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Medizin

First Lady der Homöopathie

Von Miriam Betancourt, 30.01.09, 21:03h

Veronica Carstens, Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, hat sich ihr Lebensziel erfüllt: die Etablierung von Naturheilkunde in Deutschland. Dass der Weg dahin manchmal steinig war, konnte sie nicht aufhalten.

Veronica Carstens
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Repräsentieren reichte ihr nie: Veronica Carstens. (Bild: B. Friese)
Veronica Carstens
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Repräsentieren reichte ihr nie: Veronica Carstens. (Bild: B. Friese)
Sie geht nicht gerne zum Arzt, hält Opium und Arsen in niedrigster Dosierung für die wichtigsten Medikamente und hatte sich etwas zum Ziel gesetzt, was ihr Mann einmal nannte: „Was Du Dir vorgenommen hast, ist schwieriger als Katholiken und Evangelische zusammenzuführen.“ Gerissen hat sich Dr. Veronica Carstens nicht um die Aufgabe, Naturheilkunde und Homöopathie in Deutschland zu etablieren. „Ich habe dieses Ziel nicht angepeilt, es hat mich gefunden“, sagt die Ärztin und Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens.

Naturheilkunde spielt für sie von Kind an eine große Rolle. „Meine Mutter hat mich und meine drei Geschwister oft homöopathisch behandelt“, erinnert sich die 85-Jährige. Arztbesuche kennt sie als Kind nicht. Zum Medizinstudium bringt sie der Vater, nachdem er ihr die Musik ausgeredet hat. Auf der Hochzeit ihrer Schwester lernt sie den jungen Karl Carstens kennen: „Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick.“ Sie schreibt ihm ins Ausland. „Ich habe ihm lange, lange Briefe geschickt. Von ihm kamen aber immer nur dürftige Postkarten zurück.“ Irgendwann reicht es ihr und sie antwortet, dass er scheinbar kein Interesse habe. Sie werde deshalb das Briefeschreiben einstellen. Drei Tage später steht ihr zukünftiger Ehemann vor der Tür. „Briefe schreiben konnte er bis zuletzt nicht. Diese Schwäche hat er aber mit vielen andern Dingen wettgemacht“, lächelt sie.

Erleuchtung über den Himalayas

Es folgen Krieg, Wiedersehen, Hochzeit und die politische Karriere ihres Mannes in der CDU. „Nachdem klar war, dass wir keine Kinder bekommen - was sehr schmerzhaft war -, habe ich weiter studiert und schließlich eine Praxis in unserem Haus in Meckenheim aufgemacht“, sagt die heutige Grande Dame der Naturheilkunde. Damit ist sie die einzige Frau eines Bundespräsidenten, die in der Amtszeit ihres Mannes gearbeitet hat. „Er hat immer gesagt: Du hast so spät angefangen, jetzt musst du auch weitermachen.“

Auf dem Rückflug von einem chinesischen Staatsbesuch schauen beide in die Tiefe des Himalayas. „Wir dachten, wenn wir jetzt abstürzen, wird uns niemand finden. Das ist der sichere Tod. Da wir keine Kinder hatten, stellte sich die Frage nach unserem Nachlass.“ Das ist die Geburtsstunde einer Idee: „Wir wollten unser Vermögen einer Stiftung zur Förderung der Naturheilkunde vermachen. Doch bis zu unserem Tod hat es nicht gedauert.“ In einem Interview erwähnt sie am Rande den Plan und wird von einer Flut von Briefen überrascht. „Viele Menschen wollten, dass ich nicht warte, sondern sofort diese Stiftung gründete. Aber dafür hatten wir gar kein Geld. Mein Mann verdiente als Bundespräsident nicht schlecht, aber die Millionen von Mark lagen nicht bei uns rum.“ Doch auch für das finanzielle Problem findet sich eine Lösung. Menschen schicken Geld und organisatorische Hilfe kommt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen - mit einem festen Ziel: „Wir wollten die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Wissenschaft die Wirksamkeit der Naturheilkunde und Homöopathie anerkennt.“ Außerdem sollte in Forschung und Lehre an den Universitäten investiert werden, um Ärzte auch in Naturheilkunde ausbilden zu können.

Das Thema Naturheilkunde verfolgt die Ärztin auf Schritt und Tritt. Auf Wanderungen mit ihren Mann geht er mit Honoratioren voran, während sie hinten mit den Menschen über Naturheilkunde spricht. „Ich habe quer durchs Land doch sehr viel Neues über die Volksmedizin gelernt.“ Selbst beim Staatsbesuch am spanischen Hof ist die Naturheilkunde Thema. „Als wir über den roten Teppich schritten, fragte mich die spanische Königin nach meinem Rezept für Zwiebelpackungen gegen Mittelohrentzündungen bei ihren Kindern. Wenn die Journalisten damals gewusst hätten, worüber wir uns unterhalten“, lacht sie noch heute.

Kombination aus Schulmedizin und Heilkunde

Auch vor ungewöhnlichen Themen schreckt sie nicht zurück, etwa „Homöopathie im Schweinstall“. Durch Zufall hört sie von einem Projekt bei Münster. Landfrauen behandeln ihre Schweine mit homöopathischen Mitteln, weil es bei ihren Kindern so gut funktioniert. Mit Hilfe der Stiftung bilden sich die Bäuerinnen in Homöopathie weiter. „Es hat sich gelohnt! Nicht nur wurden die Krankheiten im Stall weniger und die Geburten mehr, auch der Verkauf wurde erfolgreicher, weil die Leute skeptischer gegen Antibiotika im Tierfleisch wurden“, sagt Carstens.

Die Menschen lieben sie für ihr Engagement, vom medizinischen Establishment kommt ihr teilweise blanker Hass entgegen - etwa in der Anfang der 1990er Jahre live ausgestrahlten ARD-Talkshow „Veranda“. Dort sitzt sie dem Rechtsmediziner Otto Prokop gegenüber. „Der damals schon emeritierte Professor der Berliner Charité galt als schlimmster Gegner der Alternativmedizin“, erinnert sich Henning Albrecht, Geschäftsführer der Stiftung: „Es folgte eine Litanei von Schmähungen, die unsere Gründerin mit wissenschaftlichen Erkenntnissen konterte, die die damals schon - wenn auch wenigen - Studien gezeigt hatten.“ Der Funke im Pulverfass müsse das Buch über Grundlagenforschung in der Homöopathie gewesen sein, dass Carstens in die Kamera hielt. Albrecht: „Daraufhin explodierte Prokop, sprang auf und wollte seine Debatten-Gegnerin ohrfeigen. Sie antwortete jedoch ganz ruhig: 'Schlagen Sie nur zu!' Dazu kam es aber nicht, da sich der Moderator dazwischen stellte. Für uns war es ein großer Erfolg, denn die Stiftung bekam daraufhin viele neue Unterstützer.“

Sie sei keine Gegnerin der Schulmedizin, versichert die Ärztin immer wieder und plädiert für eine Kombination verschiedener Therapieansätze. „Die Schulmedizin wird jedoch in ihrem Absolutheitsanspruch keinen Bestand haben.“ Diese Art der Medizin wirke zwar, habe aber zu viele Nebenwirkungen. „Als ich kürzlich mehrere Krankenhäuser und Institute in China besuchte, wo die alten Heilweisen - Akupunktur und Pflanzenheilkunde - eine neue Blüte erleben, sagte mir ein alter, kluger Professor, dass man die besten Erfahrungen mit der Kombination von traditioneller und moderner Medizin gemacht hätte“, sagt sie.

Heute ist die Stiftung am Ziel. Sie fördert unter anderem Forschung und Lehre an berühmten Kliniken wie dem Dr. von Haunerschem Kinderhospital, der Medizinischen Klinik Freiburg und der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Der Förderverein „Natur und Medizin“ verbreitet die wissenschaftlichen Erkenntnisse. „Und ich muss mich in meinem Alter beeilen, um noch ein paar Bücher zu schreiben“, sagt Carstens. „Ich bin nur glücklich, wenn ich arbeiten kann, wenn ich gebraucht werde.“ Ihr Ziel hat sie gefunden.



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