Von Rainer Hartmann, 05.01.09, 20:51h
Welche Forderungen Inger Christensen an sich stellte, zeigt sich am „Schmetterlingstal“ von 1991 so deutlich wie schön. Für die 15 Gedichte genügt nicht die ohnehin schwierige Sonettform, sondern sie wachsen zum Sonettenkranz, in dem der jeweils letzte Vers als erster des folgenden Sonetts dient; Nummer 15 fügt sich aus den Schlussversen der vorangegangenen. Das klingt kompliziert, doch durch die Verse schwingen und flattern animierend die bunten Lebewesen: Feuervogel, Schwalbenschwanz, Admiral, Bläuling oder Pfauenauge, um nur einige zu nennen. Schmetterlinge tragen auf ihren Flügeln seit je etwas von der Idee der Poesie, und folgerichtig weitet sich der Blick hin zur Welt, auch das Paradies kommt ins Spiel. - Spiel? Die Christensen hat ihre Poesie stets mit tiefem Ernst verfertigt. Hinter allem, was sie schrieb, steckt ein System. Die Frau aus dem westdänischen Vejle studierte Medizin, Chemie und Mathematik, sie arbeitete zunächst als Lehrerin, bevor sie es wagen konnte, freie Schriftstellerin zu werden.
Aus ihrem Studium wohl erinnerte sie sich an Methoden, Strukturen für den „Bau“ von Gedichten zu finden und sich eine eigene Sprache zu schaffen, die in Spannung steht mit der Sprache, die alle sprechen. Sie ging davon aus, dass sie dasselbe Recht habe, „zu sprechen, wie der Baum, Blätter zu treiben“. „Wenn das Gedicht gut ist, haben die Worte soviel Energie, dass auch die schwersten Themen schweben können“, schrieb sie einmal. Poesie scheint für sie so etwas wie zweite Natur gewesen zu sein. Zugleich aber folgte sie selbstgewählten Formprinzipien, etwa einer mathematischen Reihe oder einer vom Komponisten Messiaen gleichsam ausgeliehenen Technik der seriellen Musik. Dies zu wissen ist gut. Gleichwohl erschließt sich das, was Inger Christensen selbst „Schweben“ nennt, beim Lesen ihrer Texte, die tatsächlich leicht und schwer in einem sind. „Alphabet“ etwa bringt Buchstabe für Buchstabe zueinander, was es gibt auf Erden und darüber hinaus, eine Universalbeschwörung.
Die Schmetterlingsgedichte rühren schließlich an den Tod: „. . . und was ich durch eigenen Augenschein sehe, den nackten, / verlorenen Blick des Spiegels, ist nicht bloß der Tod, / es ist der Tod wie mit eigenen Augen“, heißt es in der wörtlichen, reimlosen Übersetzung Hanns Grössels, dem die „deutsche“ Christensen insgesamt zu verdanken ist.
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