es war ein Kindheitstraum. Es war der einzige Beruf, den ich immer wollte. Das Autofahren an sich, sage ich mal, das ist wie eine Kunst. Wie man ein Auto so beherrschen kann, auf den Millimeter genau auf einer normalen Straße, so schnell es geht und ohne dass etwas passiert - das hat mich schon als Kind fasziniert. Und die Umsetzung finde ich immer noch toll.
Dazu muss man sagen, dass Sie aus der DDR stammen. Wie konnte man dort als Kind von diesem Beruf träumen? Wie sah die Motorsportszene im Osten damals aus?
KAHLE : Dazu kann ich nicht viel sagen, denn ich habe erst nach der Wende mit Motorsport angefangen.
Sie haben erst mit 23 Jahren mit dem Motorsport angefangen? Ist das nicht viel zu spät?
KAHLE : Ich hatte nicht die Möglichkeit. Ich komme auch nicht aus einer Motorsport-Familie. In meinem Umfeld gab es keinen Motorsport. Und ich musste mich um meine Ausbildung kümmern. Ich habe Maschinenanlage-Monteur mit Abitur gemacht und bin dann zur Armee gegangen. Dann kam die Wende und bei mir der Gedanke: Jetzt kannst Du Deinen Traum umsetzen. Ich bin arbeiten gegangen, habe mein erstes Auto verdient, einen Peugeot 205, und habe mit Freunden zusammen angefangen.
Sorry, aber das klingt alles unglaublich. Eigentlich waren Sie als Einsteiger viel zu alt.
KAHLE : Nun gut, mit meinem Motorrad bin ich schon immer durch die Gegend gefahren und habe diese Basics gelernt. Das Fahrgefühl muss man sich mit 14, 15 oder 16 Jahren antrainiert haben. Aber wenn man es einmal hat, dann hat man es. Und auf vier Rädern zu fahren ist ja leichter, man muss nur das höhere Gewicht umsetzen.
Ist klar.
KAHLE : Man muss dazusagen, dass es damals noch nicht so schlimm war mit dem Jugendwahn. Mit 25, 26 war man zwar schon alt, aber heute ist man ja mit 23 schon alt. Für mich ist das Unfug. Gerade im Rallyesport braucht man viel Erfahrung und eine innere Reife. Man fährt auf normalen Straßen schnell und ohne Auslaufzone. Meistens stehen da Zuschauer, da man sollte schon genau wissen, was man tut.
Sie sind also damals mit Ihrem Peugeot einfach losgefahren. Wo?
KAHLE : Das war damals quasi die Zweite Bundesliga. Acht, neun Läufe in ganz Deutschland. Mit Freunden zusammen haben wir das Auto vorbereitet. Es war das Auto, mit dem ich auch zur Arbeit gefahren bin. Dann haben wir uns einen Hänger geborgt und sind zu den Rallyes hingefahren. Also ganz simpel. Man staunt natürlich erst mal, was die anderen für einen Service haben, selbst in der zweiten Liga, und mit welchem Aufwand die das tun und wie langsam die dann trotzdem sind (lacht). Wir waren mit ganz kleinem Aufwand schon im ersten Jahr sehr erfolgreich. Wir waren mit einem 1600er Dritter in der Zwei-Liter-Klasse und Vierter insgesamt.
Das klingt alles nach einem wirklich großartigen Abenteuer. Ist das vergleichbar mit dem, was jetzt auf Sie wartet, Ihr erster Rallye-Einsatz in Südamerika?
KAHLE : Es ist schon ein Abenteuer, das ist ein wichtiger Aspekt. Man fährt bei dieser Rallye durch Gegenden, wo man selbst als Urlauber nie hinfahren würde. Wir sind in diesem Sommer die Transorientale von St. Petersburg nach Peking gefahren und was hängen geblieben ist, dass man die Länder gesehen hat und dass man die Vorstellungen, die man hat, ständig revidiert. Man lernt viel. Reisen bildet. Das war spannend, und dasselbe wird Südamerika sein. Sicher werden wir den Wettbewerb haben und uns größte Mühe geben, aber wir werden rundherum auch sehr viel erleben, das ist das Schöne am Offroad-Sport.
Die Profi-Teams von Mitsubishi, VW und BMW haben einen gewaltigen Testaufwand betrieben, bis hin zur Klima-Höhenkammer für Motortests. Wie hat sich Ihr privates Team vorbereitet?
KAHLE : Wir wissen, dass in 4600 Meter Höhe nur noch die halbe Leistung da ist, das kann man ausrechnen. Unser Auto wird von einem holländischen Team vorbereitet, die haben auch Prüfstände. Aber was die Werke anstellen, das können wir nicht. Wir stehen aber auch nicht so unter Druck. VW muss unbedingt gewinnen, deshalb gibt man auch gerne noch 50 000 Euro mehr aus und geht in so eine Klimakammer.
Was wird die größte Herausforderung sein? Klima? Technik? Logistik? Physis?
KAHLE : Wir wissen weder, wie die Strecken wirklich sind, noch wie die Wüsten sind und wir wissen auch nicht, was in der Höhe passiert. Die Werke wissen es, weil sie vorher da waren. Wir haben einige Informationen von Leuten, die dort schon Rallyes gefahren sind. Wir wollen uns z.B. vor Kakteenstacheln hüten, die die Reifen zerstören können. Aber es wird noch andere Überraschungen geben. Wie weich ist der Sand, wie heiß ist es? Bei so einer Rallye fahre ich von Tag zu Tag. Man denkt nicht weit voraus. Wenn man nach zwei Tagen schon richtig durchgeschüttelt ist, denkt man besser nicht 14 Tage voraus (lacht).
Können Sie Ihr Auto bitte in zwei Sätzen beschreiben.
KAHLE : Stahlrohrrahmen mit Plastikkarosse drüber, Honda-Saugmotor drin und Flügeltüren dran. Ich finde Flügeltüren übrigens nicht so sinnvoll. Wenn man auf dem Dach liegt, kann man schwer rausklettern.
Schon passiert?
KAHLE : Nein. Ich bin ein Typ, der sehr vorsichtig fährt. Zehn Jahre unfallfrei.
Ihr Beifahrer Thomas Schünemann ist Geschäftsführer der Sponsorfirma und damit im Prinzip Ihr Boss. Wie funktioniert das?
KAHLEN : Im Auto ist er einfach Ko-Pilot. Und da ich sowie kein Choleriker bin, und auch einen anderen Ko-Piloten nicht zusammenscheißen würde, mache ich das mit ihm auch nicht. Er lässt den Chef aber auch nicht raushängen. Das passt.
Sind Sie sicher, dass Ihre Fitness für das Fahren in 4600 m Höhe reicht?
KAHLE : Geht schon. Ich sitze ja nur im Auto und mache die Türen nicht auf. Außerdem fahren wir nur auf einer Verbindungsetappe da hoch. Außerdem habe ich einen sehr kräfteschonenden Fahrstil. Ich war als Jugendlicher, als ich Motorrad fuhr, sehr klein und schmächtig. Ich habe mir deshalb einen Stil angeeignet, der die Fahrphysik ausnutzt. Man muss ja nicht viel tun, man muss nur steuern. Nicht mit dem Auto kämpfen. Deshalb habe ich gerade im Marathonsport noch nie Probleme gehabt. Bei Langstrecken-Rallyes fährt man sieben Stunden mit 90 Prozent. Man fährt keine 100 Prozent, man weiß ja nicht, wo es lang geht.
Was haben Sie sich als persönliches Ziel gesetzt, außer ankommen?
KAHLE : Ankommen ist das erste Ziel. Tja, und dann? Top 20 wäre gut. Es sind neun, oder zehn Werksautos dabei. Dann gibt es Teilnehmer, die solche Autos gemietet haben. Und dann gibt es vier, fünf Buggys, die gut sind. Top 20 wäre okay. Wir haben Startnummer 27, die müssen wir halten und dann nur noch etwas Glück haben.
Das Gespräch führte Olaf Bachmann
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