Von Irene Meichsner, 02.02.09, 20:54h, aktualisiert 02.02.09, 21:06h
Aber auch noch schwerer wiegende gesundheitliche Probleme rücken ins Blickfeld. Epidemiologisch gesichert sind zum Beispiel erhöhte Risiken für chronische Verdauungsbeschwerden und eine höhere Anfälligkeit für Infektionen. Schichtarbeiter leiden häufiger an Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das Nationale Forschungszentrum zum „Working Environment“ in Dänemark stellte fest, dass vor allem Frauen, die auf Dauer Nachtschichten leisten müssen, insgesamt ein höheres Frühinvaliditätsrisiko haben als Tagschichtbeschäftigte. Eine Expertengruppe des WHO-Krebsforschungszentrums IARC in Lyon ließ im vorigen Jahr weltweit die Alarmglocken schrillen. Sie stufte die Nacht- und Schichtarbeit in einer Eilmeldung als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, stellte sie damit auf eine Ebene mit Bleifarbe, Acrylamid, UV-Strahlen und bestimmten Schwermetallen. Eine Langfassung der Studie war noch für 2008 in Aussicht gestellt, sie wird mit Spannung erwartet.
Die IARC stützt sich insbesondere auf Erkenntnisse aus Japan und den USA, wonach Schichtarbeit bei Männern mit einem erhöhten Risiko von Prostatakarzinomen einhergeht, bei Frauen mit einem höheren Risiko von Brust- und Dickdarmkrebs. Vor diesem Hintergrund forderte der IARC-Spezialist für Risk Assessment, Vincent Cogliano, weitere Studien, um „potenziellen Risiken auch bei anderen Krebsformen nachzugehen“.
Der Kölner Arbeitsmediziner Thomas Erren stößt ins gleiche Horn. Er wertete in einer „Metastudie“ die Ergebnisse von insgesamt 30 internationalen Studien aus, die sich mit Flugpersonal und Schichtarbeitern befassen. Beim Flugpersonal habe sich ein um 70 Prozent höheres Brustkrebsrisiko gezeigt, bei Prostatakrebs sei das Risiko um 40 Prozent gestiegen. „Ähnliche Ergebnisse erhielten wir bei Schichtpersonal.“ Noch hätten solche Erhebungen methodische Schwächen, räumt der Kölner Forscher ein: „Bisher haben wir für diese Art von Studien keine internationalen Standards.“ Um wirklich zuverlässige Aussagen über den Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und Krebs machen zu können, müsse man „als Erstes Vergleichbarkeit herstellen“.
Von der Gefahr gesundheitlicher Probleme ist eine immer größere Anzahl von Menschen betroffen. Man schätzt, dass mittlerweile bis zu einem Fünftel der arbeitenden Bevölkerung in Europa und Nordamerika in mehr oder weniger größerem Umfang Schichtarbeit leistet - vor allem im Gesundheitswesen, etwa in Krankenhäusern, aber auch in der Chemie- und Metallindustrie, im Transport- und Kommunikationswesen, im Strafvollzug, in Rechenzentren, bei der Polizei und Feuerwehr.
„Schichtarbeit ist ein ständiger Kampf gegen die innere Uhr, weil diese Leute immer Lichtsignale auf dem Heimweg bekommen, so dass ihre innere Uhr wieder auf Tag zurückgestellt wird“, sagt Anna Wirz-Justice, Leiterin der Abteilung Chronobiologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel: „Auch wenn man nur Nachtschicht arbeitet, ist man nie ganz umgestellt auf die Nacht. Und diese Desynchronisation zwischen dem Taktgeber, der sagt, jetzt soll man wach sein, jetzt soll man etwas leisten oder jetzt soll man schlafen, ist bei Schichtarbeitern fast immer vorhanden.“
Darunter scheinen die verschiedenen „Chronotypen“, in die sich Menschen unterteilen lassen, in unterschiedlichem Maße zu leiden. Die einen nennt man die „Lerchen“. Sie erwachen morgens schon relativ früh, sind dafür am Abend aber auch früher müde. Die „Eulen“ hingegen gehen erst später ins Bett - und kommen morgens nur schwer aus den Federn. Manches kann mit Schlafgewohnheiten zu tun haben. Doch zu einem guten Teil hat die größere Tages- oder Nachtaktivität auch physiologische und genetische Gründe.
Zeitzentrale hinter der Nasenwurzel
Etwa auf der Höhe der Nasenwurzel hinter den Augen fanden Wissenschaftler im Gehirn eine Art von „Zeitzentrale“: eine Struktur von der Größe eines Reiskorns. Von ihr führen Nervenstränge zur Zirbeldrüse, wo während der Dunkelheit das „Schlafhormon“ Melatonin ausgeschüttet wird. Erst wenn das Tageslicht ins Auge fällt, reduziert der Körper die Produktion von Melatonin normalerweise wieder. Das Melatonin macht Menschen müde. Bei den „Lerchen“ steigt der Melatonin-Pegel schon früher am Abend, bei den „Eulen“ hingegen erst später.
Aus Tierversuchen weiß man, dass ein Melatonin-Mangel die Entstehung von Krebs begünstigen kann - eines jener Indizien, auf die die IARC-Forscher und andere Experten ihren Krebsverdacht stützen. Denn Nachtarbeit findet in beleuchteten Räumen statt, die Mitarbeiter gehen im Hellen nach Hause. Die Folge ist eine chronische Verminderung der Melatonin-Produktion - eine mögliche Erklärung für die erhöhten Krebsraten, die bei Schichtarbeitern beobachtet wurden. Die Einstufung als „wahrscheinlich krebserregend“ wird laut Definition vergeben, wenn die Belege am Menschen zwar noch „begrenzt“ sind, Hinweise aus Tierversuchen aber bereits genügen, um einen solchen Verdacht zu begründen.
Idealerweise würde man den Arbeitsalltag zumindest dem jeweiligen „Chronotyp“ anpassen, um gesundheitlichen Problemen von Schichtarbeitern vorzubeugen. Doch eine solche Flexibilität lässt der Lebens- und Arbeitsstil in den industriellen Gesellschaften kaum zu. Mit Hilfe von Fragebögen wird versucht, zu ermitteln, welcher Kategorie - „Lerchen“ oder „Eulen“ - einzelne Menschen angehören. Einen solchen Fragebogen hat der Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt.
Mit einem ähnlichen Fragebogen arbeitet auch Barbara Griefahn vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. Sie fragt zum Beispiel: „Um wie viel Uhr werden Sie abends müde und haben das Bedürfnis, schlafen zu gehen?“ Oder: „Wie ist Ihr Appetit in der ersten halben Stunde nach dem Aufwachen?“ Griefahn wollte genauer wissen, wie es „Lerchen“ und „Eulen“ wegstecken, wenn sie zu Schichtarbeit herangezogen werden. Das Ergebnis entsprach ihren Erwartungen: „Lerchen leiden ganz besonders unter Nachtarbeit. Spättypen hingegen tun sich eher mit Frühschichten schwer.“ Bedenklich stimmt eine Pilotstudie in Griefahns Dortmunder „Schichtarbeitsraum“, bei der erstmals unter experimentellen Bedingungen die Cortisolwerte, die auf Stress deuten, gemessen wurden. Die Untersuchung ergab Hinweise darauf, dass speziell morgenorientierte Personen, also die „Lerchen“, nicht nur subjektiv mehr unter Schichtarbeit leiden, sondern auch eher gefährdet sind, bei langfristig wiederholter Nachtarbeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.
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