Von Ronny Blaschke, 05.02.09, 23:38h, aktualisiert 05.02.09, 23:39h
Wer diese Minuten verfolgt, der kann erahnen, warum Hertha BSC trotz der vielen Schwankunken auf Platz zwei der Fußball-Bundesliga liegt. Der Schweizer Trainer Favre, hat dem einst schreckhaften und überheblichen Hauptstadtklub einen verlässlichen Rhythmus beigebracht. Am heutigen Freitag (20.30 Uhr / Premiere) können die Berliner mit einem Sieg in Bielefeld vorübergehend Tabellenführer werden. Der Kommentar von Favre: „Wir müssen realistisch sein. Wir können gegen den Ersten gewinnen und gegen den Letzten verlieren.“
Lucien Favre (51) ist ein bescheidener Mann, darin unterscheidet er sich von Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha BSC. Hoeneß nutzte den Aufschwung im vergangenen Herbst, um seine eigenen Verdienste hervorzuheben. Damit brachte er sogar den Vereinspräsidenten Werner Gegenbauer gegen sich auf, einen seiner Freunde. In Wahrheit offenbart Favre zahlreiche Fehler des mächtigen Managers. Hoeneß hat zwar professionelle Strukturen geschaffen, aber bei Transfers viele Millionen verbrannt. In Favre ist ein in Deutschland bis dahin unbekannter Schweizer angetreten, der die Mannschaft innerhalb von anderthalb Jahren nahezu komplett ausgetauscht hat.
Favre wägt jede Entscheidung genau ab, Charakter und Intelligenz der Spieler sind ihm wichtiger als Schusstechnik und Kopfballspiel. Er scheint der erste Trainer zu sein, der sich von Hoeneß nicht hereinreden lässt. Im Gegenteil: Auf den Torjäger und Publikumsliebling Marko Pantelic möchte Favre ab Sommer verzichten, er ist dessen Eskapaden leid. Und siehe da: Inzwischen prägen Zugänge wie Cicero, Kacar, Woronin, Raffael oder Nicu die Darbietungen. Selbst langjährige Stammspieler wie Friedrich oder Simunic haben unter Favre ein stabiles Niveau erreicht. Dieter Hoeneß erkennt bei Favre „eine klare Handschrift. Er macht Spieler stärker und hat den Charakter der Mannschaft positiv verändert“. Die Folge: elf Saisonsiege, 36 Punkte, Favre verlängerte seinen Vertrag in der vergangenen Woche vorzeitig um ein Jahr bis 2011.
Ein Jahr zuvor möchte Dieter Hoeneß den Vorsitz der Geschäftsführung abgeben. Hertha BSC will seine Führungsebene umstrukturieren. Das Ziel: die langfristige Etablierung in der europäischen Spitze. Der Verein scheint auf der Suche nach einem glaubwürdigen und bundesweit interessanten Profil endlich fündig geworden zu sein. Unter Favre wird das Kapitel der Egozentriker bei Hertha BSC, das auch von Marcelinho oder Alex Alves geprägt worden war, vermutlich beendet sein. Zugeben würde er das nie, es spräche gegen sein Naturell.
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