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Deutsche oft in Praxen

17,7 Arztbesuche pro Jahr

Von Stefan Sauer, 16.01.09, 00:08h, aktualisiert 16.01.09, 00:09h

Eine statistische Auswertung hat es an den Tag gebracht: Die Deutschen sind ungewöhnlich oft in Arztpraxen. Mit 17,7 Arztkontakten pro Person im Jahr 2007 liegt die Bundesrepublik weltweit an der Spitze.

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In Deutschland wird immer noch wird zu häufig und zu oberflächlich und behandelt. (Bild: dpa)
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In Deutschland wird immer noch wird zu häufig und zu oberflächlich und behandelt. (Bild: dpa)
BERLIN - Es muss zugegangen sein wie in der Tokioter U-Bahn im Berufsverkehr. Die Leute haben sich in den Wartezimmern gedrängt, als gäb' es was umsonst. Dabei haben an diesem Montag alle die Praxisgebühr zahlen müssen, es war der erste Tag eines neuen Quartals. Am 1. Oktober 2007 suchten 9,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger einen der 137 000 in Deutschland niedergelassenen Arztpraxen auf - Zahnmediziner und Krankenhäuser nicht mitgerechnet. Dass 11,8 Prozent der Bevölkerung an einem einzigen Tag um heilenden Beistand baten, ist zwar ungewöhnlich. Doch auch an durchschnittlichen Montagen gehen 7,1 Prozent der Menschen in Deutschland zum Arzt, an allen Werktagen verweilen im Schnitt 5,2 Millionen in den Praxen. Mit 17,7 Arztkontakten pro Person im Jahr 2007 liegt die Bundesrepublik international an der Spitze.

Die Zahlen haben Wissenschaftler der Universität Hannover anhand der Daten von 1,6 Millionen Versicherten der Gmünder Ersatzkasse (GEK) mit 38,6 Millionen Behandlungsfällen aus den Jahren 2004 bis 2007 auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Was aber bedeuten sie? Welche Rückschlüsse lässt der Umstand zu, dass 2007 92,6 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal einen niedergelassenen Arzt aufsuchten? Dass es bei 586 Millionen Behandlungsfällen rund 1,48 Milliarden Arztkontakte gegeben hat?

GEK-Vorstandschef Rolf-Ulrich Schlenker formulierte während der Präsentation der dritten GEK-Studie zur ambulant-ärztlichen Versorgung am Donnerstag in Berlin einen zweischneidigen Befund: Die Zahlen seien erschreckend und erfreulich zugleich. Sie deuteten einerseits auf eine gut organisierte Versorgung mit hoher Arztdichte und Patientenzufriedenheit hin. Andererseits könnten die häufigen Arztkontakte auf oberflächliche, überhastete Diagnosen und Therapien zurückzuführen sein, so Schlenker.

So vermochte sich jeder niedergelassene Arzt in Deutschland an besagtem Rekordmontag durchschnittlich nur sechs Minuten einem Patienten zu widmen, wobei es in den stets am höchsten frequentierten Hausarztpraxen sicher weniger gewesen sind. Auch an normalen Tagen bleibt statistisch nicht mehr als 12 Minuten pro Behandlung. In den allermeisten OECD-Ländern haben Ärzte mehr Zeit.

Während Schlenker sich nicht recht auf eine positive oder negative Deutung der Zahlen festlegen mochte, fiel die Kritik des GEK-Vorsitzenden an Teilen der Gesundheitsreform umso deutlicher aus. Der „morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich“, kurz Morbi-RSA, sei viel zu undifferenziert umgesetzt worden und müsse nachgebessert werden. Der Morbi-RSA bewirkt, dass Kassen für Mitglieder mit schweren Erkrankungen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds erhalten als für gesunde Mitglieder.

Allerdings sind diese Erkrankungen offenbar zu unpräzise definiert, wie Thomas Grobe von der Uni Hannover am Beispiel der Depression verdeutlichte. Knapp 60 Prozent der diagnostizierten Depressionen wurden von den Ärzten der Kategorie „depressive Episode, nicht näher bezeichnet“ zugeordnet. Zugespitzt könnte man einen solchen Befund auch so umschreiben: Nichts genaues weiß man nicht.

Sicher hingegen ist, dass die Diagnose Depression erhebliche Umverteilungen zur Folge hat: Insgesamt 4,1 Milliarden Euro dürften nach Grobes Berechnungen 2009 aufgrund der Diagnose umverteilt werden. 45 Prozent der Fondsmittel in einer Gesamthöhe von mehr als 160 Milliarden Euro werden 2009 über den Morbi-RSA an die Kassen fließen. Schlenker: „Die Krankheitsbegriffe müssen enger gefasst werden, sonst verteilt der Fonds Milliarden mit der Gießkanne.“



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