Von Ulrike Roll, 02.02.09, 18:12h, aktualisiert 05.05.09, 14:20h
Hinter den Zusätzen zur Auffrischung der Optik verstecken sich vielfach Azofarben. Nach Ansicht von Verbraucherschützern haben sie nichts in Lebensmitteln zu suchen. „Azofarben stehen seit langem im Verdacht, bei empfindlichen Menschen Allergien auszulösen“, begründet Angelika Michel-Drees vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.
Medizinisch gesehen handelt es sich eher um Unverträglichkeits-Reaktionen, die „echten“ Allergien ähneln, erklärt der Verband Deutscher Allergologen. Seit kurzem sind einige der färbenden E-Stoffe mit einem neuen Makel behaftet: Forscher der Universität Southampton fanden bei Kindern einen möglichen Zusammenhang zwischen Azofarben und Hyperaktivität, Aggressivität oder Konzentrations-Schwierigkeiten.
Studie: Kinder erschienen zappeliger
Die Studie umfasste rund 300 Kinder zwischen drei und neun Jahren. Die Jungen und Mädchen tranken sechs Wochen lang Säfte mit dem Konservierungsmittel Natriumbenzoat (E 211) und einen Cocktail aus verschiebenden Farben (E 102, E 104, E 110, E 122, E 124, E 129). Bei den Dreijährigen wurde eine Menge an Zusatzstoffe verfüttert, die einer Tüte Süßigkeiten mit etwa 60 Gramm entspricht. Bei den älteren ähnelte die Dosis der von zwei oder vier Tüten Süßes.
In den folgenden Wochen notierten Eltern, Lehrern und ein Beobachter im Klassenzimmer das Verhalten. Die Älteren machten zudem einen Aufmerksamkeits- und Konzentrations-Test am Computer. Die Kinder erschienen insgesamt aufgeregter und zappeliger. Es gab allerdings große Unterschiede: Nach der Beurteilung der Forscher waren einige nur wenig verändert, andere dagegen sehr stark. Die Wissenschaftler warnen vor allzu simplen Schlussfolgerungen: „Eltern sollten nicht glauben, dass ein Verzicht auf diese Zusatzstoffe alle hyperaktiven Verhaltensstörungen verhindern wird. Wir wissen, dass viele andere Ursachen hinzukommen, aber immerhin ist dies eine, die ein Kind vermeiden könnte.“
Der Rat an die Eltern lautet: Etiketten sorgfältig studieren und Lebensmittel mit verdächtigen Azofarben versuchsweise meiden. Vor allem Süßigkeiten und Getränke enthalten einen hohen Anteil an Lebensmittelfarbstoffen und Konservierungsmitteln.
2010: Warn-Etiketten auf Lebensmitteln
Als Folge dieser Studie hat die Europäische Union beschlossen, dass Hersteller Warn-Hinweise auf den Lebensmittel-Etiketten anbringen müssen: Der enthaltene Farbstoff „kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinflussen“, lautet die künftige Aufschrift, erklärt Julia Gelbert vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Gelbert rechnet damit, dass die Verordnung Ende des Jahres in Kraft tritt. Dann haben die Hersteller eine Übergangsfrist von 18 Monaten, so dass spätestens Mitte 2010 die Warn-Etiketten auf den Verpackungen prangen müssen.
Zu einem Verbot der Southampton-Stoffe konnte sich die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit - die European Food Safety Authority (EFSA) - nicht durchringen. Ihr Begründung: Die Studie liefere einen Verdacht, dass Azofarben Kinder aufputscht, aber keine eindeutigen wissenschaftliche Beweise. Diese Sichtweise teilt auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung. Zwar ergeben sich Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Aufnahme der untersuchten Zusatzstoffe und einer negativen Beeinflussung des Verhaltens von Kindern, besagt eine Stellungnahme. Allerdings seien die beobachteten Effekte „gering“.
Den Verbraucherschützer genügt der Verdacht: Sie fordern langfristig ein Verbot aller Azofarben in Lebensmitteln, die Warn-Hinweise seien nur ein erster Schritt. „Die Gesundheit der Kinder sollte mehr wert sein als kosmetische Farbstoffe“, sagt die Referentin für Ernährung und Lebensmittelqualität Michel-Drees. Für die Lebensmittelindustrie kommen indes die künftigen Warn-Hinweise einem Verbot gleich. „Die Hersteller bemühen sich schnellstmöglich Ersatz zu finden - das ist in vielen Fällen nicht einfach", berichtet Sprecherin Gelbert.
Lebensmittelindustrie kritisiert die Tests
Die Lebensmittelindustrie betrachtet die Warn-Hinweise als unüberlegten Schnellschuss. Die verwendeten Farbstoffe - allesamt speziell für Lebensmittel zugelassen - seien alt bewährt, hitzestabil, licht- und säurebeständig. Derzeit bewertet die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit die Zusatzstoffe neu.
Die Hersteller ärgert, dass die Ergebnisse „durch politischen Druck“ nicht abgewartet werden. Gelbert sagt: „Azofarben standen schon immer in der Kritik, ohne dass dies bislang belegt werden konnte.“ Auch sie bemängelt die „vielen Schwachstellen“ der Southampton-Studie. So sei ein Cocktail aus verschiedenen Farben zusammen mit einem Konservierungsstoff untersucht worden - so dass ein einzelner Stoff gar nicht beurteilt werden kann.
Weil die Forscher nur eine Mixtur untersuchten, könnte es sein, dass lediglich ein Stoff die Hyperaktivität fördert. Andererseits können theoretisch auch andere, nicht getestete Farben diesen Effekt haben. Alle Azofarben zusammen stehen mehr oder weniger im Verdacht, Ausschläge, Atembeschwerden, „Heuschnupfen-Nasen“, Erbrechen oder Kreislaufbeschwerden verursachen zu können. Dabei sind die Beschwerden umso schlimmer, je mehr ein Mensch die entsprechenden Stoffe verzehrt.
Verbraucherschützerin Michel-Dress hat für die komplizierte Sachlage eine einfache Antwort: „Es gehören möglichst wenig Stoffe in Lebensmittel, die zu Allergien oder Unverträglichkeits-Reaktionen führen können.“ Sie appelliert an den mündigen Konsumenten, die Etiketten zu studieren: „Der Verbraucher muss selbst entscheiden, ob er diese Produkte braucht“.
Für Tierfutter ist im Übrigen kein Azofarbstoff zugelassen.
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