Von Antje Hildebrandt, 30.01.09, 19:35h, aktualisiert 30.01.09, 23:29h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Scheck, Sie sind ein Meister des bösen Verrisses. Bestücken Sie doch mal die Top Ten der Belletristik-Charts mit Ihren Empfehlungen.
DENIS SCHECK: Ich bin kein Meister des Verrisses. Lobhudelei ist meine Spezialität. Auf Platz eins meiner persönlichen Top Ten stünde Arno Schmidt mit „Kaff auch Mare Grisium“. Das ist ein Roman, der ein längeres Gedankenspiel über eine Mondkolonie entwickelt und der ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass man Literatur braucht, wenn man mehr als ein Leben führen möchte. Platz zwei: Tolkien: „Der Herr der Ringe“, der beste Roman über den Zweiten Weltkrieg ...
Jede Kritik ist subjektiv. Finden Sie es nicht ein wenig anmaßend, den Lesern vorzuschreiben, was gute und was schlechte Literatur ist?
SCHECK: Kritik lässt sich durchaus objektivieren. Ich schreibe niemandem etwas vor. Ich tue mich schwer mit der Rolle des Literaturkritikers als Lesepolizist. Ich sehe mich eher als jemanden, der anderen Kuchen mit eingebackenen Feilen überreicht, die sie aus ihrem Gefängnis befreien.
Bei Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin denn mal weg" haben Sie sich zu der These verstiegen, er habe in jedem zweiten Buch einen 100-Euro-Schein versteckt.
SCHECK: Ich glaube sogar, er hat in jedem Buch einen 100-Euro-Schein versteckt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sich dieses Buch so gut verkauft und gar keinerlei Fragezeichen in Leserhirnen aktiviert. Es gibt da zum Beispiel eine Passage, in der er erklärt, wie er in einem Channeling-Seminar auf seine frühere Existenz als Ordensbruder gestoßen ist, der im Zweiten Weltkrieg jüdische Verfolgte gerettet hat.
Elke Heidenreich gelang es mit „Lesen!“ regelmäßig, Bücher, die ihr gefielen, in die Bestseller-Charts zu katapultieren. Das Fernsehen scheint die ideale Plattform zu sein, um andere zu missionieren?
SCHECK: Wenn ich eine Werbesendung machen wollte, würde ich Heizdecken verkaufen.
Wo ist die Grenze zwischen Verkaufen und seriöser Literaturkritik?
SCHECK: Seriös haben Sie gesagt. Wir nehmen uns ja nicht sehr ernst. Zuallererst wollen wir eine halbwegs interessante und spannende und hoffentlich auch amüsante Sendung über Literatur machen. Wir machen Fernsehen. Lesen ist eine Tätigkeit, die sehr öde im Fernsehen aussähe. Da säße ein dicker, schwäbischer Literaturkritiker in einem Sessel und würde so alle zwei Minuten mal umblättern. Sie kommen ja aus dieser Aporie nicht heraus. Sie können entweder über ein Buch reden, oder Sie können mit dem Autor eines Buches reden. Aber Literatur im Fernsehen kann ebenso wenig stattfinden wie Fernsehen in der Literatur.
Die Sendung kann dazu anregen, ein Buch zu lesen.
SCHECK: Wenn Sie ein Fußballspiel im Fernsehen verfolgen, werden die allerwenigsten Zuschauer dadurch angeregt, Fußball zu spielen. Das ist nicht der Grund, warum es Sportsendungen gibt. Die müssen sui generis eine Qualität haben. Es wäre also absurd, eine Literatursendung nur daran zu messen, wieviele Zuschauer hinterher lesen. Wir sind doch nicht in der Dritten Welt, wo ich eine Alphabetisierungskampagne machen muss.
Elke Heidenreich setzt auf das Internet. Wie gefällt Ihnen die Sendung?
SCHECK: Ich habe noch keine Zeit gehabt, mir die Sendung anzusehen.
Profitieren Sie von dem Aus der ZDF-Sendung „Lesen"?
SCHECK: Ich bedaure das Aus jeder Literatursendung. Da die Sendungen sehr unterschiedlich waren, glaube ich aber nicht, dass wir von dem Aus profitieren.
Warum sollte man sich „Druckfrisch“ anschauen?
SCHECK: Von Lichtenberg stammt der schöne Satz, dass, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es hohl klingt, das nicht unbedingt am Buch liegen muss. Wir filmen in „Druckfrisch“ den Zusammenstoß von Büchern und Köpfen. Ich will dokumentieren, dass es in der Welt der Bücher auch sehr unterhaltsam und lustig sein kann. Etwa, wenn Katja Lange Müller über Drogen und die DDR spricht.
Sie bekommen bestimmt regelmäßig Post von den Zuschauern?
SCHECK: Ja, am besten gefallen hat mir eine Zuschrift. Da schrieb mir ein Mann, er sei "ein Sammler von Uhren prominenter Besitzer."Er bat mich, ihm meine Uhr zu schicken, weil das ein besonders faszinierendes Schweizer Exemplar sei. Leider hat er vergessen, Geld beizulegen.
Also, wenn das der Maßstab einer Literatursendung ist, die Uhr des Moderators .... ich an Ihrer Stelle wäre beleidigt.
SCHECK: Ich nicht. Seither denke ich darüber nach, Bargeld prominenter Besitzer zu sammeln. Dieser Sammler hatte immerhin schon die Uhr von Roberto Blanco.
„Druckfrisch“, Sonntag, 23.35 Uhr, ARD
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