Von Claudia Lehnen, 26.01.09, 15:22h, aktualisiert 02.02.09, 08:41h
"Ich habe Ihnen die Möglichkeit gegeben, unseren Termin zu verschieben", sagt Dirk Heinrichs, als er mich mit finsterer Mine und unter Kapuze an der Statue stehen sieht. Was er nicht sagt: Er hat mir den Schwarzen Peter zugeschoben. "Bleibt es bei Morgen? Wetteraussichten sind nicht gerade kuschelig (also für mich schon ;-)", hat er in seiner SMS am Vorabend geschrieben. Wie hätte ich reagieren sollen? "Verschieben. Ich bin aus Zucker"? Die Blöße wollte ich mir nicht geben. "Ich wollte nicht als Schlappschwanz dastehen", sagt Heinrichs. "Ich auch nicht."
Also ziehen wir das jetzt durch. Als wir über die Südbrücke Richtung Deutz joggen, peitschen die Regentropfen uns schräg ins Gesicht. Ich versuche gleichmäßig zu atmen und nicht allzuviel zu quatschen. Schließlich muss ich meine Kräfte einteilen. Denn Dirk Heinrichs ist topfit. Er macht jeden Tag Sport. Zehn Kilometer, hat er angekündigt. Er sieht aus, als würde er mich schon nach dreien in die Knie zwingen können.
Dirk Heinrichs ist nicht immer derselbe. So wie das bei Fischen eben üblich sei. Und bei Zwillingen, in dessen Aszendent er geboren wurde. Das wird nicht nur in seinem Berufsleben deutlich, das er aufgesplittet hat zwischen dem Schreiben, der Schauspielerei und dem Engagement als Anti-Gewalt-Trainer für Schüler. Auch sein Gesicht verändert sich.
Heinrichs war mal Lenny Winkler bei der RTL-Serie "Die Sitte". Und genau wie der harte Ermittler, der die Verdächtigen verunsichern soll, wirkt der 43-Jährige auch. Kantiges Gesicht. Scharfe Falten um den Mund. Die Stirn zusammengerafft. Dreitagebart. Augen unter hügeligen Brauen. Wenn Heinrichs mit Zähnen lacht, verwandelt er sich. Er sieht aus wie ein Clown, sein Mund zieht sich breit über das Gesicht. Die Falten um den Mund geraten in Bewegung, elastisch wie Hüpfgummis.
So passt Heinrichs auch in die Schule. Er initiiert Workshops unter dem Motto "Sprache gegen Gewalt". Er will, dass die Jungen Zivilcourage entwickeln. Und, wie werde ich couragiert? "Immer das Opfer ansprechen. Das schließt den Täter aus, gleichzeitig benötige ich dafür weniger Mut." Heinrichs hat vor kurzem zum Beispiel eine Frau angesprochen, die an der Straßenbahn-Haltestelle von zwei Männern belästigt wurde. Er sagte nur: "Hallo Schatz, entschuldige, dass es so spät geworden ist." Die Aufdringlichen zogen sich zurück.
Heinrichs ist verheiratet und ist abends gerne mit seiner Frau allein zu Hause. Sie nervt es, wenn er zu wenig im Haushalt macht. "Obwohl ich früher gerne gekocht und gebügelt habe. Meine beiden großen Brüder fanden das immer gut, wenn meine Eltern verreist waren und ich für sie gebügelt habe."
Und eigentlich - das verrät Heinrichs ganz am Ende, als wir auf der Rodenkirchener Brücke wieder das Wasser überqueren - ist er ein Romantiker. Nicht im Sinne von Kerzen anzünden. Aber in seinem Verständnis von Liebe. "Liebe ist bedingungslos. Und sie ist die einzige Möglichkeit, die Einsamkeit des Individuums zu überwinden." Und auch wenn sich Heinrichs etwas wünschen dürfte, hätte das immer etwas zu tun mit der Liebe. "Alle anderen Dinge sind im Vergleich so leicht zu erreichen."
Ich wünsche mir einen heißen Tee. Und ein Taschentuch. Meine Nase schnieft schon seit der Südbrücke.
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