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Kultur-Eklat

Die Wiederkehr der Editha

Von Günter Kowa, 04.02.09, 19:18h

Die Städte Halle und Magdeburg streiten sich um die Überreste einer Königin. Das Kampf um den Sarg der Editha könnte jetzt zum Politikum werden. Archäologen fanden die Bleikiste im Dom zu Magdeburg - und schleppten ihn dann nach Halle.

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Chefrestaurator Heinrich Wunderlich öffnet den mutmaßlichen Sarg der Königin Editha (910-946). (Bild: dpa)
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Chefrestaurator Heinrich Wunderlich öffnet den mutmaßlichen Sarg der Königin Editha (910-946). (Bild: dpa)
Die Vorwürfe um das Grab der Gemahlin Otto des Großen gehen bis zur Störung der Totenruhe.

Die Erzrivalität zwischen Köln und Düsseldorf verblasst zum Geplänkel, wenn man die dagegenhält, die seit Jahrhunderten zwischen der wirklichen und der Möchtegern-Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, Magdeburg und Halle, gärt. Die Moritzburg in Halle ist ihr untilgbares Menetekel: Sie war die Zwingburg der lange vorherrschenden Magdeburger Erzbischöfe. Heutzutage zankt man sich um Gelder für Museen und Straßenbau, aber das wäre ja nichts Besonderes. Nun haben sich die Animositäten aber an einem Kulturgut europäischer Bedeutung entzündet.

Wie bereits kurz berichtet, haben Archäologen im Magdeburger Dom das mutmaßliche Grab der Königin Editha (910-946), der ersten Gemahlin des späteren Kaisers Otto des Großen entdeckt: in einem Kenotaph, der 1510 zu Ehren Edithas errichtet und reich verziert wurde. Laut Überlieferung aber war er leer und titulierte deshalb als Scheingrab. Zum Vorschein kam eine Bleikiste kaum länger als ein ausgestreckter Männerarm, auf der eine lateinische Inschrift „die geborgenen Reste“ der „Editha Regna“ als Inhalt angab. Die Archäologen ahnten also, dass sie eine große Entdeckung gemacht hatten - und schafften die Kiste umgehend ans Museum für Vorgeschichte in Halle.

Das war im November vergangenen Jahres. In Magdeburg erfuhr niemand etwas von dem Vorfall, nicht einmal Matthias Puhle, der Direktor des Kulturhistorischen Museums, das mit großen Ottonen-Ausstellungen von sich reden machte, und auch nicht Lutz Trümper, der Oberbürgermeister. Diese wurden erst informiert, als das Museum zu Beginn vorvergangener Woche die Öffentlichkeit von der Existenz des Editha-Sarkophags unterrichtete. Seitdem wechseln sich Vorwürfe mit Entschuldigungen, Verdächtigungen mit Dementis ab.

Es zirkulieren gar Emails, die behaupten, das Editha-Grab sei schon zu DDR-Zeiten entdeckt worden, wovon aber unter lang gedienten Dom-Historikern keiner etwas gehört hat. Eins drauf setzte Domprediger Giselher Quast, der die Archäologen bezichtigte, Abmachungen gebrochen und die Totenruhe gestört zu haben. Unklar ist, warum er das nicht bei der Graböffnung sagte, bei der er dabei war. Und deren Umstände die Wissenschaftler zur Erklärung für ihr Handeln vorweisen: Die Bleikiste war verrostet, sie drohte durchzubrechen - eine sofortige Überführung in das bestens ausgestattete Labor der jüngst neu gebauten Restaurierungswerkstatt am halleschen Museum schien geboten.

Das Hickhack droht nun das Interesse am eigentlichen Gegenstand zu verdrängen. Tatsächlich waren die Archäologen im Magdeburger Dom nicht auf der Suche nach Editha. Mehr noch, ihr eigentlicher Auftrag hatte sogar einiges mit der Mehrung des Ruhms der Stadt zu tun. Das Bauwerk feiert im kommenden Jahr seine Grundsteinlegung vor 800 Jahren als - Köln höre! - erster gotischer Dom auf deutschem Boden. Kunsthistorisch ist das ein wenig herbeigeredet, denn der erste Baumeister dachte sichtlich noch in spätromanischen Formen, aber der Binnenchor immerhin wuchs bald schon mit Bündelpfeilern und Kreuzrippengewölben lehrbuchmäßig schlank in die Höhe.

Doch die Stadt wusste damals schon, was sie Kaiser Otto schuldig war. Man barg Säulen aus dessen Vorgängerdom und baute sie, anachronistisch genug, in die Wandgliederung ein. Die Gebeine des Kaisers wurden in ein schmuckloses, aber würdiges Grab im Chor umgebettet. Nun ist überliefert, dass Otto in Magdeburg überaus prachtvoll und großartig baute. Neben dem Dom gab es das Mauritiuskloster und bedeutend war auch seine Kaiserpfalz.

Mitte der 60er Jahre glaubten Archäologen, diese entdeckt zu haben, doch die jüngsten Grabungen lassen es gewiss erscheinen, dass die Fundamente nahe der nördlichen Längsseite des Doms zu einem gigantischen Sakralbau gehören. Ist es das Mauritiuskloster? Wenn ja, dann war Editha laut Quellen dort begraben. Doch das Kloster brannte ab. Daneben stand eine ebenso grandiose Kirche - an der Stelle des heutigen Doms. Reste des Vorgängerbaus wurden stichprobenartig schon vor Jahren ergraben. Sie sind bemerkenswert, weil sie von der Achse des Nachfolgers um wenige Grad abweichen. Die neuen Grabungen sind viel umfangreicher. Sie haben bereits Gräber an der Stelle der Vierung dieses Vorgängerbaus entdeckt - ein symbolhaft hervorgehobener Ort.

Und das Editha-Kenotaph steht auf einem Fundament, das viel größer als diese Steinkiste ist. Da stand also ein älteres, größeres Grabmal darauf. Die Inschrift auf dem Bleisarkophag nennt das Jahr 1510, als „schon die zweite Erneuerung dieses Monuments gemacht worden ist“. Damals zumindest war man überzeugt, die Gebeine gehörten der Königin - die wohl aus dem Kloster gerettet und in den ottonischen Dom überführt worden waren. Und das ist es, was die Archäologen derzeit suchen: mögliche Reste eines Editha-Grabmals. War es anders ausgerichtet als der Dom, und orientierte man den gotischen Dom daran?

Doch nun warten alle auf die Untersuchungen am Inhalt der Bleikiste. Es sind nur Reste von Knochen darin, auch ein Unterkiefer war auf Röntgenaufnahmen zu sehen: Stammen sie von einer Person, war sie weiblich, um die dreißig? Und die Tücher, in die die Gebeine gehüllt sind, wie alt sind sie? Nicht nur in Halle, auch in Labors an den Universitäten von Mainz und Bristol wird nun mit allen relevanten naturwissenschaftlichen Methoden weiter geforscht: Mit der C 14-Analyse nach dem Alter, anthropologisch nach dem Geschlecht, und die Strontium-Isotopie soll an den Zähnen feststellen, wo der oder die Tote Wasser getrunken hat. In Südengland vielleicht, und später in Mitteldeutschland? Dann war's Editha, ganz bestimmt.



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