Von Silke Offergeld, 03.01.09, 18:10h, aktualisiert 04.01.09, 09:21h
Jetzt sitzt die Designerin in ihrem Laden in der Maastrichter Straße, den sie vor vier Monaten eröffnet hat. Ihre Kollektion für Herbst und Winter wird gerade produziert, gerade hat sie in Venlo einen Teil der neuen Stücke abgeholt. Genau wie der minimalistisch eingerichtete Laden strahlen sie vor allem eines aus: Ruhe.
Neues aus alter Bergmannskleidung
Die klassisch-modern geschnittenen Mäntel, Jacken und Hosen variieren einerseits Gronbachs zweite Kollektion, die öffentlich Wellen schlug: Für "Glück Auf!" schneiderte die Designerin neue Kleider aus alter Bergmannskleidung. Die Flecken und Ölspuren, die auch nach dem Auskochen im Stoff bleiben, sorgen für eine besondere Patina. Zur Linie gehören aber auch schmal geschnittene Sakkos, Anzüge und Hemden in fein glänzendem Schwarz. Schwarz-Rot-Gold, aber auch jede andere Farbe sucht man hier vergebens.
"Die Linie wird stiller", sagt Gronbach, "Farben können andere machen." Der Abschied von Schwarz-Rot-Gold sei jedoch rein ästhetisch motiviert: "Man muss sich als Kreativer immer mit neuen Sachen umgeben, und das Schwarz-Rot-Gold war irgendwann sehr penetrant. Das fasziniert mich nicht mehr."
Nicki mit Adlerschwingen
"déclaration d'amour à l'allemagne" hieß 2000 ihre Diplomarbeit, es folgten 2002 "liebeserklärung an deutschland" und 2003 "mutter erde vater land", und aus anfänglich schmalen Bändern und Applikationen in Nationalfarben wurden Nicki-Pullover in Schwarz-Rot-Gold und Adlerschwingen auf T-Shirts. Der Adler ist bis heute ihr Logo, dessen Elemente nach wie vor auf T-Shirts und, seit Neuestem, auch auf Unterhosen auftauchen - mit bierernstem, schwerem Nationalstolz hat spätestens das nichts mehr zu tun.
Eva Gronbach hat in Brüssel, an der Modeschule "La Cambre", studiert und dort fünf Jahre gelebt, danach arbeitete sie in Paris für Yohji Yamamoto, John Galliano und Hermés. Zu Deutschland hatte sie lange überhaupt kein Verhältnis - erst in der Ferne, sagt sie, sei das Heimatgefühl erwacht. Zu Hause bezog sie dann Prügel von links und rechts für ihre Kollektionen, die dieses Gefühl provokant zum Ausdruck brachten.
"Mode ist immer gesellschaftspolitisch"
Lange hat sie trotz Anfeindungen und Einladungen in politische Talkshows darauf beharrt, keine politische Mode zu machen, sondern eben nur - Mode. "Das sehe ich heute anders", sagt die 36-Jährige, "Mode ist immer gesellschaftspolitisch, sie verändert die Menschen." Darin fühlt sie sich Joseph Beuys und seinem Konzept der "Sozialen Plastik" verbunden: "Politik, Wirtschaft, Kultur, das gehört alles zusammen. An Engstirnigkeit glaube ich nicht." Joseph Beuys entwickelte die Idee der "Sozialen Plastik", der Mitgestaltung der Gesellschaft und der Politik durch die Kunst, als er sich mit der Anthroposophie Rudolf Steiners beschäftigte. Steiner gilt als Begründer der Waldorfpädagogik - und die hat auch Eva Gronbach entscheidend geprägt.
In den siebziger Jahren zog die Familie Gronbach eigens von Köln nach Bornheim, damit Tochter Eva und ihr zwei Jahre älterer Bruder Sebastian auf die dortige Waldorfschule gehen konnten. Schon Großvater Gronbach lernte bei Rudolf Steiner persönlich. Vater Uwe Gronbach, Inhaber einer Werbeagentur, Jaguar-Fahrer und Bauhaus-Fan, entsprach aber so gar nicht dem Klischee vom naturnahen Waldorf-Jünger. Mit seinen Versuchen, das Image der Anthroposophie mittels moderner Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern, eckte er umso mehr an - was Uwe Gronbach, der im Oktober vergangenen Jahres verstarb, nicht davon abhielt, für seine Vision zu kämpfen. Die Rolle des provozierenden Streiters für eine moderne Spiritualität übernimmt heute Sohn Sebastian.
Einen gewissen Hang zur Provokation mag auch Eva Gronbach nicht leugnen. "Meine Mutter hat häufig gesagt: Müsst ihr denn immer ...", sagt sie. "Aber wir haben eben eine Meinung und gehen damit auch raus - und dann landet auch schon mal ein Adler auf einem Pulli." Gronbach allerdings weiß, wann sie sich anpassen muss. Ab dem 1. Dezember tragen die Mitarbeiter im "Thalys", dem deutsch-französischen Schnellzug, ihre Uniformen. Ein Jahr lang wurde entwickelt, bis sowohl Designerin als auch das Thalys-Personal zufrieden waren - denn das durfte mitentscheiden, was es in Zukunft jeden Tag zur Arbeit zu tragen bereit ist. "Das war eine sehr demokratische Arbeit", sagt Gronbach, "manchmal habe ich mich durchgesetzt, manchmal die."
Brüsseler nachtleben? Keine Ahnung
Neben einer klaren Meinung zeichnet die Designerin noch etwas anderes aus: klare Ziele. Und um die zu erreichen, zählt in der Mode wie anderswo vor allem eins - harte Arbeit. Mode, sagt Gronbach, sei "ein Handwerk, das man lernen muss. Wer aufgibt, hat nur den Glamour gesehen." Fragt man sie etwa zum Brüsseler Nachtleben, muss sie passen: Zwar hat sie während ihres Studiums fünf Jahre lang in der europäischen Metropole gelebt, aber gefeiert hat sie dort nie - "das ging einfach nicht."
"Wir haben viel geheult", erinnert sich Eva Gronbach an ihre Zeit an der Kunstakademie "La Cambre", "aber ich denke, kreative Prozesse müssen schmerzhaft sein." Das Studium in Brüssel habe sie gelehrt, die Mode ernst zu nehmen. Diese Ernsthaftigkeit, mit der Mode als Kunst betrachtet werde, sei typisch belgisch, mein Gronbach. Der Mode auch hierzulande die Anerkennung als Kunstform zu erkämpfen ist ihr aktuelles politisches Projekt. Zwei Ausstellungen hat sie bereits als Kuratorin betreut, es sollen mehr werden. Ihr Ziel: das Museum Ludwig. "Moderne Kunst findet im Ludwig statt. Und im Metropolitan Museum in New York hängt die Mode von Balenciaga, im Louvre die von Yamamoto - da, wo sie hingehört." Die von ihr kuratierte Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst sei dort die meistbesuchte Ausstellung überhaupt gewesen - "warum also nicht öfter?"
Aus ihrer Waldorf-Schulzeit habe sie vor allem ein starkes Selbstbewusstsein mitgenommen, sagt Gronbach über sich selbst. Im Moment mögen sie und ihre Mode etwas stiller geworden sein. Aber das wird mit Sicherheit nicht so bleiben.
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