Erstellt 09.02.09, 22:39h
JÜRGEN TODENHÖFER: Gorbatschow?
Respekt, das ist richtig, das Zitat stammt aus dem Jahr 1985.
TODENHÖFER: Ich habe später mit Gorbatschow gesprochen. Er sagte, Breschnew habe den Krieg ganz alleine angefangen, ohne das Politbüro zu fragen.
Aber jetzt sagen Sie uns doch einmal, was dieses arme, zerklüftete Land so gefährlich macht, dass ständig fremde Truppen durchmarschieren?
TODENHÖFER: Das Land ist nicht gefährlich, aber geostrategisch wichtig. Hier liegt seine Tragik. Von Afghanistan aus kann man Indien, Pakistan, Iran und Russland dominieren. Das ist einer der Gründe, warum Alexander der Große, die Mongolen, die Briten, die Russen und jetzt die Amerikaner in das Land gegangen sind. Heute kommt hinzu, dass es große Erdgasvorkommen am Kaspischen Meer gibt.
Das hört sich ja mehr nach Macht- und Profitstreben an. Angeblich aber wird doch unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt.
TODENHÖFER: Politiker, die George W. Bush persönlich gut kennen, haben mir glaubhaft erklärt, dass für ihn der Kampf gegen den Terrorismus wohl im Vordergrund stand. Aber geostrategische Gründe haben sicher auch eine Rolle gespielt. Faktum ist, dass wir durch den Krieg in Afghanistan unsere Sicherheit nicht vergrößern, sondern gefährden.
Inwiefern?
TODENHÖFER: Die Hauptterrorgefahr für uns geht nicht von irgendwelchen Taliban oder anderen Gruppen aus, die in Afghanistan oder im Irak gegen die ausländische Besatzung kämpfen. Die Hauptgefahr für uns sind vom Westen gezüchtete, junge muslimische „Disapora-Terroristen“, die mitten unter uns leben. Das sind häufig junge Leute ohne berufliche Perspektive. Die schauen sich nicht die 'Tagesschau' an, sondern Al-Dschasira. Da sehen sie jeden Tag, wie durch westliche Waffen in Afghanistan oder im Irak unschuldige Muslime getötet werden. Irgendwann beschließt ein winziger Prozentsatz von ihnen, der nicht größer ist als der Prozentsatz rechtsradikaler Schläger im Westen, sich gewaltsam zu wehren. Auch wenn sich diese Diaspora-Terroristen El Kaida nennen, sind sie doch nur El-Kaida-Kopien ohne Kontakt zum Original, das hinter 9 / 11 stand. Mit jeder westlichen Bombe, die in Afghanistan muslimische Zivilisten tötet, wächst die Zahl dieser El-Kaida-Kopierer.
Und dieser Zusammenhang ist der großen Politik nicht klar?
TODENHÖFER: Die meisten deutschen Politiker wissen, dass sie durch den Krieg in Afghanistan die Terrorismusgefahr in Deutschland erhöhen. Aber ihnen fehlt der Mut, aufzustehen und 'Stopp' zu sagen. Und sie wissen nicht, wie man aus diesem Schlamassel wieder herauskommt. Das wiederum hängt damit zusammen, dass die meisten westlichen Politiker in Wirklichkeit keine Ahnung von Afghanistan und Pakistan haben.
Tun Sie da Ihren früheren Kollegen nicht unrecht?
TODENHÖFER: Selbst die Politiker, die schon mal dort waren, sind fast immer nur zu westlichen Militärlagern oder zu Regierungsgebäuden gefahren. Kaum einer hat mal ein paar Tage im Land gelebt.
Wie würde sich dann unsere Sicht auf Afghanistan ändern?
TODENHÖFER: Man würde wie die afghanische Bevölkerung erkennen, dass die Strategie, Dörfer zu bombardieren, völlig falsch ist. Dieser Krieg wird überwiegend aus der Luft geführt. Dabei werden immer Zivilisten getötet. Wir leben im Medienzeitalter und jeder kann sehen, wie anschließend Kinder aus zertrümmerten Häusern geborgen werden. Wer will es den Einheimischen verdenken, dass sie dann die Taliban unterstützen. Wir brauchen in Afghanistan nicht mehr Truppen, sondern eine neue Strategie. Das hat auch Präsident Hamid Karsai immer wieder betont. Auch in München. Dafür trifft ihn jetzt der ganze Zorn des Westens, der einen Sündenbock für sieben Jahre falsche Afghanistanpolitik braucht.
Der Afghanistan-Beauftragte der USA, Richard Holbrooke hat ja am Wochenende angedeutet, dass seine Regierung keine Aufstockung des deutschen Kontingents erwartet. Beruhigt Sie das?
TODENHÖFER: Was die neue US-Regierung sagt, ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, was der afghanische Präsident und das afghanische Volk sagen. Und die wollen keine zusätzlichen Truppen. Wenn wir trotzdem mehr Soldaten nach Afghanistan schicken, dann ist das nicht mehr Kampf für Afghanistan, sondern Kolonialismus. Die Afghanen wollen diesen Krieg schon lange nicht mehr.
Braucht ihn denn der Westen? TODENHÖFER: Kennen Sie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern? Erst ganz am Schluss sagt ein kleiner Junge: „Aber der Kaiser läuft ja nackt herum.“ Keiner der Erwachsenen hatte sich vorher getraut, die Wahrheit zu sagen. So ist das auch mit dem Afghanistankrieg. Die Nato steht in Afghanistan längst in den Unterhosen da. Aber keiner wagt es auszusprechen.
Glauben Sie, dass mit Obama eine Wende eingeläutet wird? TODENHÖFER: Mittelfristig hoffe ich es. In München gab es ja positive Signale. Aber vorerst sollen leider mehr Truppen nach Afghanistan. Mehr Truppen heißt mehr Tote, mehr Tote heißt mehr Taliban, mehr Taliban heißt mehr Terror weltweit, auch in Deutschland. Auch für den sympathischen US-Vizepräsident Jo Biden gilt, dass er einmal eine Woche in einer afghanischen Familie verbringen sollte. Dann wüsste er, dass Krieg auch in Afghanistan die völlig falsche Strategie ist.
Wie sieht denn Ihre Afghanistan-Strategie aus?
TODENHÖFER: Die Nato hat am Anfang Hilfsprojekte gefördert und militärisch abgesichert. Das war eine sinnvolle Friedensmission. Später ist sie immer mehr zum offensiven Kampf übergegangen. Dieser Kampf ist am risikolosesten, wenn man Bomben aus großer Höhe abwirft. Dabei stieg logischerweise die Zahl der zivilen Opfer und das führte zur Wiederbelebung der Taliban. Wir selbst haben die Taliban wieder stark gemacht.
Kann es aber nicht auch so sein: Da die Taliban den zunehmenden Einfluss der Fremden spürten, sind sie zum verstärkten Terror übergegangen. Daraufhin musste die Nato militärisch stärker auftreten?
TODENHÖFER: Die Afghanen haben ein Gen gegen ausländische Invasoren. Ausländische Truppen sollten sich in diesem Land nie zu lange aufhalten. Man hätte die anfängliche Aufbaustrategie intensivieren sollen. Aber dafür hatte man wegen des Irakkriegs offenbar keinen Kopf und keine Mittel mehr. Wir haben uns aus der Rolle des Befreiers in die Rolle des Besatzers bombardiert.
Warum haben Sie für diese Position so wenig öffentliche Unterstützung?
TODENHÖFER: Das ist doch Mehrheitsmeinung der Deutschen! Ich bekomme sogar Mails von Soldaten in Afghanistan, von hohen Offizieren, die fragen: „Was machen wir eigentlich hier?" Die lesen auch die Berichte der Nachrichtenagenturen: „US-Militärs melden Erfolg gegen Taliban." Und dann sehen sie im afghanischen Fernsehen, dass diese angeblichen Taliban sechs Monate alt sind. Das ist die Tragödie, aus der wir mit Anstand schnell rausmüssen.
Was heißt 'mit Anstand raus'?
TODENHÖFER: Wir haben kein Mandat, das Land zu bombardieren. Die Taliban und ihre ausländischen Verbündeten bedrohen uns im Westen nicht. Das Motto muss daher heißen: Schulen statt Bomben. Wir müssen Arbeitsplätze schaffen, die Arbeitslosigkeit ist unglaublich hoch. Diese Maßnahmen müssen militärisch abgesichert werden. Wichtig ist außerdem: Die afghanische Nationalarmee und die Polizei müssen deutlich besser bezahlt werden als die Taliban. Denn nur Afghanen können Afghanen besiegen.
Das hört sich ja nicht so neu an. Das sind doch Punkte, die selbst bei der Mandatsverlängerung im Bundestag und auf der Sicherheitskonferenz in München als vorrangig bezeichnet wurden.
TODENHÖFER: Aber sie spielen nicht die tragende Rolle. Die USA wollen ihre Truppen erst einmal fast verdoppeln. Das bedeutet mehr Krieg. Aber Afghanistan braucht Frieden.
Wie lange bleiben westliche Truppen noch am Hindukusch?
TODENHÖFER: Die oben genannten Ziele sollten - flankiert von Verhandlungen mit den Taliban und mit den Nachbarn Afghanistans - spätestens in einem Drei-Jahres-Zeitraum erreicht werden. Wenn wir länger bleiben, endet das in einem Desaster.
Das Gespräch führte Thomas Geisen
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