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Gastbeitrag von Amira Hass

„Ein Glück, dass meine Eltern tot sind“

Erstellt 08.01.09, 09:09h, aktualisiert 08.01.09, 09:50h

Amira Hass
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Amira Hass (Bild: Amira Hass)
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Amira Hass (Bild: Amira Hass)
Was für ein Glück, dass meine Eltern tot sind! Damals, 1982, konnten sie das Geräusch der israelischen Kampfflugzeuge nicht ausstehen, die über die palästinensischen Flüchtlingscamps im Libanon flogen. Das Kreischen eines Flugzeugs erschreckte sie in ihrem Haus in Tel Aviv. "Wir müssen nicht sehen, was passiert, um zu wissen, was passiert", sagten sie. So war das damals. Und was jetzt, wenn sie von mir erfahren hätten von der zwei Jahre alten Sham, die behände auf den Tisch klettert, um ihrer Schwester beim Malen im Notizbuch zuzusehen; von dem fünf Jahre alten Tayyib mit der Lücke zwischen seinen Schneidezähnen, die sich zeigt, wenn er lächelt; von der sechs Jahre alten Carmel mit dem Bilderbuch, das sie liebt? Die Welt explodiert rund um diese Kinder, wieder und wieder, nur fünf oder zehn Meter entfernt von ihnen. Seit zehn Tagen schon ist jede Minute eine Minute der Angst. Jede Minute der Angst ist eine Minute des Todes. Multiplizier das mit anderthalb Millionen - der Zahl der Bewohner des Gazastreifens!

Meine Eltern vernachlässigten alle ihre alltäglichen Verrichtungen, wenn sie vor ihrem geistigen Auge den Schrecken in den Augen von Kindern sahen; die Verzweiflung von Müttern, die ihre Kinder nicht beschützen konnten; den Moment, wenn eine riesige Explosion ein Haus über dessen Bewohnern zusammenstürzen ließ und eine intelligente Bombe ganze Familien auslöschte. Salmehs Mutter sagt: "Wenn ich aufwache, bin ich überrascht. Ich weiß, dass ich nur aus Zufall lebe."

Wie hätten meine Eltern jetzt ihren Alltag ertragen sollen, wenn sie von mir die Geschichte der 70 Jahre alten Umm Khaled zu hören bekommen hätten: Eine Bombe fiel auf den Schutzraum aus Beton auf dem Platz im Shabura-Flüchtlingscamp. Ein Asbestdach fiel Zentimeter von Umm Khaleds Kopf entfernt zu Boden. Erst da konnte sie überzeugt werden, in das Haus ihrer Tochter gebracht zu werden, einen halben Kilometer entfernt - in der Illusion, dass ein neues Haus sicherer sei. "Alles, was ich hoffe, ist, dass ich sterbe, bevor ich erleben muss, dass euch etwas passiert", sagt sie immer wieder zu ihren Kindern.

Schon bevor die Sprachweichspülmaschine zu seiner gegenwärtigen Verfeinerung gelangte, waren meine Eltern angewidert von Phrasen wie "Krieg für Frieden in Galiläa" oder "Störungen der öffentlichen Ordnung", wobei die öffentliche Ordnung die Besetzung der palästinensischen Siedlungsgebiete war und deren Störung der Widerstand dagegen.

Was für ein Glück, dass sie Verteidigungsminister Ehud Barak und Außenministerin Zipi Livni nicht mehr hören, die erklären, wir hätten nichts gegen das palästinensische Volk, und den Kabinettssekretär, der sagt, es gebe keine humanitäre Krise, das sei nur Hamas-Propaganda. Um Lügen zu erkennen, hätten meine Eltern nicht die Namen von Leuten zu hören brauchen, die seit Tagen kein fließendes Wasser mehr haben. Vergesst die Bombardements, vergesst die Elektrizität, Essen, sogar Schlaf! Aber kein Wasser?

Aus ihrer eigenen Geschichte wussten meine Eltern, was es bedeutete, Menschen hinter Stacheldrahtzäunen auf engem Raum einzusperren. Ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre. Seit 1991. Was für ein Glück, dass sie nicht mehr erleben, wie diese eingesperrten Menschen mit all der ruhmreichen Militärtechnik aus Israel und den USA bombardiert werden! Ihre eigene Geschichte brachte meine Eltern dazu, die Lässigkeit zu verachten, mit der Nachrichtensprecher über eine Ausgangssperre berichten. Was für ein Glück, dass sie nicht hier sind und die Massen im Kolosseum brüllen hören.

Unsere Autorin, Jahrgang 1956, ist eines der renommiertesten Redaktionsmitglieder der israelischen Zeitung "Haaretz". Ihre Eltern überlebten den Holocaust.

Der Beitrag, hier leicht bearbeitet, erschien zuerst in "Haaretz". Aus dem Englischen von Peter Seidel.



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