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Interview

„Der Kapitalismus ist unersetzbar“

Erstellt 09.01.09, 19:59h

Auf Einladung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy haben Politiker, unter ihnen Kanzlerin Angela Merkel, mit Wirtschaftsnobelpreisträgern und weiteren Experten in Paris zwei Tage über die Zukunft des Kapitalismus beraten. An der Konferenz nahm auch der CDU-Politiker Peter Jungen teil.

Nicolas Sarkozy
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Der französische Präsident Nicolas Sarkozy. (Bild: dpa)
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Der französische Präsident Nicolas Sarkozy. (Bild: dpa)
Peter Jungen
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Peter Jungen (Bild: Rakoczy)
Peter Jungen
Auf Einladung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy berieten Politiker, unter ihnen Kanzlerin Angela Merkel, mit Wirtschaftsnobelpreisträgern und weiteren Experten zwei Tage über die Zukunft des Kapitalismus.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Jungen, Sie haben an der Pariser Konferenz teilgenommen. Was ist aus Ihrer Sicht deren wichtigstes Ergebnis?

PETER JUNGEN: Alles Gerede von einem „Ende des Kapitalismus“ haben die Konferenzteilnehmer unisono für falsch erklärt. Man kann den Kapitalismus verbessern, aber ihn nicht ersetzen.

Verbessern - aber wie?

JUNGEN: Nobelpreisträger Amartya Sen hat gesagt, „das Fehlen von Regulierung ist das Fehlen von Information“. Der größte Mangel liegt demnach in der Unfähigkeit, ein weltweit wirksames Kommunikations- und Kontrollsystem für die Finanzmärkte zu errichten. Das ist ein Versagen der Politik. Hier müsste dringend etwas geschehen. Aber selbst auf europäischer Ebene gibt es bislang noch nicht einmal den Ansatz einer Bankenaufsicht.

Dafür hat sich der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, ausgesprochen.

JUNGEN: Ja. Dies gilt natürlich von den insgesamt 8000 europäischen Banken nur für die etwa 45 grenzüberschreitend tätigen Institute. Welche Rolle die EZB hier genau spielen sollte, hat Trichet verständlicherweise nicht so forsch formuliert - er will sich nicht ohne Not in einem Streit der Institutionen verkämpfen.

Was nehmen Sie noch aus Paris mit?

JUNGEN: Es wird mehr und mehr gesehen, dass die gegenwärtige Krise ihren Ausgang nicht etwa auf den Finanzmärkten genommen hat, sondern in der Realwirtschaft. Das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus weltweite Wachstum hat zu großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft geführt. Die Überschüsse zum Beispiel Chinas haben die Defizite in westlichen Ländern finanziert, etwa in den USA. Das hatte Probleme auf den Finanzmärkten zur Folge, die dann übergeschwappt sind auf die schon seit 2006 / 2007 sinkende Weltkonjunktur. Das müssen die Politiker verstehen, weil sie sonst die falschen Maßnahmen ergreifen.

Nämlich?

JUNGEN: Die Politiker sind in Paris geradezu beschworen worden, am Prinzip der offenen Märkte festzuhalten und jede Form von nationalem Protektionismus zu vermeiden. Dieser politische Kardinalfehler der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren darf sich unter keinen Umständen wiederholen.

Dieses Prinzip der Nicht-Abschottung hat auch Nicolas Sarkozy bejaht?

JUNGEN: Er hat sich erstaunlich engagiert zum Kapitalismus bekannt und sehr fein unterschieden zwischen dem seiner Meinung nach pervertierten Finanzkapitalismus und dem „wirklichen“ Kapitalismus - mit dem Unternehmertum als treibende Kraft. Man könnte fast sagen, die Konferenz hatte das Ziel, den Kapitalismus durch Rückbesinnung auf dessen Wurzeln zu retten, worauf besonders Nobelpreisträger Edmund Phelps hingewiesen hat.

Das heißt?

JUNGEN: Dass wieder mehr Geld in klassisches Unternehmertum fließen muss als in Hypotheken. Mit dem eingesetzten Kapital werden innovative Produkte entwickelt und auf offenen Märkten angeboten. Das Maß wirtschaftlicher Dynamik, das der Kapitalismus hier erzielt, ist unschlagbar.

Wie haben Sie Sarkozy und Angela Merkel erlebt, deren Verhältnis ja eher gespannt ist.

JUNGEN: Sarkozy hat große Anstrengungen unternommen, seine Übereinstimmung mit Merkel zu unterstreichen. Die eng mit der Regierung verbundene französische Presse hat genau diesen Tenor aufgegriffen. Ob ein solcher demonstrativer Schulterschluss speziell beim Einsatz für eine internationale Finanzarchitektur auch Ergebnisse zeitigt - da bin ich skeptisch.

Warum?

JUNGEN: Spätestens beim Zusammentreffen mit der neuen US-Regierung wird deutlich werden, dass Barack Obamas oberstes Ziel nicht die Reform der Finanzarchitektur ist, sondern die Vermeidung einer globalen Depression. Womit er Recht hat. Unser Problem ist ja zurzeit nicht, dass die Banken zu große Risiken eingingen. Sie gehen vielmehr überhaupt keine Risiken mehr ein. Wir haben eher einen Vorsicht-Exzess als einen Risiko-Exzess.

Das Gespräch führte Joachim Frank

Der Kölner Unternehmer Peter Jungen (CDU) ist Vorsitzender des wirtschafts- und sozialpolitischen Ausschusses der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) und Präsident des „European Enterprise Institute“.



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