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Leitartikel - Kampf gegen Hunger

Produzieren, wo die Konsumenten sind

Von Thomas Wüpper, 16.01.09, 23:08h

Fast eine Milliarde Menschen auf unserer Welt hungern, mehr als je zuvor. Jeder siebte Erdbewohner hat nicht genug zu essen. Fast neun Millionen Menschen sterben jedes Jahr an mangelnder Ernährung, vor allem Kinder in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Hunger
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Hunger und Elend nimmt weltweit zu. (Bild: rtr)
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Hunger und Elend nimmt weltweit zu. (Bild: rtr)
Viele Konferenzen haben dem Welthunger in den vergangen Jahren den Kampf angesagt. Trotzdem verschärft sich das Problem, je mehr die Weltbevölkerung wächst und durch den Klimawandel Ernten ausfallen und Dürreregionen entstehen. Auch die größte Agrarmesse der Welt, die Grüne Woche in Berlin, ist dieses Jahr der Sicherung der Welternährung gewidmet. An diesem Wochenende trifft sich dazu eine hochkarätig besetzte Runde von Agrarministern. Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) nennt den Kampf gegen den Welthunger zu Recht eine der größten Aufgaben der Menschheit. Parallel zu den Politikern tagt in Berlin die Agrar- und Ernährungswirtschaft. In deren wachsender effizienter und nachhaltiger Produktion sieht Aigner den Schlüssel zur Lösung des Hungerproblems.

Zweifel daran sind angebracht. Der Weltagrarbericht, verfasst von 400 Wissenschaftlern im Auftrag der Weltbank und der Unesco, stellte im vorigen Jahr eindrucksvoll klar, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Das Fazit der Experten lautet ganz anders als Aigners Vorgabe: Entscheidend im Kampf gegen den Hunger sind gerade nicht noch mehr Wachstum und Produktivität. Entscheidend ist vielmehr, dass Produktions- und Lebensmittel dort vorhanden sind, wo sie gebraucht werden. Besonders regionale, kleinbäuerliche Strukturen sollten daher gezielt gefördert werden.

In der Praxis passiert seit Jahrzehnten zumeist das Gegenteil. Wachsen oder weichen - so lautet bis heute das Motto in der Agrarbranche. Den Welthandel, seine Regeln und die Subventionspolitik bestimmen die reichen Industrieländer und ihre mächtige Agrarindustrie. Immer größere Agrarfabriken, Chemie- und Düngerhersteller, Gentechnikfirmen, Fleisch- und Molkereikonzerne lassen kleinen regionalen Anbietern immer weniger Raum.

Deutschland hat Weltagrarbericht nicht unterzeichnet

Deutschland hat, anders als sechzig andere Staaten, den Weltagrarbericht bis heute nicht unterzeichnet und sich nicht einmal daran beteiligt. Etwa weil darin die Benachteiligung der Entwicklungsländer durch die bisherige Politik, die hohe Belastung von Klima, Boden und Wasser durch die Agrarkonzerne, ungeschminkt benannt und nüchtern analysiert werden, ebenso wie übrigens die Sackgasse der Gentechnik? Wer den Hunger in der Welt wirklich nachhaltig bekämpfen will, darf nicht nur Fensterreden halten, sondern muss umdenken und neue Wege gehen. Politik von gestern hilft nicht weiter. Fairer Welthandel, regionale Produktion, Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen ganz oben stehen. Die Agrarminister könnten viel bewegen. Sie müssen nur wollen.

Bester Ansatzpunkt wären die 50 Milliarden Euro Steuergeld, die jedes Jahr allein in der Europäischen Union an die Landwirtschaft verteilt werden. Man könnte die unsinnige Förderung von Biosprit und unfaire Exportsubventionen streichen, Zuschüsse viel strenger an soziale und ökologische Vorgaben knüpfen. Damit wäre vielen regionalen Erzeugern rund um den Globus schon geholfen. Und weniger Menschen müssten hungern, weil Essen fehlt oder kaum noch bezahlbar ist.



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