Von Ulrich Kraft, 09.01.09, 21:03h
Damit tut Robert eigentlich nur, was wir alle tun. Eine Person einschätzen - anhand des Aussehens, des Verhaltens und am Umgang mit Anderen. So beurteilen wir, ob diese Person ein verlässlicher Partner sein könnte. Derartige Menschenkenntnis ist für den Homo sapiens, das soziale Lebewesen, das nur gemeinsam mit anderen wirklich stark ist, überlebenswichtig. Das Erstaunliche: Robert ist gerade einmal sechs Monate, doch bereits jetzt besitzt er die Gabe zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und daraus auch seine Konsequenzen zu ziehen. Das überraschte selbst die Forscher, die Robert und sein moralisches Werturteil beobachtet hatten. „Dass Babys dies tun können, ist unglaublich beeindruckend“, so Kiley Hamlin von der Yale-Universtät. „Es zeigt, dass wir essenzielle sozialen Fähigkeiten haben, die auch ohne viel explizites Lehren zu Tage treten.“
Viel schlauer als gedachtÜberraschungen erlebt die Entwicklungspsychologie in letzter Zeit ziemlich oft - vor allem bei den ganz Kleinen. „Babys sind viel schlauer, als man gedacht hat“, sagt Tricia Striano, die knapp vier Jahre am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften das Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung leitete. „Ihre geistigen Fähigkeiten wurden völlig unterschätzt.“
Anders gesagt: Vom ersten Schrei an besitzen wir das notwendige mentale Equipment, um dem Chaos um uns herum einen Sinn zu geben und zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Gewisse physikalische Grundgesetze etwa scheinen schon in die Wiege gelegt, beispielsweise das Kontinuitätsprinzip. So folgern Babys, dass ein Ball, wenn er hinter eine Abschirmung rollt, auf der anderen Seite wieder auftauchen sollte. Völlig ohne Mathe-Unterricht bewältigen Kinder einfache arithmetische Aufgaben - und zwar bereits im zarten Alter von sechs Monaten.
Lange Zeit die falschen FragenWarum findet die Forschung all das erst jetzt heraus? Man habe den Babys lange Zeit einfach nicht die richtigen Fragen gestellt, erklärt Tricia Striano. Beziehungsweise gar keine Fragen. „Viele Wissenschaftler haben sich vor unter Einjährigen gescheut - weil sie nicht mit uns reden können.“ Dass sich nur an den Reaktionen der Kleinen erkennen lässt, was in ihren Köpfen vor sich geht, findet die Entwicklungspsychologin, die am New Yorker Hunter College ein Baby-Lab aufbaut, aber gerade spannend. „Bringt man sie in die richtige Situation, erzählen Babys was sie wissen - wenn auch in einer anderen Sprache.“
Mit der richtigen Situation meint Striano eine den Fähigkeiten des Kindes angemessene. Definitiv kindertauglich sind Bauklötzchen. Die benutzte das Team um Kiley Hamlin, um das soziale Urteilsvermögen von Robert und elf weiteren Halbjährigen zu testen. Allerdings fungierte das Spielzeug nicht als Baumaterial, sondern als gegenständlicher Ersatz für Personen. Um den Säuglingen selbiges begreiflich zu machen, bekamen die unterschiedlich gefärbten und geformten Holz-Protagonisten Augen aufgeklebt. Dann spielten die Wissenschaftler aus Yale den gemütlich auf dem Schoß der Eltern sitzenden Babys zwei verschiedene Szenen vor. Ein Bauklötzchen mimt dabei einen Kletterer, der in Szene eins offenkundige Schwierigkeiten hat, einen Hügel zu erklimmen und zweimal kurz vor dem Ziel wieder ins Tal fällt. Bis ein zweites Bauklötzchen hinzu kommt, das hilf- und erfolgreich nachschiebt. In Szene zwei hingegen taucht eine andere Holzfigur auf, die dem hart kämpfenden Bergsteiger kurz vor dem Gipfelkreuz mit einen kräftigen Stoß in den Abgrund befördert. Nach ein wenig Bedenkzeit legten die Forscher Unterstützer und Saboteur in Reichweite ihrer gewindelten Probanden und ließen sie wählen. Resultat: Alle zwölf griffen nach dem helfenden Charakter im Bauklötzchen-Schauspiel. Der Bösewicht blieb links liegen.
Gespür für soziales Verhalten
Wie differenziert die soziale Einschätzung der nur sechs Monate alten Testteilnehmer ist, offenbarte ein weiterer Versuch, bei dem eine neutrale Figur ins Spiel kam. Die bewegte sich zwar ebenfalls den Hügel hoch und runter, hatte aber keinen direkten Kontakt zum Kletterer. Vor die Wahl zwischen Helfer und Unbeteiligten gestellt, entscheiden sich die Babys mehrheitlich für das „gute“ Bauklötzchen. Auch die neutrale Figur zogen sie dem Störenfried vor. Die Forscher folgerten, dass die Kleinen sowohl hilfsbereites als auch unsoziales Verhalten erkennen können. Die Fähigkeit, Helfer und Behinderer zu unterscheiden, könnte der erste Schritt in der Ausbildung von Moralsystemen sein, vermuten Hamlin und ihre Kollegen. „Babys sind schon sehr früh ziemlich kompetente soziale Wesen“, sagt Hamlin.
Was Säuglinge alles drauf haben, belegt auch eine unlängst im Fachblatt PLoS ONE vorgestellte Studie von Tricia Striano. Gemeinsam mit ihren früheren Kollegen vom Leipziger MPI wies sie nach, dass Babys schon mit drei Monaten Furcht in Gesichtern anderer Menschen erkennen und auch deren Ursache ausmachen können. Allerdings sind Kinder in diesem Alter noch nicht in der Lage, sich koordiniert zu bewegen. „Das macht es nahezu unmöglich, ihr Verhalten auszuwerten“, erklärt Striano. Deshalb maßen die Forscher die Hirnströme und bestimmten so, wie das Denkorgan ihrer 45 Probanden auf bestimmte Situationen reagiert. Die bekamen auf einem Bildschirm ein Gesicht gezeigt, dessen Blick auf einen den Kindern bis dato unbekannten Gegenstand gerichtet war. Der Gesichtsausdruck wurde variiert. Mal war die Miene beängstigt, mal vollkommen neutral. Anschließend erschienen dann die zuvor gesehenen Objekte allein auf dem Monitor, ohne Gesicht.
Gesichtsausdrucke werden interpretiert
Das hatte bleibenden Eindruck hinterlassen. So löste ein Gegenstand, der vorher mit furchtsamem Antlitz angeschaut wurde, im neuronalen Aufmerksamkeitssystem der Babys eine sehr viel stärkere Reaktion aus als ein mit neutraler Miene betrachteter. „Mit drei Monaten ist das Gehirn also schon in der Lage, auf soziale Hinweise wie die Blickrichtung und den Gesichtsausdruck eines Erwachsenen selektiv zu reagieren“, sagt Tricia Striano. „Und das Baby kann diese Hinweise auch mit Dingen in seiner Umgebung in Verbindung bringen.“ Bislang war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass Kinder Signale, die nicht direkt an sie selbst gerichtet sind, frühestens mit einem Jahr verstehen.
„Kinder lernen vom Menschen“, sagt Striano. „Je besser die Hinweise sind, die Bezugspersonen ihnen geben, desto besser lernen sie.“ Sie glaubt, dass manche Eltern die Fähigkeiten ihrer Sprösslinge ein wenig unterschätzen und mitunter denken, wie sie mit ihrem Kind in den ersten Lebensmonaten interagieren, sei nicht so wichtig. „Ist es aber“, betont Striano.
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