Von Marianne Kierspel, 11.01.09, 19:36h
Der 1980 in Aachen geborene Ausnahmegeiger hat schließlich in New York auch Komponieren gelernt. Sein Programm von Vivaldi über Brahms bis Michael Jackson, von Bach bis AC / DC, erntet in Köln jedenfalls Jubel. Ein guter Start für Garretts Deutschlandtour durch zwölf Städte. Er präsentiert vor allem sein zweites Crossover-Programm „Encore“ - die CD und ihr Vorgänger „Virtuoso“ haben dem Veranstalter Deag Verkaufsrekorde eingefahren. Die meisten Juchzer bekommen Hits wie „Volare“ und Stücke, in denen der Solist Gas gibt. Da klatschen die Fans begeistert mit. In „Zorbas Dance“ nach Theodorakis, für Garrett „Lebensfreude pur“, kommen die Klatscher allerdings aus dem Tritt, hängt das Accelerando des Geigers sie locker ab. Denn er ist der „schnellste Geiger der Welt“, so das Guinness Buch der Rekorde, seit er Rimsky-Korsakows Hummelflug in nur 66 Sekunden schaffte. Diesen Spaß verbannt er jetzt in die Zugaben. Seine Band - Tom Mason (Bass), Giorgio Serci (git), John Haywood (Piano) und Benn Bryant (Drums) - darf sich mit Ellingtons „Caravan“ auch mal allein profilieren, als moderates Jazzquartett. Begeistert präsentiert Garrett sein „großes Sinfonieorchester“, das er allerdings nicht beim Namen nennt und mit dem er englisch spricht. Es heißt Neue Philharmonie Frankfurt, dirigiert von Franck van der Heijden.
Der Geiger gibt sich sportlich. Kaum erklingt der Eröffnungstitel aus „Fluch der Karibik“, geigt er sich durchs Parkett zur Bühne. Ein Salonpirat mit schwarzem Hut. Später, im unvermeidlichen Czardas von Monti, turnt er geigend das Bühnentreppchen rauf und runter. Kürzlich hatte Garrett Vivaldis „Jahreszeiten“-Konzerte in der Kölner Philharmonie krankheitshalber abgesagt. Jetzt spielt er schnelle Vivaldi-Sätze mit metallischem Sound unterlegt. Crossover also. Das gab es ja längst, bevor es so hieß, im Barock die Teufelsgeiger, später die Zigeunergeiger. Paganini kommt mit Variationen über „Ein Hund kam in die Küche“ ins Spiel, der Wiener Fritz Kreisler mit „Liebesfreud“. Die Stücke klingen jetzt arg aufgepeppt - „modern“, meint Garrett. Aber Geige spielen, das kann er. Locker nimmt er fingerbrecherische Hürden, selbst kniffligste Doppelgriff- und Flageolettpassagen klingen sauber. Vor dem spanischem Tanz „Zapateado“ von Sarasate, auch er einst ein Geigenwunderkind, lässt der Geiger sich eine Kamera an die Stirn schnallen. So können die Fans aus seiner Perspektive das Bogenrasen auf der Leinwand sehen. Wahnsinn! Juchzen.
„Habt Ihr auch mein erstes Crossover-Projekt »Virtuoso« erlebt?“, fragt Garrett. Damit nämlich startete seine steile Zweitkarriere, sie trug ihm einen Echo-Preis für „Klassik ohne Grenzen“ ein und brachte ihn in die Talkshows. Die erste Karriere als Wunderkind hatte ein „Burnout“ mit 18 beendet. Diesen Bruch tippt Garret kurz an: Seit Kindertagen liebe er Charlie Chaplin, weil sich dessen Filmfiguren nach Niederlagen immer wieder aufrappeln, sagt er anscheinend freimütig. Er erzählt überhaupt viel von sich, von seiner New Yorker Wohnung, von der Ex-Freundin Chelsea, für die er einen simplen Lovesong komponiert hat. Aber er betont auch mehrfach: Johann Sebastian „Bach gehört zu den Klassikern, die mich am meisten inspirieren“. Nur: womit inspiriert Bach? Das bleibt diesmal Garretts Geheimnis. Sein Crossover-Konzert fügt sich ein ins Arena-Programm zwischen Rieus Neujahrskonzerte und einer Abba-Kopie.
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