Von Tim Stinauer, 24.01.09, 10:02h
Unten vor der Bühne verschränkt Musical-Leiter Benedikt Enderle die Arme vor der Brust und staunt. Mit seiner Künstlertruppe spielte der Schweizer in Gefängnissen auf der ganzen Welt, ein Talent wie Ufuk hat Enderle auf seinen Tourneen noch nicht erlebt. "Der soll mir seine Texte geben", sagt er. Vielleicht machen wir was mit ihm, wenn er rauskommt."
Dickes Vorstrafenregister: Raub, Erpressung, Hehlerei
Ufuk Atas ist 19 Jahre alt, sein ganzes Leben hat er in Gummersbach verbracht. Ein halbes Jahr saß der Schulabbrecher in der Kölner JVA, diese Woche wurde er nach Siegburg verlegt, im Oktober kommt er womöglich vorzeitig frei. Sein Vorstrafenregister liest sich wie die Akte eines Berufsverbrechers: Raub, Körperverletzung, Diebstahl, räuberische Erpressung, Hehlerei. Und jetzt: schwerer Raub und Körperverletzung. Sein Opfer kam mit Prellungen ins Krankenhaus.
Das Bild, als seine Mutter bei seiner Verhaftung im Juli in der Wohnung auf den Boden sank und flehte: "Gott schütze meinen Sohn!", dieses Bild könne er nicht vergessen, erzählt Ufuk Atas heute, während er auf der Matratze in seiner Zelle sitzt. In jener Nacht, als Zivilpolizisten ihn vor den Augen der Mutter und seiner kleinen Schwester abführten, habe er sich geschworen, ab sofort ein redliches Leben zu führen. "In dem Moment hätte ich mir die Kugel geben können", rappt Ufuk in seinem Song "Wofür". Hinter Gittern hat er ein Lied für seine Mutter und die Schwester geschrieben, es soll eine Art Entschuldigung sein, sagt er. Die ersten Zeilen lauten: "Mama, verzeih mir, wisch dir deine Tränen weg. Mach dir keinen Kopf, mach dir keine Sorgen, ich werde wiederkehren."
Die Musik sei in jeder Situation bei ihm, sagt der 19-Jährige. "Sie hilft mir, hier drin klarzukommen." Wenn er seine Zelle putzt, singt er vor sich hin. "Plötzlich macht es klick, dann habe ich wieder eine neue Zeile, dann schreibe ich die auf und putze weiter."
Lieder mit autobiografischen Inhalten
Jedes seiner Worte begleitet Ufuk Atas mit einer lässigen Handbe- wegung, mit dem Oberkörper wippt er beim Reden auf und ab. Am rechten Handgelenk klimpert ein silbernes Armband, ein Geschenk von seiner kleinen Schwester. "Prollschmuck", sagt er und grinst.
Mehr als 50 Songs hat der schlanke Häftling, der die blauen Anstaltsklamotten gerne eine Nummer größer trägt, bisher geschrieben, zwei Mixtapes produziert. Er ließ 1500 CDs brennen, verteilte sie in zwei Hip-Hop-Läden und in Friseurgeschäften in Gummersbach. Seine Texte drehen sich um Gewalt. "Sie handeln von der Scheiße, die ich gebaut habe." Von Wohnungseinbrüchen, Überfällen auf Geschäfte, Schlägereien, die er mit seiner Clique erlebt hat: "Habe auf die Schule geschissen, wollte mein eigenes Ding machen, drehte ein paar krumme Sachen", rappt Ufuk.
Werner Baumgarten, der Leiter des Jugendbereichs der JVA, kennt die Texte. Notgedrungen. "Ich höre ihn, wenn ich in meinem Büro sitze. Das schallt ja über den ganzen Hof." Sprechgesang sei unter den jungen Gefangenen schwer beliebt. Aber so intensiv wie Ufuk betreibe das niemand, sagt Baumgarten.
Schwester: "Er war das Problemkind"
Mit seinen Songs tritt Ufuk in der Kirchengruppe im Gefängnis auf. In Gummersbach hat er im Jugendheim vor 200 Leuten gespielt. "18 Minuten Action, mein geilstes Konzert". Ist er stolz auf seine Straftaten? "Früher fand ich es cool, wenn Zwölfjährige sagten: »Ufuk, ich will so werden wie du«." Und heute? "Tja, Scheiße, wenn ich überlege, dass ein Junge vielleicht im Knast landet, weil er denkt, er sei cool, und ich bin schuld daran."
60 Kilometer und 40 Autominuten entfernt, sitzt Tuba Orak auf dem Sofa in ihrer Erdgeschosswohnung in Gummersbach. Sie ist Ufuks ältere Schwester. Verheiratet, zwei kleine Kinder und eine blütenweiße Weste bei der Polizei. So wie der Rest ihrer Familie, die zum Teil in Gummersbach lebt, in einem Stadtteil, der nicht mehr ist als eine Ansammlung von Wohnhäusern, durchzogen von einem Flüsschen und einer Fußgängerzone mit den üblichen Filialen großer Ketten. 4219 Einwohner. Die meisten Geschäfte schließen um 18 Uhr, außer zwei Imbissen und dem Fitnessstudio am Busbahnhof. "Kriminell waren hier nur Ufuk und seine Freunde", sagt Tuba Orak und schenkt Kaffee ein. Was ist schief-gelaufen bei ihrem Bruder? Die 25-Jährige denkt lange nach. "Ich finde, dass auch meine Familie Schuld trägt", sagt sie. "Er war das Problemkind, er war immer für alles der Schuldige, und sei es nur, dass beim Fußballspielen eine Scheibe kaputtging." Irgendwann sei Ufuk immer aggressiver geworden.
Wenn das Gespräch auf seine Leidenschaft kommt, den Rap, dreht Tuba Orak die Augen zur Decke. "Ich kann mir das Zeug nicht anhören. Aber Ufuk macht das wohl sehr gut." Sie hofft, dass die Musik ihren Bruder von der schiefen Bahn abbringen wird. Aber sie ist skeptisch. "Er soll erst mal eine richtige Arbeit finden und eigenes Geld verdienen." Ufuks Mutter sieht das ähnlich. Sie will, dass ihr Sohn eine Ausbildung anfängt. Sie gibt vor allem seinem Freundeskreis die Schuld an seiner kriminellen Karriere. "Er könnte jeden Beruf schaffen, wenn er will. Anwalt zum Beispiel. Er ist nicht dumm, aber er hat die falschen Freunde." Mit Rap kann die Mutter nichts anfangen. "Leute, die diese Musik machen, sind Gangster und kiffen."
Bild des "Gangster-Rappers" lehnt Ufuk ab
Dabei lehnt ihr Sohn das Image als "Gangster-Rapper" ab. "Wir sind doch nicht in Amerika", sagt er. "Viele Rapper in Deutschland wollen was vermitteln, was sie gar nicht sind. Die faken, und das kränkt mich." Ufuk will glaubwürdig wirken. "Ich will den Jungs, die nach mir kommen, etwas mitgeben." Werner Baumgarten, der JVA-Beamte, hofft, dass der 19-Jährige die Kurve kriegt. Wetten will er darauf aber nicht. "Wenn er sich draußen von seinen alten Freunden fernhält, dann kann er es schaffen."
Hinter Gittern bastelt Ufuk an seiner Karriere. Holt seinen Hauptschulabschluss nach und will nach seiner Entlassung als Automechaniker arbeiten. Er will Geld verdienen, um seine Musik zu finanzieren, sich ein vernünftiges Tonstudio einrichten und noch mehr CDs produzieren.
Er träumt von einem Auftritt im E-Werk in Köln, vor 1500 Zuschauern. Einen Künstlernamen hat er schon. Ufuk Atas nennt sich "Jamez Rhym", nach dem Kämpfer aus dem US-Spielfilm "Der Soldat James Ryan" mit Tom Hanks. An der Figur imponiere ihm ihr Ehrgeiz, sagt Ufuk. "James Ryan bleibt stark. Er lässt sich von niemandem abbringen. Er zieht sein Ding durch. So wie ich."
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