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Projekt

Nazi-Zeitungen als historische Zeugen

Von Jochen Loreck, 07.01.09, 21:58h, aktualisiert 07.01.09, 21:59h

Das britische Verlagshaus Albertas startet ein einjähriges Experiment. In einer Reprint-Reihe werden Blätter von 1933 bis 1945 neu aufgelegt. Historiker vertrauen auf die demokratische Urteilskraft der Leser.

Zeitungszeugen
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Die "Zeitungszeugen"-Ausgabe. (Bild: ksta)
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Die "Zeitungszeugen"-Ausgabe. (Bild: ksta)
"Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“, lautet ein populärer Journalistenspruch. Dass alte Zeitungen gleichwohl eine Geschichtsquelle ersten Ranges sein können, will nun das britische Verlagshaus Albertas dem deutschen Lesepublikum nahe bringen. Deren Verlagschef Peter McGee startet jetzt das Projekt „Zeitungszeugen“ - mit Zeitungsexemplaren, die aus Anlass von Hitlers „Machtergreifung“ Ende Januar 1933 erschienen sind und ab heute als Reprint-Ausgabe an ausgewählten Kiosken zum Gesamtpreis von 3,90 Euro zu haben sind.

Den Auftakt der Reprint-Reihe bilden das Nazi-Blatt „Der Angriff“, die konservativ ausgerichtete „Deutsche Allgemeine Zeitung“ sowie das Dortmunder KPD-Organ „Der Kämpfer“. Alle drei Zeitungen widmen ihre Schlagzeile der Kanzlerschaft Hitlers. Im „Angriff“ verlangt deren Chefredakteur Joseph Goebbels, die Nazis dürften sich nicht mit „halben Lösungen“ zufriedengeben, wenn es darum gehe, den „deutschen Volkskörper“ zu heilen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ kommentiert abwartend, man habe zwar die Regierungsbeteiligung der Nazis gefordert, doch Hitler müsse erst noch beweisen, ob er zum Staatsmann tauge. „Der Kämpfer“ ruft zum Generalstreik auf und wirft zugleich der SPD-Führung vor, „den kampfgewillten Millionenmassen den Dolch des Verrats in den Rücken zu stoßen“.

Woche für Woche soll es neue Reprints geben - bis die Serie Ende des Jahres mit nachgedruckten Presse-Erzeugnissen von 1945 ausläuft. Als Startauflage sind 300 000 Editionen angepeilt. Der Verlag hofft, in der Zeit danach jeweils 50 000 bis 100 000 Exemplare verkaufen zu können. Nachdrücklich wehrt sich der Verlag gegen den Vorwurf, mit dem Griff in Zeitungsarchive der Neonazi-Propaganda Vorschub leisten zu wollen. Denn wer die einzelnen Ausgaben kauft, erwirbt zugleich erläuterndes Material aus Historiker-Hand. Zur Edition gehört jeweils ein Sonderdruck, in dem Experten die einzelnen Ausgaben kommentieren - etwa indem sie auf propagandistische Verdrehungen, Andeutungssprache oder Weggelassenes verweisen. Zudem ist geplant, auch deutschsprachige Blätter ohne Nazi-Provenienz wieder zugänglich zu machen - etwa die sozialdemokratische Exilpresse oder die - bis 1938 noch erlaubten - jüdischen Periodika.

Wie aufklärerisch das Vorhaben am Ende ausfällt, bleibt derzeit offen. Der jüdische Publizist Ralph Giordano meint: „Ich bin mir nicht sicher, welche Wirkung das Projekt »Zeitungszeugen« haben wird. Was sicher ist: Hitler ist zwar militärisch, nicht aber auch schon geistig - oder besser: ungeistig - geschlagen, auch 60 Jahre nach seinem Untergang nicht.“ Dass die Edition darüber hinaus eine moralische Grenze berührt, lässt die Chefredakteurin von „Zeitungszeugen“, die Wienerin Sandra Paweronschitz, anklingen. Sie sagt, es bestehe nicht die Absicht, besonders hetzerische Nazi-Blätter wie „Das schwarze Korps“ oder „Der Stürmer“ nachzudrucken. Außerdem sei offen, ob es Reprints vom einstigen Nazi-Zentralorgan „Völkischer Beobachter“ geben könne, weil dafür noch die Genehmigung durch die bayerische Staatsregierung ausstehe.

Nazi-Zeitungen als Zeugen des Zeitgeists noch einmal für ein breites Publikum lesbar zu machen - damit haben so renommierte Historiker wie Hans Mommsen und Peter Longerich kein Problem. Sie vertrauen auf die demokratisch gereifte Urteilskraft der Nachgeborenen, die gegenüber dem „Faszinosum Hitler“ (Winston Churchill) längst immun geworden seien.



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