Von Michael Hesse, 06.02.09, 23:07h, aktualisiert 11.02.09, 10:54h
Einflussreiche Ratgeber
Die Politikwissenschaft in Bonn zählte lange Zeit zu den einflussreichsten Einrichtungen in der bundesdeutschen Politikberatung. Diese Ära endete mit dem Wegzug der Regierung nach Berlin im Jahr 1999. Jetzt feierte das Institut sein 50-jähriges Bestehen mit einem Festakt. Die „Väter“ Karl Dietrich Bracher und Heinz-Adolf Jacobsen waren persönlich erschienen. Die Anwesenheit von Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf von Lambsdorffs oder Klaus von Dohnanyi dokumentiert den Schulterschluss mit der Figuren der Bonner Republik.
Nicht nur in der Ära Adenauer waren die Bonner Politikwissenschaftler unter der Federführung Brachers in der politischen Debatte stets präsent. Wiederaufrüstung, Ostpolitik, die großen Themen wurden stets auch von Bracher oder dem nicht minder einflussreichen Hans-Adolf Jacobsen kommentiert. Die Wege von der Theorie bis ins Regierungsviertel waren damals nicht lang. Bracher wurde 1964 Mitglied der „Kommission zur Beratung der Bundesregierung in politischen Fragen“, was seinen Anspruch, praxisbezogen Politikwissenschaft zu lehren, untermauerte.
Die heutige Generation der „Politikwissenschaftler“ hat es da unwesentlich schwerer. Das Institut in der Lennéstraße weist beneidenswert schöne Büroräume für das wissenschaftliche Personal aus. Raum für ein globales Denken, das angesichts der direkten Auswirkung globaler Prozesse auf die nationale politische Großwetterlage notwendiger denn je erscheint, ist so gesehen genug gegeben. Man sieht sich als Teil einer langen Reihe von Politikberatern. Bracher und Jacobsen bildeten da gar nicht mal den den Anfang. Der politische Kopf der Göttinger Sieben, Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860), lehrte bereits in Bonn. Dahlmann wurde 1848 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung - im ersten, gescheiterten Anlauf der Deutschen zu einer Demokratie.
Die Nachfolge von Bracher und Jacobsen trat etwa Hans-Peter Schwarz an, der sich in Diskussionszirkeln bei dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl wiederfand. Klaus Kaiser, der in den 90er Jahren in Bonn wirkte, wirkte in die transatlantischen Beziehungen mit hinein. Christian Hacke lehrte als einer der versiertesten USA-Kenner in Bonn. Die Bonner Politikwissenschaft, sagt der heutige Leiter des Instituts, Professor Tilman Mayer, „war ein Erfolgsmodell.“ Der Geschäftsführer und Politikwissenschaftler Volker Kranenberg sehen die Aufgaben der Bonner Politikwissenschaft in der Gegenwart und in der Zukunft in einem erweiterten Horizont. In den 80er Jahren richtete sich der Blick angesichts des „Eisenern Vorhangs“ stark nach Osten. Die heutige Perspektive ist demgegenüber multidimensionaler.
„Eine Bonner Schule im engeren Sinne gibt es zwar nicht“, sagt Kranenberg, der für die junge, nachdrängende Generation politischer Vordenker steht. Liberal und vielfältig seien die Ansätze im Institut. Totalitarismusforschung, Demokratieforschung, zeitgeschichtliche Forschung, Parteienforschung und Biografik sind die Schwerpunkte. Der Denkfabrik geht es nunmehr um die Trias deutsche, europäische und globale Politik. Der Wegzug des Forschungsgegenstandes Regierung nach Berlin habe das Leben zwar nicht einfacher gemacht, sagt Tilman Mayer. Die Aufgabe wurde dennoch gut gemeistert, sagte Mayer auf dem Festakt im Haus der Geschichte: „Dass uns dies gut gelungen ist, zeigt die breite Verankerung der Bonner Politikwissenschaft in der Region und die Kooperation mit vielen Institutionen.“
Bonn bleibt attraktiv
Bonn sei mit seinen zahlreichen wichtigen Institutionen wie etwa der Robert-Schuman-Stiftung oder der entwicklungspolitisch wichtigen Einrichtung wie BICC (Bonn International Center for Conversion) - einer gemeinnützige Organisation, die sich für die Förderung von Frieden und Entwicklung einsetzt - nicht nur für Studenten ein attraktiver Anziehungspunkt.
Mayer kann aus seinem Bürofenster direkt auf die juristische Fakultät blicken, einem weiteren Aushängeschild der Bonner Universität. Dort lehrt Udo di Fabio, ein aktueller Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Während bei den Bonner Juristen der Einfluss auf die Politik somit leibhaftig gegenwärtig ist, verbleibt der Denkfabrik die schöne Aufgabe, den deutschen Blick für die globale Perspektive zu schärfen.
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