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Proklamation

Ein Dreigestirn wie ein Meteorit

Von Anja Katzmarzik, 11.01.09, 13:48h, aktualisiert 11.01.09, 21:48h

Galaktisch! Kölns ehrenwerte Gesellschaft erlebt im Gürzenich ein Dreigestirn, das einschlägt wie ein Meteorit - und den kometenhaften Auftritt eines schwulen Karnevalsvereins. So mutig war die Proklamation noch nie.

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Kölns neuer Prinz Hans-Georg I. bei seiner Proklamation. (Worring)
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Kölns neuer Prinz Hans-Georg I. bei seiner Proklamation. (Worring)
Köln - Kölns ehrenwerte Gesellschaft erlebt ein Trifolium, das sein Fach beherrscht - und den kometenhaften Auftritt eines „schwulen“ Karnevalsvereins. So mutig war die jecke Inthronisierung noch nie.

Im Himmel ist der Teufel los. Er watet im Fegefeuer-roten Gewand auf Stelzen durch die gut betuchte Gesellschaft in Abendgarderobe im Foyer von Kölns guter Stube, dem Gürzenich. Doch in der Kölner Galaxie ist der Kollege Engel nicht weit. . . Im Saal wird die Inthronisierung des Kölner Dreigestirns in einer Session mit „himmlisch jeckem“ Motto gefeiert.

Proklamations-Debütantin Mariele Millowitsch singt sich, wie die übrige Gesellschaft, mit Hilfe der Liedtexte auf den Tischen warm, während „Motto-Queen“ Marie-Luise Nikuta nachträglich zum 70. Geburtstag „Wenn die Engelcher ens Fastelovend fiere“ darbieten darf - nachdem sie ihr Mikrofon wiedergefunden hat, das sie hinter der Bühne vergaß.

Die kölsche Himmelspforte öffnet die zehnjährige Clara Klein als Engel, gefolgt von fünf Karnevalstanzgruppen, die - choreografiert von Vizepräsidenten-Gattin Cassia Kuckelkorn - zu einer kölschen Ouvertüre des Jugendchors St. Stephan gemeinsam tanzen. So weit, so brav.

Doch dann schlägt im jecken Universum - einem Meteoriten gleich - mit Hans-Georg Haumann, Bernd Tschirschnitz und Hajo Jennes das Dreigestirn ein und lässt es Blumen in den grün-gelben Farben seines Vereins, der Ehrengarde der Stadt Köln, regnen. Die Drei erhalten von Oberbürgermeister Fritz Schramma mit Pritsche, Stadtschlüssel und Spiegel die Macht über die Stadt.

„Un ich ben froh, dat ich die ens för en paar Daach los bin“, sagt Schramma. Doch seine Reimrede über „Kölsche Talente“ huldigt vielmehr den Errungenschaften der Stadt („De Figure sin widder om Rothus-Turm, d'r Petrusbrunne kütt an d'r Dom. Andere kümmere sich öm et Jrön. D'r Masterplan mäht janz Kölle schön.“) während seiner Amtszeit - und nur in den letzten drei Strophen dem Dreigestirn. Prinz Hans-Georg I., Bauer Bernd und Jungfrau Johanna zeigen, wie man Kölner richtig in den elften Himmel hebt.

„Seine Deftigkeit“ und „Ihre Lieblichkeit“ unterhalten locker und selbstbewusst mit spontanen Zwiegesprächen und necken sich. „Seine Tollität“ ist rhetorisch und choreographisch perfekt und spricht sich deutlich gegen eine Kommerzialisierung aus: „Mer bruche keine Ballermann-Karneval! Nur he en Kölle jit et de echte kölsche Fastelovend!“ Dafür wird er auch in den sonst eher zurückhaltenderen vorderen Ehrengäste-Reihen gefeiert wie selten ein Trifolium zuvor.

In höheren Sphären ist auch Richard Rogler unterwegs. Der Kabarettist lästert als „kölscher Petrus“ nennt den anwesenden Fritz Schramma in Anspielung auf die Karnevalsabteilungen bei den Roten Funken den „Knubbelführer der Kölner CDU“. Jedoch gebe es einen Unterschied zwischen Partei und Karnevalsverein: „Die Roten Funken treten zumindest in der Öffentlichkeit geschlossen auf.“

Kardinal Meisner nennt er die „religiöse Spaßkanone Nummer eins“, dem Prinzen richtet er liebevoll Grüße von dessen verstorbenem Vater aus dem Himmel aus. Es „grüßt“ auch Willy Millowitsch, der zwei Tage zuvor 100 Jahre alt geworden wäre. Das rührt Tochter Mariele: „Ein tolle Hommage. Da freut er sich.“ Und bald tanzt und rockt das Dreigestirn zu einer Superlaune-Musik der Nachwuchs-Brass-and-Marching-Band „Querbeat“.

Redner Martin Schopps träumt schon von einer baldigen „Kalifen-Proklamation“ dank „Festkomitee-Präsident Rittertürk“ und Willibert Pauels erzählt im klerikalen Gewand göttliche Witze über den Vizepräsident, der Bestatter ist: „Du entgehst nur Gottes Zorn in einem Sarg von Kuckelkorn“.

Paveier, Brings und Höhner räumen, wie üblich, Kometen-gleich ab. Nur mit einem hätte im kölschen Fastelovendshimmel keiner gerechnet: Dem Auftritt der erst im vergangenen Frühjahr ins Festkomitee aufgenommenen „Stattgarde Colonia Ahoj“, von der die meisten Mitglieder homosexuell sind. Männer, die Männer durch die Luft wirbeln. Das gab es auf einer Proklamation noch nie!

Die Festkomitee-Frischlinge zeigen einen Tanz, den Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach auf deren „Elften-em-Elften-Feier“ entdeckt hat. Das Tanzkorps des Vereins trägt dabei das „Dreigestirn“ - symbolisiert durch historische Original-Kopfbedeckungen - auf Händen und muss, vor allem auf Wunsch der Frauen im Saal, sogar eine Zugabe geben. In eine umjubelte „Welle“ aus Verneigungen reiht sich spontan der gesamte Festkomitee-Vorstand ein. Ritterbach trocken: „Eine große Welle in Köln wird nur mit dem Festkomitee gemacht!“

Dem Himmel ganz nah fühlt sich so nicht nur das Dreigestirn - sondern auch Stattgarde-Präsident André Schulze-Isfort hinterher: „Das war ein Ritterschlag für uns. Wir können den Verein eigentlich abwickeln - wir haben alles erreicht.“ Alles? Wie wäre es denn, selbst einmal ein Dreigestirn zu stellen? Schulze-Isfort weiß, dass ein schwuler Prinz womöglich einen neuen Urknall auslösen würde und bleibt vorsichtshalber mit beiden Beinen auf der Erde: „Das hat noch Zeit. . .“ Was für eine Proklamation: Himmlisch jeck, und teuflisch mutig.

Die Proklamation wird vom WDR-Fernsehen am Sonntag, 18. Januar, um 20.15 Uhr ausgestrahlt.



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