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Zeitung der Zukunft, Teil 2: Italien

Wettbewerb mit Sammeltässchen

Von Paul Kreiner, 21.01.09, 20:38h, aktualisiert 13.02.09, 11:27h

Der Schein trügt: Der italienische Zeitungsmarkt sieht lebhafter aus, als er ist. Die zum Bersten gefüllten Kioske spiegeln nicht die graue Realität wider. Jetzt schlägt auch noch die Wirtschaftskrise durch.

Italien Zeitungsangebote
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Die Vielfalt italienischer Zeitungsangebote trügt. (Bild: Picture-Alliance)
Italien Zeitungsangebote
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Die Vielfalt italienischer Zeitungsangebote trügt. (Bild: Picture-Alliance)

Italiener lesen nicht so gerne. Nur die Hälfte der über 14-Jährigen nimmt täglich eine Zeitung zur Hand. In Deutschland tun dies drei Viertel, 74 Prozent. So teilen es die jeweiligen Verlegerverbände mit. Und druckt Europa im Durchschnitt 230 Zeitungsexemplare pro tausend Einwohner, so kommt Italien nur auf 95 - auf 114 im Norden, auf 57 im Mezzogiorno.

Dabei macht Italiens Zeitungsmarkt einen sehr lebhaften Eindruck: Lokalblätter gibt es in nahezu jedem Landkreis; es gibt die großen Sportzeitungen, an deren Spitze die rosarote „Gazzetta dello Sport“, die mit 3,5 Millionen Lesern pro Tag den gesamten Zeitungsmarkt anführt. Es gibt die nationalen Zeitungen, die linksliberale „Repubblica“ und den gutbürgerlichen „Corriere della Sera“ mit 2,9 beziehungsweise 2,7 Millionen Lesern, dazu aus Turin „La Stampa“, die 1,4 Millionen Leser meldet.

Darum herum wuseln die politischen Partei- und Lagerzeitungen, von den kommunistischen Produkten („Manifesto“ und „Liberazione“), über die gemäßigt linke „Unità“ bis hin zum rechten, rassistischen Blatt „La Padania“, das die Regionalrebellen von der Lega Nord herausgeben. Die katholische Bischofskonferenz steuert zum täglichen Markt die „Zukunft“ („Lavvenire“) bei. Für sie werden 255 000 Leser angegeben.

Bei genauerem Hinsehen allerdings, darauf weist die staatliche Medienkontrollbehörde hin, sei es um den Pluralismus bei der Presse ähnlich schlecht bestellt wie im nationalen Fernsehwesen. Gibt es dort praktisch nur drei Anbieter - die staatliche RAI, Silvio Berlusconis Mediaset und Rupert Murdochs Sky-TV - so bestreiten bei den Printmedien vier Konzerne mehr als drei Viertel (75,6 Prozent) des Geschäfts. Und richtige „Verleger“ im deutschen Sinne, also Unternehmer, die sich auf Druckmedien spezialisieren, finden sich in Italien so gut wie gar nicht.

Paradebeispiel ist die Turiner „Stampa“. Sie gehört, wie so viele italienische Zeitungen, einem Industriekonzern - Fiat in diesem Falle. Das Hauptstadtblatt „Il Messaggero“ und der neapolitanische „Mattino“ gehören dem römischen Baulöwen Francesco Gaetano Caltagirone, dessen eigene Interessen im Blatt mitunter durchschlagen - etwa wenn es um Bebauungspläne geht oder wenn man sich, um öffentlicher Aufträge nicht verlustig zu gehen, mit den jeweiligen, wechselnden Mächtigen gut stellen muss.

Im Mailänder „Corriere della Sera“ haben Banken, Versicherungen, Bauindustrie, Fiat und Pirelli das Sagen. Die ebenfalls börsennotierte, angeblich auflagenstärkste Wirtschaftszeitung Europas, „Il Sole 24 Ore“, gehört dem italienischen Unternehmer- und Arbeitgeberdachverband Confindustria.

Ein paar Jahre lang schafften es Italiens Zeitungen, ihre chronisch schwindenden Leser mit Sonderprodukten zurückzuholen. Da wurden Musik-CDs und Film-DVDs verkauft, möglichst vielbändige Nachschlagewerke und endlose Kochbuchserien, Geduldsspiele oder Porzellan-Sammeltässchen. Die meist winzigen Kiosk-Buden wussten nicht mehr wohin mit diesen Warenbergen, doch die Verkaufszahlen stiegen wellenförmig durchaus um zehn und mehr Prozent nach oben. Inzwischen beklagt der Verlegerverband, dass dieser Effekt abgeebbt sei und sich gerade mit Büchern kaum mehr jemand an die Kioske locken lasse.

Weit eher überzeugt man die Italiener mit Gratiszeitungen. Sieben Blätter dieser Art wetteifern vorwiegend in den Großstädten um Leser; ihre Auflage soll inzwischen zwei Drittel der Bezahl-Zeitungen erreicht haben. Rechnet man die Gratisblätter zu den verkauften Zeitungen hinzu, so kommt Italien endlich auch auf größere Leserschaften - größer zumindest als Portugal oder Griechenland. Und bei den Anzeigen meldeten die Gratiszeitungen - bezogen auf das Jahr 2007 - Zuwächse, die im restlichen Printbereich gänzlich unvorstellbar sind: 29,3 Prozent.

Flaue Inlandskonjunktur

Die flaue italienische Inlandskonjunktur hatte schon von Anfang 2008 an dazu geführt, dass das Anzeigenaufkommen (außer bei den Wirtschaftszeitungen) mit plus 0,3 Prozent praktisch stagnierte; ein Plus zwischen zwei und drei Prozent hatten die Verleger erwartet. Nach der Explosion der Finanzkrise im September schraubten sie ihre Prognosen dann weit nach unten. Mit einem Minus von 2,5 Prozent rechnen sie nun für den gesamten Jahresverlauf.

Den Zeitungen sieht man einen solchen Rückgang noch nicht an, und bisher erwartet auch kein Unternehmer rote Zahlen. Aber gegen die Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft wappnet man sich: Einzelne Blätter reduzieren ihren Umfang; das größte Unternehmen, die Gruppe „l'espresso“, schüttet nach einem Gewinneinbruch um 24,1 Prozent keine Dividenden aus, und Konzernchef Carlo de Benedetti sagt, was noch kein anderer zu sagen wagt: „Wir müssen in den nächsten drei Jahren 150 Stellen streichen.“



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