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Tatort

Unter dem gestylten Kopftuch

Von Tilmann P. Gangloff, 06.02.09, 22:11h, aktualisiert 06.02.09, 22:13h

Der Ehrenmord ist ein gern gesehener Gast im „Tatort“. Zum vierten Mal innerhalb eines guten Jahres spielt eine Geschichte unter Türken. Nach „Schatten der Angst“ (SWR) und „Wem Ehre gebührt“ (NDR) gab es noch Proteste, aber schon der ORF-Beitrag „Baum der Erlösung“ vor einigen Wochen wurde anstandslos hingenommen.

Mukkades Korkmaz
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Mukkades Korkmaz (Proschad Madani)
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Mukkades Korkmaz (Proschad Madani)
Offiziell hofft man daher bei Radio Bremen, das Thema werde nicht mehr für Aufregung sorgen. Sollte das Gegenteil passieren, hätte das seinen Grund. Schriftstellerin Thea Dorn und ihre Koautorin Seyran Ates, eine für ihren Einsatz gegen Zwangsheirat und häusliche Gewalt in Migrantenfamilien ausgezeichnete Anwältin, siedeln ihre Geschichte zwar in einer traditionsbewussten türkischen Familie an, doch ansonsten widersprechen die Hauptfiguren dem gängigen Türkenklischee.

Streitbare Anwältin

Patriarch Durmus Korkmaz (Erol Sander), ein Bauunternehmer, ist äußerst wohlhabend und hat als ein angesehenes Mitglieder der Bremer Gesellschaft beste Beziehungen zum Senat. Auch unter Designer-Kopftüchern, so die streitbare Anwältin Ilhan kann sich fundamentalistisches Gedankengut verbergen. Deshalb führt die Spur geradewegs in die Familie, als Korkmaz älteste Tochter ermordet wird: Sie ist das schwarze Schaf der Familie, als Jugendliche ausgerissen, hat Medizin studiert, sich in einen Deutschen verliebt und ist schwanger geworden. Natürlich lebt der Film vor allem vom vermeintlichen Widerspruch: Die archaischen Familienstrukturen, in denen die Männer alles und die Frauen nichts sind, verbindet man automatisch mit einfachen Menschen. Den Kontrast verkörpert vor allem Korkmaz junior (Elyas M. Barek): hier die erlesene Garderobe und der teure Sportwagen, dort die ungezügelte Wut, wenn seine Schwestern der Familie Schande bereiten. Prompt ist Anwältin Ilhan (Dorkas Gryllus), eine enge Freundin der Toten, das nächste Opfer: Sie hat jungen Türkinnen geholfen, dem Teufelskreis aus Zwangsheirat und Familienehre zu entkommen. Natürlich steht der jähzornige Ferhat bei Hauptkommissarin Lürsen (Sabine Postel) und ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) ganz oben auf der Liste. Hauptverdächtiger ist allerdings zunächst der Witwer (Roman Kni~ka), doch es kommt, wie die Ermittler befürchten: Der jüngste Sohn (Kostja Ullmann) nimmt die Tat auf sich; er würde mit einer Jugendstrafe davonkommen.

Dorn und Ates gestalten die Geschichte ungeheuer komplex; schon allein die vielen Mitglieder der türkischen Familie sind faszinierende Figuren, die zudem ausnahmslos ausgezeichnet verkörpert werden (Regie: Mark Schlichter). Gerade Erol Sander, ansonsten fast ausnahmslos in Degeto-Schnulzen als feuriger Liebhaber besetzt, spielt den türkischen Familienvater ganz vorzüglich. Trotzdem lebt der Film in erster Linie vom aufeinander prallen der Kulturen. Entsprechend deplatziert ist ein als Comedy-Einlage gedachter Seitenstrang mit dem Hund der Kommissarin, der allerlei Unfug macht.



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