Von Hannah Schneider, 22.01.09, 21:15h
Sie ist die in Öl gebannte Ergänzung des röhrenden Hirschs im Eichenwald. Glutäugig ist ihr Blick, auffordernd und voller Verheißung. Sobald der Begriff „Zigeunerin“ fällt, blinkt es auf im Kopf, das Klischeebild, wie ein Popup-Fenster im Internet. Als Aquarell, aus bunter Wolle geknüpft oder eben in pastösem Öl hängt es an der Wand des Kölnischen Stadtmuseums. Kurt Holl, Vorstand von „Rom e.V.“, hat die Bilder aufgestöbert, auf Flohmärkten, Speichern und sogar in einer Krankenhauskantine. Diese Ausgeburt des Vorurteils ist das erste, was der Besucher der Ausstellung „Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma - Roma in der Kunst“ zu sehen bekommt. „Wir wollen die Leute mit Bildern konfrontieren, die sie irgendwo auf ihrer Festplatte im Kopf gespeichert haben“, sagt Holl.
Es sind nicht nur die Kunsthandwerker, die mit dem Klischeebild des heißblütigen Exoten immer wieder Anlass für verruchte Träume bieten. Goethe, Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff waren ganz vorne mit dabei, bei der Entwicklung des Stereotyps vom „Zigeuner an sich“.
„Die Vorstellung von deutschen Dichtern als Anwälte der Erniedrigten habe ich im Laufe meiner Arbeit aufgegeben“, sagt der Literaturwissenschaftler Wilhelm Solms, Vorstand der „Gesellschaft für Antiziganismusforschung“. „Viele von ihnen hatten Verachtung für Roma und Sinti übrig“, so Solms. Mit „Zigeunerbildern“ in der Literatur beschäftigt sich Solms seit Jahren und hat dazu jetzt im Rahmen der Ausstellung einen detaillierten Vortrag gehalten. Vom „schwarzbraunen, zerlumpten Maegdlein, glaenzend und schlank wie ein brauner Aal“, schreibt Brentano zu Beginn des 19. Jahrhunderts in „Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter“. Goethe hat im „Götz von Berlichingen“ ausgiebig zur Klischeebildung beigetragen. „Umso erstaunlicher, dass Goethe als derjenige gilt, der die »Zigeuner« literaturfähig gemacht hat. In diesem Fall hätten sie darauf sicher lieber verzichtet“, sagt Solms.
Zäh und klebrig fühlt es sich an, wenn sich die Klischeebilder der alten Dichter im Kopf ausbreiten. Zu nah dran sind sie schließlich am Karnevalskostüm „Zigeunerin“, das es gerade wieder in jedem Kaufhaus gibt, zu nah am Titelbild des Groschenromans, der im Kiosk immer noch rasante Unterhaltung verspricht. Da hilft es, die Treppe im Stadtmuseum hochzulaufen, in den Kern der Ausstellung von „Rom e.V.“. Werke von zehn zeitgenössischen Roma-Künstlern werden im Obergeschoss des Stadtmuseums ausgestellt. Porträts, die Kálmán Várady von seinen Töchtern aufgenommen hat, ein comicartiges Bild von Gabi Jiménez, das die Vertreibung der Roma von einem Rastplatz darstellt oder Gedichte des Kölner Künstlers Jovan Nikolic. Vom röhrenden Hirschen könnten die Werke kaum weiter entfernt sein.
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