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Misshandlung im Kinderheim

Schlimme Erinnerungen

Von Hartmut Zitzen, 19.01.09, 18:32h, aktualisiert 20.01.09, 09:38h

Ein 69-jähriger Leverkusener berichtet über seine erschütternden Erfahrungen als Heimkind in der Nachkriegszeit. 17 Jahre verbrachte er in verschiedenen Heimen und Einrichtungen.

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Der 69 Jahre alte Leverkusener kann und will nicht vergessen, was ihm in Kindheit und Jugend in verschiedenen Heimen widerfahren ist. Immer wieder blättert er in alten Unterlagen. (Bild: Britta Berg)
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Der 69 Jahre alte Leverkusener kann und will nicht vergessen, was ihm in Kindheit und Jugend in verschiedenen Heimen widerfahren ist. Immer wieder blättert er in alten Unterlagen. (Bild: Britta Berg)
Leverkusen - „Wissen Sie, es geht doch gar nicht um Geld. Damit kann man die Verbrechen, die an uns begangen wurden, ohnehin nicht mehr gutmachen.“ Hermann Wagner (Name von der Redaktion geändert) gehörte zu den rund 500 000 Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1945 und 1975 in - meist von Nonnen geleiteten - Heimen untergebracht waren. Und wie viele andere Heimkinder hat auch der heute 69-Jährige damals Demütigungen, Misshandlungen und Missbrauch erfahren müssen.

Zwei Jahre lang hatte sich der Deutsche Bundestag mit diesen bedrückenden Schicksalen beschäftigt und im vergangenen Dezember einstimmig beschlossen, einen Runden Tisch zur Aufarbeitung der Geschehnisse einzurichten und womöglich auch einen Entschädigungsfonds aufzulegen. Davon will Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) allerdings nichts wissen: Ein Fonds werde von der Bundesregierung nicht angestrebt, ließ sie kürzlich mitteilen, und der Runde Tisch soll nach ihrem Willen ausgerechnet von einem Dachverband geleitet werden, dem mit Caritas und Diakonie die Organisationen angehören, die seinerzeit die überwiegende Mehrzahl der Heime betrieben haben.

Nicht nur Hermann Wagner befürchtet, dass damit „eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte“ auch weiterhin im Dunkeln bleiben wird. Deshalb hat der gebürtige Wiesdorfer sich entschlossen, dem „Leverkusener Anzeiger“ seine eigene Heimgeschichte, die 1943 mit dem Tod seines Vaters begann, zu erzählen. Die Mutter sei danach mit der Versorgung und Erziehung ihrer insgesamt zehn Kinder überfordert gewesen, und so sei er zunächst in ein katholisches Kinderheim in Overath (Rheinisch Bergischer Kreis) gekommen, erinnert sich der examinierte Krankenpfleger.

Bis er 1960 fluchtartig zu seiner nunmehr in Opladen lebenden Mutter zurückkehrte, verbrachte Hermann Wagner 17 Jahre in verschiedenen Heimen und Einrichtungen, denen eines gemeinsam gewesen sei: die systematische Entwürdigung der ihnen anvertrauten Schützlinge. Wagner erinnert sich noch heute allzu gut an Schläge, Ausbeutung, Hunger und sexuelle Übergriffe von Nonnen und Priestern, die das Ausleben ihrer Obsessionen noch als Akt der Nächstenliebe bemäntelt hätten. Meist verbunden mit dem Hinweis, dass das keine Sünde sei - und demzufolge auch nicht gebeichtet werden müsse.

Eine Schwester, erzählt der 69-Jährige, habe an kaum einem Kind vorbeigehen können, ohne ihm mit den Knöcheln der rechten Hand eine schmerzhafte Kopfnuss zuzufügen. „Jegliches Fehlverhalten wurde mit Stockschlägen bestraft.“ Bettnässer, von denen es viele gegeben habe, seien im tiefen Winter in kurzen Hosen dazu gezwungen worden, die gewaschenen Laken zum Trocknen im Freien hochzuhalten. Bilder von Kindern, die ihr Erbrochenes wieder aufessen mussten, gehen Hermann Wagner ebenso wenig aus dem Kopf wie die Erinnerung an sechs Jungen, die am 5. September 1945 ums Leben kamen.

Damals habe er in einem Kloster in Hennef an der Sieg gelebt. Er sei in der Gruppe der Jüngeren gewesen - „ein Glück, sonst wäre ich jetzt auch tot“ - und die Älteren hätten mit einer der Nonnen einen Spaziergang gemacht. Eine Tellermine, den die Nonne übersehen hatte, tötete Willi Könitzer, Hugo Hardt, Karl Schmitz, Johann Kneip, Hubert Flake und Karl Thiele - ihre Namen bewahrt Wagner schriftlich auf, weil er nicht will, „dass sie in Vergessenheit geraten“. Ein einziger Junge überlebte. Er wohnt heute in Köln und Wagner trifft sich noch immer regelmäßig mit ihm.

Ob in Hennef, im Kinderheim St. Joseph in Bensberg-Moitzfeld, im Schlebuscher Haus Nazareth oder im Lager Eigenheim in Manfort - die unwürdigen Verhältnisse seien überall mehr oder weniger die gleichen gewesen, erinnert sich der Rentner. Zuletzt sei er auf dem Bauernhof eines Antroposophen in Rothenburg an der Fulda gelandet, wo er Felddienste verrichten und später für einen Bäcker arbeiten musste. Auch dieser „Menschenkenner“ habe versucht, ihn zu missbrauchen, was nur daran gescheitert sei, dass zufällig der Revierförster aufgetaucht und dazwischengegangen sei.

Hermann Wagner entzog sich dieser düsteren Welt schließlich durch die Flucht nach Opladen. Die Erinnerungen daran konnte er aber nie hinter sich lassen.



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